Von Hans-Peter Hoeren
In Zukunft gibt es weniger Gas und das merken die Stadtwerke: Der Anteil des Gasgeschäfts bei den Stadtwerken Göttingen werde von zwei Dritteln in 2017 auf rund ein Drittel im Jahr 2028 sinken, erklärt der kaufmännische Vorstand Frank Wiegelmann. Das hänge zum einen mit Mengeneffekten, aber auch mit dem Ausbau von Geschäftsfeldern wie Fernwärme und erneuerbare Energien zusammen.
Dass das "Brot- und Buttergeschäft Gas" perspektivisch unter Druck kommen und ein Auslaufmodell werden wird und man zur Kompensation rechtzeitig andere Standbeine stärken muss, dafür hat das Querverbundunternehmen vor einigen Jahren in einem Strategieprozess die Weichen gestellt. Der Umsatz der Energie- und Wassersparte im Kommunalkonzern lag pro Jahr im Schnitt bei etwa 120 Millionen Euro, der Gewinn vor Steuern (EBT) bei rund 8,5 Millionen Euro. "Dieses Ergebnislevel haben wir künftig als stark gefährdet eingestuft und wollten es mindestens stabilisieren", so Wiegelmann. Als eine Option, um Gas zu ersetzen, wurde die Fernwärme identifiziert.
Zunehmend plattformbasierter Vertrieb
Auf vier größeren Säulen steht die Strategie des Kommunalversorgers, an dem neben der Stadt (50,1 Prozent) auch der große Netzbetreiber und Energiedienstleister Energie aus der Mitte (EAM) und Gelsenwasser beteiligt sind. Neben dem Ausbau der grünen Fernwärme und der erneuerbaren Stromerzeugung ist dies ein zunehmend digitaler, plattformbasierter Vertrieb mit wachsendem Fokus auf Energielösungen für Gewerbe- und Privatkunden sowie dem Bereich Mobilität. Hierfür wird das Unternehmen rund 350 Millionen Euro investieren.
Erst vor Kurzem hatte der Kommunalversorger den interkommunalen Photovoltaik-Freiflächenpark in Deiderode im Landkreis Göttingen in Betrieb genommen. Auf 28 Hektar wurden dort in den letzten Monaten 46.000 Solarpaneele installiert, die jährlich bis zu 31,5 Millionen Kilowattstunden (kWh) erneuerbaren Strom in das vorgelagerte Netz einspeisen werden. Die Vermarktung der Strommengen erfolgt über ein PPA (Power Purchase Agreement).
"Kooperationen spielen für unsere Zielerreichung eine zentrale Rolle", erklärt der kaufmännische Vorstand. Gemeinsam mit der Gesellschafterin EAM und benachbarten Kommunen und Stadtwerken, der Stadt und dem Landkreis wurde vor einigen Monaten hierzu eine eigene Gesellschaft gegründet: die "Energieregion Göttingen".
"Erneuerbaren-Ausbau soll regionales Geschäft bleiben"
"Wir glauben, dass wir das Erneuerbaren-Wachstum in erster Linie in der Region realisieren können und wollen zudem, dass dies ein regionales Geschäft bleibt und nicht vorwiegend von externen Projektierern übernommen wird", verdeutlicht Wiegelmann. Ziel der Energieregion Göttingen sei es vor allem, Kräfte zu bündeln, sich vorhandene Flächen zu sichern, die Wertschöpfung in der Region zu halten und die regionalen Stakeholder an den Erträgen und Wachstumspotenzialen zu beteiligen.
Im Zuge der Digitalisierung des Vertriebs für Energielösungen haben die Stadtwerke Göttingen die Produktfamilie "Neuwerk" ins Leben gerufen, die Solaranlagen, Speicher und Wallboxen umfasst. Perspektivisch sollen weitere Produkte wie Wärmepumpen hinzukommen.
"Unser Kundencenter vor Ort wird ein Alleinstellungsmerkmal bleiben. Gleichzeitig wollen wir es unseren Kundinnen und Kunden so einfach wie möglich machen, einen Vertrag mit uns abzuschließen. Dafür arbeiten wir stetig daran, unsere Balance zwischen Pragmatismus und Formalismus zu schärfen." Weiter wachsen will man auch im Stromvertrieb, die Zahl der Ladevorgänge an den Ladesäulen steigt stetig und der Switch bei der Wärmeversorgung zur Wärmepumpe bietet weiteres Potenzial.
Kulturwandel im Unternehmen soll fit für künftige Herausforderungen machen
Abgerundet wird das durch den Bereich Mobilität. Rund 100 Ladesäulen mit 11 kW gibt es bereits in der Universitätsstadt, hier liegt der Fokus auf dem Ausbau der Schnellladesäulen.
Parallel zur Transformation des Geschäftsmodells hat das Unternehmen vor einigen Jahren auch einen Kulturwandel angestoßen, um zukünftigen Anforderungen mit den passenden Fähigkeiten und einer offenen Haltung zu begegnen. "Dabei stehen Weiterentwicklung, Teamgeist und Eigenverantwortung im Fokus – immer mit dem Ziel, gemeinsam leistungsstark und motiviert die Herausforderungen der Zukunft zu meistern."
Zum Kulturwandel gehören regelmäßige Mitarbeiterbefragungen, die gemeinsame Entwicklung von Unternehmenswerten, Transparenz sowie regelmäßige Informationen für die Mitarbeitenden. Hinzu kommen klar definierte Rollenprofile, Leitbilder für Führungskräfte und Mitarbeitende sowie Leitungs- und Bereichskreise. Auch ein regelmäßiges Veranstaltungs- und Austauschformat fördert die bereichsübergreifende Zusammenarbeit. Zudem trifft sich monatlich ein Kulturbarometer-Team mit Kolleg*innen aus 17 Abteilungen, um kritisches Feedback aus dem Unternehmen aufzunehmen, gemeinsam Lösungen zu finden und diese umzusetzen.
"Mittlerweile haben wir die dritte Phase im Veränderungsprozess erreicht und treiben den Wandel aus eigener Kraft voran."
"Wir haben diesen Veränderungsprozess in mehrere Phasen eingeteilt. Während in der ersten Phase der externe Berater eine zentrale Rolle gespielt hat, haben wir mittlerweile die dritte Phase erreicht, in der wir den Wandel aus eigener Kraft vorantreiben", sagt Wiegelmann. Rund 50 bis 60 Prozent des eigenen Zielbilds habe man bereits umgesetzt – "eine solide Grundlage, auf der wir weiter aufbauen können".
Besonders motivierend sei, dass der Großteil der rund 190 Kolleg*innen den Kulturwandel aktiv mitgestalteten. "Natürlich gibt es immer einen kleinen Teil, der Veränderungen kritischer gegenübersteht, aber das gehört zu jedem Prozess dazu und spornt uns an, weiterhin voranzugehen."
Bilanzsumme hat sich fast verdoppelt
Die Weichen im Unternehmen stehen ganz klar auf Wachstum. Die Jahresergebnisse liegen mittlerweile bei etwa 14 Millionen Euro. Grundlage hierfür sind massive Wachstumsinvestitionen. "Unsere Bilanzsumme hat sich seit 2017 nahezu verdoppelt und die Umsatzerlöse sind von 107 Millionen auf 232 Millionen gestiegen."
Die Refinanzierung des Wachstumsprogramms ist ein zentrales Thema. Trotz einer guten Bilanzstruktur wird der Nettoverschuldungsgrad mit den geplanten Investitionen signifikant steigen, so dass auch die Gesellschafter Beiträge leisten müssen, damit die Banken zusätzliches Fremdkapital zur Verfügung stellen. "Wir sind in Gesprächen und sehr zuversichtlich, dass wir das hingestellt bekommen."
"Kommunen können Energiewende nicht altruistisch stemmen"
Damit das Ganze funktioniert, ist vor allem Investitionssicherheit das A und O, sprich stabile und verlässliche Rahmenbedingungen bei der Förderung des Erneuerbaren-Ausbaus, beim Bau der Wärmenetze und beispielsweise der mittlerweile erfolgten Verlängerung des KWK-Gesetzes. "Für die Transformation der Energiewirtschaft ist sehr viel Kapital notwendig, das nur zur Verfügung steht, wenn Investitionen sich rechnen. Das gilt eben auch für uns kommunale Unternehmen. Kommunen selbst können die Energiewende nicht altruistisch stemmen."
Die Energiewende werde aber auch nur gelingen, wenn Kund*innen ein Bewusstsein und eine Wertschätzung dafür hätten, dass grüne Wärme zumindest für einige Jahre noch teurer sei als fossil erzeugte Wärme. "In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit beim Verbraucher wird uns auch das fordern", so Wiegelmann. Die Stadtwerke Göttingen würden ihre Hausaufgaben erledigen, um beispielsweise auf künftig 30 Prozent Anteil der Fernwärme an der Wärmeversorgung zu gelangen. "Dazu benötigen wir aber alle Stakeholder, sonst wird es schwierig."
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