Im vergangenen Jahr konnte der südhessische Kommunalversorger GGEW seinen Gewinn trotz schwierigen Marktumfelds noch steigern. Dieses Jahr dürfte ihm unter anderem zugute kommen, dass er in den vergangenen Jahren sein Erneuerbaren-Portfolio konsequent ausgebaut hat und nun in diesem Bereich von stark gestiegenen Strompreisen profitieren dürfte. Doch wie hat sich das Unternehmen bei nun so zentralen Themen wie Beschaffung und Liquiditätssteuerung aufgestellt? Und welche Situation bereitet den Verantwortlichen besonders große Sorgen? Ein Gespräch mit GGEW-Vorstand Carsten Hoffmann.
Herr Hoffmann, Uniper braucht eine höhere Kreditlinie, in Österreich ist mit Wien Energie ein größerer Regionalversorger in Finanznöten, in Deutschland hat mit dem Energiewerk Ortenau eine erste kommunale Vertriebsgesellschaft kapituliert, in Bad Säckingen musste ein Stadtwerk stabilisiert werden. Erleben wir eine weitere Zuspitzung in der Energiekrise, wie dringlich ist ein Rettungsschirm für die Branche?
Es gibt eine wirtschaftliche Lücke zwischen den Vorbelastungen, die wir Energieversorger von den Vorlieferanten und aus den neuen Umlagen bzw. Umlagenerhöhungen haben werden und dem, was wir an die Kunden weiterreichen können. Zusätzlich drohen Forderungsausfälle, weil die notwendigen Preiserhöhungen ab dem Herbst von vielen Kunden nicht gezahlt werden können. Das wird zu einer Verschärfung der Situation bereits Anfang 2023, vor allem aber 2024 führen. Damit darf man die kommunalen Unternehmen und die Gesellschafter nicht alleine lassen.
Erwarten Sie eine Gasmangellage und wie kann die gegebenenfalls noch abgewendet werden?
Wir steuern insbesondere dann auf eine Gasmangellage zu, wenn der nächste Winter sehr kalt wird und die Liefermenge aus Russland weiter unkalkulierbar auf niedrigem Niveau bleibt. Daher kann es schon wahrscheinlich sein, dass die dritte Stufe im Gas Notfallplan noch in diesem Jahr ausgerufen wird. Der wichtigste Hebel, um das zu verhindern, ist Energiesparen. Jeder Haushalt kann hier seinen Verbrauch um mindestens 20 Prozent reduzieren.
Aber das Energiesparen muss noch konsequenter erfolgen. Da hat die Politik schon einiges auf den Weg gebracht. Das muss aber weiterhin ständig ins Bewusstsein der Menschen gebracht werden. Mich stimmt jedoch optimistisch, dass die Gasspeicher schneller wie geplant befüllt werden und die Rückgänge der Energieverbräuche schon deutlich sichtbar sind.
Der Gasabsatz bei GGEW ist wesentlich höher als der Stromabsatz. Wie weit sind Sie bei der Eindeckung für 2023?
Wir haben die Eindeckung sowohl bei Gas als auch bei Strom für 2023 bereits abgeschlossen. Wir haben die letzte Tranche zugemacht, bevor die Wartungsarbeiten an Nord Stream 1 im Juni begonnen haben. Das war eine Bauchentscheidung. Wir hätten noch ein paar Wochen Zeit gehabt.
Die Herausforderungen für die Energieversorger sind hier immens. Um eine genaue Verbrauchsprognose erstellen zu können, müsste man wissen, wie viel Gas genau eingespart wird und wie viel Strom zusätzlich über Heizlüfter im kommenden Winter verbraucht wird.
Beim Strom wird es zu einem Mehrverbrauch kommen. Wir können diese Mengen für 2023 aber nicht einfach vorsorglich kaufen, sondern werden das bei Bedarf alles über den kurzfristigen Spothandel laufen lassen müssen. Das wird die Beschaffungskosten noch einmal verteuern. Daher muss sich jedes Energieversorgungsunternehmen Gedanken machen, ob die Lastprofile noch dem aktuellen Verbrauchsverhalten gerecht werden.
Und wie sieht die Eindeckung für 2024 aus?
Wir fangen jetzt schon mit der Beschaffung für 2024 gemäß unseren Beschaffungsvorgaben an, aber in sehr dünn aufgestellten Märkten. Wir können da nur sehr kleinteilig beschaffen und müssen nehmen, was kommt. Das sind zum Teil Krümelmengen, die uns zu normalen Zeiten zu klein gewesen wären. Die Vorlieferanten wollen Sicherheiten in Form von Bürgschaften. Hier sehen wir, dass die Banken vorsichtiger geworden sind im Vergleich zu früher und auch wir als vergleichsweises finanzstarkes Unternehmen werden wesentlich kritischer geprüft und es wird genauer nachgefragt.
Wie sehen Sie die GGEW in punkto Liquiditätssteuerung aufgestellt?
Wenn sich die Preise in diesem Ausmaß erhöhen, stellt das ganz andere Anforderungen an die Liquiditätssteuerung und das Monitoring der Mehr-/Mindermengenabrechnung. Auf dem aktuellen volatilen Marktpreisniveau haben die Effekte aus der Mehr-/Mindermengenabrechnung plötzlich einen Riesenhebel. Bedenken muss man hierbei auch, dass die Effekte hieraus nachgelagert und mit einem schwer zu kalkulierbaren Preis eintreffen.
Risikominimierung und Liquiditätssteuerung wird im kommenden Jahr das Kernthema sein. Da geht es nicht um Kundenzahlen, sondern ein Stück weit ums Überleben. Dank unserer guten Eigenkapitalquote, unserer Liquiditätspolster und unserer zusätzlichen Kreditlinien sehen wir uns hier aber gut gerüstet.
Wir werden den Fokus noch viel stärker auf die Liquiditätssteuerung legen und diese noch enger verzahnen mit Bilanzkreismanagement, Handel und Vertrieb. Wir werden noch genauer prüfen müssen, wo es beispielsweise Ausreißer gibt oder wo ungeplant Liquidität abfließt. Das muss alles Hand in Hand gehen.
Wie ist die Situation bei Ihren Gewerbekunden? Laut Deutschem Industrie- und Handelskammertag sollen ja vielen Betrieben für 2023 noch beträchtliche Energiemengen fehlen?
Wir haben noch einige Kunden, die für 2023 noch nicht eingedeckt sind. Das ist eine dramatische Situation, die mir große Sorgen bereitet. Es gibt auch Kunden im Netzgebiet, die Verträge von uns abgelehnt haben mit der Begründung, dass sie dann ihren Laden schließen könnten. Sie haben darauf gehofft, dass sich am Spotmarkt bessere Preise erzielen lassen. Das war leider ein Trugschluss. Energieeinkauf wird immer mehr zur Geldanlage, an die man tranchiert ranmuss.
Was sind für Sie die Lehren aus der aktuellen Energiekrise?
Die Gasmarktkrise ist ein Brennglas auf die Prozessqualität in den Energieversorgungsunternehmen. Dort, wo Prozesse früher nicht gut liefen, sind die schlechten Prozesse oftmals nicht entdeckt worden, weil sie über die Preisausschläge keine Schmerzen verursacht haben. Jetzt tut es richtig weh.
Weil die Prognosequalität einen großen Wert hat, sollte man alles daransetzen, die Prozesse anzuschauen, und wie man künftig besser den Energiebedarf prognostizieren kann. Da legt die aktuelle Krise wirklich ein Brennglas drüber. Auch wir haben hier noch Verbesserungspotenzial bei der Prognosequalität. Es gibt aber noch einen zweiten wichtigen Punkt.
Bitte, fahren Sie fort.
Wir werden wahrscheinlich bei der Gasversorgung einen Kipppunkt bekommen, weil das Vertrauen in Gas losgelöst davon, dass wir bis 2045 klimaneutral sein wollen, erschüttert ist. Die Menschen suchen sich jetzt Alternativen zur Gasversorgung. Das wird zu massiven Mengenrückgängen führen, Margen im Vertrieb und im Netz fallen weg. Und das fordert Energieversorger heraus, alternative Geschäftsfelder aus- und aufzubauen, vorrangig natürlich im Bereich der Erneuerbaren.
Erneuerbare sind die Strompreisbremse schlechthin, weil die Gestehungskosten deutlich niedriger sind als wir sie vom Spothandel oder von den normalen grauen Energiemärkten erwarten dürfen. Das muss ein Energieversorger mit Kraft voranbringen, um dort Erzeugungskapazitäten zu bekommen und natürlich auch Lösungen mit Industriekunden, Photovoltaikanlagen über Contracting, Wärmepumpencontracting und so weiter, um an der Infrastruktur zu partizipieren und mit Kunden Lösungen zu finden, über PPAs etc. Und natürlich Geschäftsfelder entwickeln, die im jeweiligen Geschäftsgebiet opportun sind, bei uns ist es beispielsweise der Glasfaserausbau.
Wo stehen Sie da aktuell?
Wir sind seit 2002 Telekommunikationsanbieter. Der Glasfaserausbau ist für uns ein Wachtsums- und ein Wettbewerbsthema. Wir werden hier in den nächsten fünf Jahren 30 Mio. Euro investieren. Der Zuspruch in unserer Region ist trotz großer Konkurrenz sehr hoch. In den letzten Jahren hatten wir jährliche Wachstumsraten zwischen 15 und 20 Prozent.
Der Aufbau des Geschäfts braucht einen langen Atem, wir sind aber bereits profitabel. Aktuell haben wir 7000 Kunden, bis 2030 sollen es über 20.000 sein. Das würde einem Marktanteil von über 30 Prozent entsprechen. In einigen Kommunen liegen wir über 50 Prozent. Ich bin sehr optimistisch, dass wir das schaffen werden. Wir haben eine tolle Mannschaft, die das vorantreibt.
Das Interview führte Hans-Peter Hoeren
