Die Investitionsherausforderungen für die Kommunalwirtschaft sind in den nächsten Jahren aufgrund der Energiewende immens. Doch rein aus der eigenen Kraft, sprich der Innenfinanzierung, ist das nicht zu stemmen. Die Branche in ihrer gesamten Breite stehe deshalb vor der Herausforderung, mehr Eigenkapital zu generieren, betonte Tim Junghans, Leiter Firmenkunden Energiewirtschaft bei der Nord/LB beim jüngsten Online-Diskussions-Format "ZfK im Gespräch". Ein Youtube-Video der kompletten Diskussion ist jetzt online.
"Um die Innenfinanzierungskraft zu. stärken, bleiben eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Effizienzen heben und die Thesaurierung von Gewinnen" , verdeutlichte der Bankexperte. Gerade für kleinere und mittlere Stadtwerke sei die Möglichkeit, Gewinne einzubehalten ein wichtiger Hebel mit Blick auf die künftigen Finanzierungsherausforderungen.
"Investitionsbuckel von 10 bis 15 Jahren überwinden"
"Gesellschafter und Stadtwerke müssen hier auf ein anderes Strategie- und Planungsniveau kommen und auf deutlich längere strategische Planungshorizonte und Laufzeiten schauen als in der Vergangenheit", so Junghans weiter. So lasse sich dann auch transparent gebenüber dem Gesellschafter anhand von konkreten Szenarien und Modellierungen aufzeigen, wann und zu welchem Zeitpunkt das Eigenkapital knapp werden könnte und ein möglicher temporärer Ausschütttungsverzicht des Gesellschafters erforderlich sein könnte.
Die Branche stehe vor einem Investitionsbuckel von 10 bis 15 Jahren, den sie überbrücken müsse. Wenn die Finanzplanung hier auf dieses Erfordernis abstelle, könne den Eigentümern der Stadtwerke so auch klar aufgezeigt werden, ab welchem Zeitpunkt in etwa die zusätzlichen Cashflows aus den anstehenden Investitionen generiert werden und entsprechende Dividendenzahlungen wieder nachgeholt werden könnten.
Stadtwerke Rüsselsheim: Stetiger Dialog mit Aufsichtsrat
Wie dies in der Praxis konkret aussehen und gelingen kann, verdeutlichte Simone Güldner, Prokuristin und Kaufmännische Leiterin bei den Stadtwerken Rüsselsheim. Das mittelgroße, breit aufgestellte, zu 100 Prozent kommunale Querverbundunternehmen ist bereits sehr frühzeitig in einen kontinuierlichen Dialog mit dem Aufsichtsrat über die künftigen Finanzierungsherausforderungen eingetreten.
Das Unternehmen investiert normal rund 10 Mio. Euro pro Jahr in die Instandhaltung der Netze, aufgrund der anstehenden Wärmewende und hohen Erschließungkosten steigt das erforderliche Investitionsvolumen in den nächsten zehn Jahren auf insgesamt rund 200 Mio. Euro. "Allein über die Banken werden wir das nicht finanzieren können", sagte Güldner.
Längerfristige Finanzplanung
Als Reaktion auf die neuen Erfordernisse wurde die klassische Finanzierungsplanung von einem Zeitraum von fünf Jahren auf 15 Jahre ausgeweitet. Anhand von Modelll- und Szenarienrechnungen habe man dem Kontrollgremium plastisch klar zu machen versucht, wie sich die künftigen Investitionsherausforderungen auf wichtige Bilanzkennzahlen wie den Verschuldungsgrad oder das Eigenkapital auswirken werden.
"Wir haben stetig aufgezeigt, dass wir die Gewinne benötigen, um unsere Finanzkraft zu sichern", erklärte die Kaufmännische Leiterin. Mit Erfolg: Die Stadtwerke Rüsselsheim können seit Längerem ihre jährlichen Überschüsse von im Schnitt 3 Mio. Euro pro Jahr einbehalten.
Bilanzneutrale Finanzierungen gewinnen an Bedeutung
Doch auch Thesaurierung und Bankenfinanzierung reichen laut Güldner nicht aus, um in Rüsselsheim den Investitionsbuckel in den kommenden Jahren zu bewältigen. Um weiteres Eigenkapital zu generieren, setzt man deshalb auf die Ausgabe von Genussrechten und prüft bilanzneurtale Projektfinanzierungen. Auch der Einbindung von Finanzinvestoren steht man in solchen klar abgegrenzten Finanzierungsvehikeln offen gegenüber.
Harkner: "Klare Strategien entwickeln"
"Wir werden als Branche lernen müssen, deutlich mehr zu kommunizieren und offenzulegen, klare Strategien zu entwickeln und belastbare Mehrjahresfinanzplanungen vorzulegen", ergänzte Carsten Harkner, Geschäftsführer der Kasseler Verkehrs- und Versorgungs GmbH (KVV).
Zentral für die kommunalen Unternehmen sei es in diesem Prozess, ihre Gesellschafter mitzunehmen. "Wir sprechen in der Branche ganz oft über Selbstverständlichkeiten, mit denen unsere Aufsichtsratsgremien aber nicht ständig zu tun haben", betonte Harkner. Wenn hier der Dialog intensiviert und ein tieferes Verständnis für die Finanzierungsnotwendigkeiten der Stadtwerke geschaffen werde, stiegen auch die Chancen für Thesaurierungen.
Appell an Bundesfinanzministerium
Aber auch an die Politik und die Bundesnetzagentur richtete Harkner einen klaren Appell: "Wir brauchen hier Planungssicherheit für die nächsten Jahre und vernünftige Geschäftsmodelle." In diesem Zusammenhang könne insbesondere das Bundesfinanzministerium beim Thema Gewinneinbehaltung für mehr Planungs- und Rechtssicherheit sorgen.
Er wünscht sich eine allgemeingültige Erklärung des Ministeriums, die Thesaurierungen künftig einfacher händelbar mache. Das aktuelle Prozedere sei zu aufwändig und mit zu vielen Unsicherheiten behaftet. Weil bei diesem Thema immer auch der Ergebnisabführungsvertrag und steuerliche Auswirkungen von Gewinneinbehaltungen hineinspielten, stellen viele Versorger in diesen Fällen aufwändige Einzelanfragen an das Ministerium oder sehen ganz davon ab.
Der VKU hatte in Stellungnahmen und Anfragen diese Vereinfachungen bereits eingefordert, eine klare Positionierung des Ministeriums sei aber bisher noch nicht erfolgt.
"Politik versteht Notwendigkeit eines Energiewende-Fonds"
Der Geschäftsführer der Kasseler KVV warb erneut für den von VKU und BDEW vorgeschlagenen Energiewendefonds. Das Modell sieht vor, dass über institutionelle Investoren entsprechendes Kapital für die Energiewendeinvestitionen eingeworben und entsprechend verzinst wird. Der Bund soll das Modell mit entsprechenden Garantieerklärungen absichern.
"Inoffiziell wird die Notwendigkeit für solch ein Finanzerungsmodell von der Politik verstanden, auch von den beiden betroffenen Ministerien", sagte Harkner. Es sei aber fraglich, ob in der laufenden Legislaturperiode hier aus Berlin noch eine Entscheidung zu erwarten sei.
Branche zeigt sich grundsätzlich zuversichtlich
"Die Zeit drängt. Wenn wir nicht schnell genug agieren und investieren können, wird die Energiewende stocken", mahnte er. Auf Seiten der institutionellen Anleger sei ausreichend Kapital vorhanden, um den Fonds entsprechend zu speisen. "Wenn der Politik nun von allen Seiten klar gemacht wird, dass wir dieses Modell brauchen, sehe ich hier gute Chancen", zeigte sich Harkner zuversichtlich.
Von Seiten des Bundes seien in diesem Modell gewisse Absicherungsinstrumente erforderlich, aber kein zusätzliches Geld. Das müsste eine positive Entscheidung eigentlich deutlich einfacher machen. (hoe)
Um den Energiewende-Fonds und Strategien mit Blick auf die künftigen Investitionsherausforderungen der Kommunalwirtschaft geht es auch bei der VKU-Finanzierungskonferenz am 6. November in Frankfurt am Main. Zur Anmeldung geht es hier.
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