Die E-Werke Haniel Haimhausen nördlich von München versorgen 5000 Menschen in der Gemeinde Haimhausen mit Strom. Auf 15 Quadratkilometern sind rund 2600 Entnahmestellen angeschlossen. Andrea von Haniel ist seit 27 Jahren Geschäftsführerin. Ihr Urgroßonkel James Eduard Haniel von Haimhausen hatte vor 133 Jahren das erste Wasserkraftwerk am Mühlbach im Schlosspark errichtet. Welche Rolle kleine Netzbetreiber bei der Energiewende spielen? Sie sind unverzichtbar, sagt von Haniel selbstbewusst – und zwar aus mehreren Gründen: Sie kennen ihr Netz und ihre Kunden sehr gut. "Wir sind Teil der Gesellschaft in Haimhausen. Wer seine Kunden täglich trifft und mit ihnen spricht, kann auch bedarfsgerecht planen."
Klein zu sein bedeute zudem, schnell und flexibel agieren zu können – wie beim Netzanschluss: "Wenn wir heute feststellen, dass wir morgen etwas ändern müssen, ändern wir das auch morgen – und nicht übermorgen. Von unserer Zentrale aus sind wir innerhalb von zehn Minuten an jedem Netzpunkt." Große Netzbetreiber seien schwerfälliger, weil sie Prozesse extrem standardisiert hätten. Jede Abweichung führe zu Problemen.
Es gibt noch Allrounder
Den Vorwurf, gerade kleine Netzbetreiber verweigerten oft den Netzanschluss, findet von Haniel unberechtigt. Das Problem mit den fehlenden Kapazitäten beträfe große wie kleine Stromverteiler. "Wir alle haben keine Glaskugel und wissen nicht, wer wann wo welche Kapazität anfragt. Es ist ja auch unsere Aufgabe, die Netze so wirtschaftlich wie möglich zu betreiben und auszubauen, damit der Strompreis bezahlbar bleibt. Also gilt es genau hinzuschauen."
Netzkapazitäten auf Vorrat aufzubauen sei unter den jetzigen Rahmenbedingungen wirtschaftlich nicht darstellbar, unabhängig von der Unternehmensgröße. Gerade auch in puncto Resilienz sei es gerade gut, dass Deutschland so viele und auch so viele kleine Netzbetreiber hat. "Bei einem Blackout könnten einige von ihnen Inselnetze aufbauen und mithilfe der kleinen Wasserkraft wichtige Infrastruktur versorgen."
Zudem bekämen es alle Hacker dieser Welt nicht hin, 800 Unternehmen zeitgleich anzugreifen und lahmzulegen. Ein weiteres Plus der "Kleinen": Die Mitarbeiter beherrschen noch die ganze Wertschöpfungskette; Stromerzeugung, -verteilung und -vertrieb. Die großen Unternehmen hätten mit der Liberalisierung des Energiemarktes dagegen "unbundeln", also Netz, Vertrieb und Erzeugung auftrennen müssen. Da sei vernetztes Wissen zwangsläufig verloren gegangen. Ein gutes und widerstandsfähiges System setze sich aus vielen Komponenten zusammen, großen und kleinen. Alle sind wichtig fürs Gesamtsystem.

Je größer der Netzbetreiber, desto unnahbarer ist er auch.
Frank Bürkle
Co-Geschäftsführer E-Werk Stengle
Das E-Werk Stengle betreibt ein 300-Kunden-Netz in Bad Niedernau, einem Ortsteil der Kreisstadt Rottenburg am Neckar nahe Tübingen. Es ist seit 1907 in Familienbesitz. Auch für Co-Geschäftsführer Frank Bürkle sind die dezentralen Strukturen des deutschen Stromnetzes eine Stärke, keine Schwäche. Kleine Betreiber zeichneten sich typischerweise durch vorausschauendes Handeln aus. "Wir betrachten nicht nur das kommende Geschäftsjahr, sondern versuchen, alle Entscheidungen so zu treffen, dass wir uns in zehn Jahren nicht fragen müssen: Wieso haben wir hier kein Leerrohr verlegt und dort keinen größeren Querschnitt des Kabels gewählt? Warum ist bei dieser Trafostation kein Reservefeld mehr frei?"
Der Netzausbau macht Bürkle keine Sorgen. Man sei für alles gewappnet, ob für die Installation von dezentralen Erzeugungsanlagen, Wärmepumpen oder Wallboxen. "Längere Wartezeiten bei EEG-Anschlussanfragen gibt es bei uns nicht."
Und die sprichwörtliche Kundennähe? Bürkle hat den Anspruch, bei der "durchaus komplexen" Energiewende gut zu beraten. Eine Telefon-KI gibt es nicht. Persönlich Rede und Antwort zu stehen, sei wichtig. Auch wegen der großen Unterstützung der Bevölkerung habe sich der Gemeinderat 2013 entschieden, die Stromnetzkonzession wieder an das kleine E-Werk zu vergeben – und nicht an den viel größeren Mitbewerber Energieversorgung Rottenburg. Angenommen, es gäbe eine bundesweite Befragung zum Stromnetz, die Mehrheit würde sich wohl für die bestehende Dezentralität aussprechen, glaubt Bürkle. "Aus Behördensicht wäre ein großer, einheitlicher Netzbetreiber natürlich einfacher. Ob der aber für unsere Kunden besser wäre, wage ich zu bezweifeln. Je größer der Netzbetreiber, desto unnahbarer ist er auch."
Regulierung: Enttäuschung über den Nest-Prozess
Was kleine Netzbetreiber härter trifft als die größeren, ist die zunehmende Komplexität der Stromwelt mit immer mehr Regularien. Bürkle nennt die GPKE (Geschäftsprozesse zur Kundenbelieferung mit Elektrizität) und den 24-Stunden-Lieferantenwechsel. Die Software- und EDV-Kosten in Bad Niedernau sind "in unvorstellbare Höhen" gestiegen. Ähnlich die Situation in Haimhausen bei den E-Werken Haniel: Immer neue Verordnungen, Berichtspflichten und EU-Richtlinien erfordern immer mehr Personal, Know-how und IT. Die Entwickler kämen mit dem Programmieren nicht mehr hinterher, und Marktteilnehmer hätten gar keine Zeit mehr, Prozesse solide zu implementieren und zu optimieren, so Andrea von Haniel. Dies führe zu Fehlern, Mehrarbeit und strapazierten Nerven. Nun komme auch noch die neue Anreizregulierung.
Der Nest-Prozess sei eine Enttäuschung, für Groß und für Klein, kommentiert von Haniel. Als "Hammer" bezeichnet sie den Abbaupfad der Ineffizienzen innerhalb von drei Jahren in der noch fünfjährigen 5. Regulierungsperiode von 2029 bis 2033. Die Rentabilität der Netze läge für kleine Betreiber heute schon oft nur noch im unteren einstelligen Bereich. "Weil wir zum Beispiel auch während einer Regulierungsperiode zusätzliches Personal benötigen, das im Basisjahr noch nicht da war und damit in den Kosten nicht berücksichtigt wird."
Dieses Problem bleibe, auch wenn die Betriebskostenanpassung auf das vereinfachte Verfahren ausgeweitet worden ist. Denn die Anpassung erfolge nur, wenn für den Netzbetreiber neue Aufgaben per Gesetz entstehen. "Ich weiß wirklich nicht mehr, welche Ineffizienzen ich noch abbauen soll. Wir haben schon immer so effizient wie möglich gearbeitet." Dass im neuen Regulierungsrahmen künftig nur noch liquide Mittel und Forderungen in Höhe von 1/24 der jährlichen Netzkosten regulatorisch anerkannt werden, also deutlich weniger als bislang, kritisiert von Haniel auch. "Bei den Investitionen, die in den kommenden Jahren anstehen, ist das aus unserer Sicht viel zu wenig." Zwar habe dies keinen unmittelbaren Einfluss darauf, ob investiert werden dürfe, es schmälere jedoch die Höhe der Verzinsung des eingesetzten Kapitals.
Deutlich weniger Erlös
Auch Fritz Schweiger vom oberbayerischen E-Werk Schweiger schaut mit Unbehagen auf die Nest-Ergebnisse. Zwar weise die Bundesnetzagentur in ihren Berechnungen positive Effekte aus, diese beruhten jedoch maßgeblich auf Sondereffekten wie der Korrektur der Marktrisikoprämie. Insgesamt sei von "deutlich sinkenden Erlöserwartungen" auszugehen, vielfach im zweistelligen Prozentbereich. "Das erschwert gerade uns kleineren und mittelständischen Unternehmen die Kapitalbeschaffung für dringend notwendige Investitionen in Netzausbau und Digitalisierung."
Wettbewerb in der leitungsgebundenen Energiewirtschaft dürfe sich nicht daran entscheiden, wer regulatorische und bürokratische Anforderungen am besten verwaltet, findet Schweiger. "Ein solcher Bürokratiewettbewerb verzerrt den Markt zugunsten großer Strukturen." Es brauche eine "bürokratiearme, mittelstandsgerechte Regulierung". Diese stärke nicht nur kleine und mittlere Netzbetreiber, sondern erhöhe die Leistungsfähigkeit und Resilienz der Branche insgesamt.



