Maik Landwehr ist seit Sommer 2024 Chef der Stadtwerke Rüsselsheim.

Maik Landwehr ist seit Sommer 2024 Chef der Stadtwerke Rüsselsheim.

Bild: © SW Rüsselsheim

Im hessischen Rüsselsheim hat Maik Landwehr die Stadtwerke einmal komplett umgekrempelt. Das Unternehmen, wie es vor einem halben Jahr war, gebe es so nicht mehr, erklärt der Geschäftsführer der Stadtwerke Rüsselsheim. "Ich habe die Organisationsstruktur angepasst, um eine viel stärkere Fokussierung auf unser Kerngeschäft zu erreichen", erzählt Landwehr, der seinen neuen Posten erst im Juli 2024 angetreten ist. Die Mitarbeitenden mussten sich in vielerlei Hinsicht umstellen, auch weil "der Neue" gleich 30 Jahre jünger als sein damals 64-jähriger Vorgänger war.

Meine Eltern hatten schon einen Ausbildungsplatz organisiert.

Diese Karriere wurde Landwehr nicht in die Wiege gelegt. Der 36-Jährige kommt aus einem Dorf in Norddeutschland; in seiner Familie waren weder die Eltern noch seine vier älteren Brüder Akademiker. Landwehrs Entscheidung, nach Karlsruhe zu ziehen, um dort Wirtschaftsingenieurwesen zu studieren, wurde dort erst einmal kritisch beäugt. "Meine Eltern hatten schon einen Ausbildungsplatz bei der örtlichen Volksbank organisiert", berichtet er.

"Es war für mich aber klar, dass ich nicht beurteilen kann, ob dieses Leben auch gut für mich ist, solange ich nichts anderes ausprobiert habe", erinnert sich Landwehr. "Und ich wusste, dass ich akademisch noch etwas leisten kann." Heute schreibt er parallel zum Job eine Doktorarbeit über zellulare Systeme und Sektorenkopplung.

Während des Studiums arbeitete Landwehr in einer Beratungsfirma. "Das war cool, mit Firmenevents im Ausland", sagt er. "Für eine Klausur flog ich dann zurück nach Karlsruhe und wurde vom Chauffeur abgeholt." Aber "Work-Life-Balance" sei in diesem Job natürlich ein Fremdwort gewesen – seine Zukunft stellte er sich anders vor.

Es folgten vier Jahre als Referent im Energiedatenmanagement bei der Gas-Union in Frankfurt mit Büro im Glashochhaus. Dann kam das Angebot aus Rüsselsheim, ab 2018 ein Smart-City-Projekt zu leiten: "Eine große Chance, die mein Interesse aufgrund seiner Vielschichtigkeit und Möglichkeiten weckte", erzählt Landwehr.

Landwehr baut die IT-Abteilung auf

Ein halbes Jahr später, in Rahmen einer Umstrukturierung, wurde er zum Leiter des Bereichs Digitaler Service bei dem Stadtwerk. "Wir haben den Fokus dann mehr auf die Neuausrichtung der IT als zentralen Treiber der Digitalisierung gelegt." Der Bereich wächst von vier auf 20 Mitarbeiter. "Wir haben sukzessive Know-how-Träger reingeholt, die sich aus der Brille der IT heraus zentral mit unseren Prozessen, Systemen und Daten beschäftigt haben." 2024 löst Landwehr dann Hans-Peter Scheerer an der Spitze der Stadtwerke Rüsselsheim ab und beginnt eine Neuorganisation des ganzen Unternehmens.

Ein Heizungsbauer übernahm nicht nur Installationen, sondern auch fachfremde Aufgaben.

"Früher waren Mitarbeiter oft in Aufgabenfeldern tätig, die nicht zu ihrer eigentlichen Expertise passten", erzählt Landwehr. "Ein Heizungsbauer übernahm nicht nur Installationen, sondern auch IT-Aufgaben wie die Verwaltung von Servern." Das habe zu Überlastung und Unzufriedenheit geführt.

Es hätten sich viele dieser Themen verselbstständigt, ohne dass sie zentral aus unternehmerischer Perspektive betrachtet wurden. "Das war damals sicher sinnvoll, aber in Zukunft müssen wir den Overhead reduzieren und die laufenden Kosten und die zukünftigen Investitionen gezielt steuern", sagt Landwehr. So wurden aus sechs Bereichen acht mit spezifischen Spezialisierungen.

Er will führen – nicht mikromanagen

Diese Veränderung betrifft auch die Führungsebene: Wir haben eine Geschäftsleitung etabliert, die gemeinschaftlich Entscheidungen trifft und Experten aus den einzelnen Bereichen einbindet", erklärt der Stadtwerke-Chef. Diese neue Struktur soll nun schrittweise im gesamten Unternehmen umgesetzt werden. "Es geht darum, Entscheidungen dort zu treffen, wo das Know-how vorhanden ist, und den Mitarbeitern die dafür notwendige Verantwortung direkt zu übertragen", betont er. Damit will Landwehr auch Mikromanagement vermeiden, denn für ihn steht fest: "Gute Führung braucht Zeit."

Ein Skandal schlägt noch seine Schatten

Ein Umstand trübt die Aufbruchsstimmung: Die Stadtwerke wurden vor vier Jahren von einem Veruntreuungsskandal erschüttert. Eine ehemalige Mitarbeiterin soll rund 1,7 Millionen Euro auf ein privates Konto umgeleitet haben. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen sie seien leider immer noch nicht abgeschlossen, sagt Landwehr.

"Wir begegnen diesem Thema mit einer möglichst klaren Transparenz und Offenheit, denn nur Verhalten sorgt für nachhaltige Veränderung." Die kriminelle Energie einer Einzelperson dürfe die Vertrauenskultur nicht zerstören."

Landwehr zieht eine positive Bilanz

"Unsere Aktivitäten und Maßnahmen stehen unter dem Motto "#ZukunftStadtwerke", was in Anlehnung an den 'Rüsselsheimer Weg' als unser Leitmotiv dient", erklärt Landwehrr. Dieser Weg steht für die Verantwortung als Infrastrukturbetreiber und für unsere Aufgabe, den Menschen in der Stadt das zu liefern, was sie für ihren Alltag benötigen. "Wir fokussieren uns darauf, die Zukunftsfähigkeit der Stadtwerke zu sichern und zu gestalten, mit einem klaren Bekenntnis zu Verlässlichkeit und Nachhaltigkeit."

Die Ergebnisse der Umstrukturierungsmaßnahmen seien in einigen Bereichen bereits spürbar, berichtet Landwehr. "Rückstände gehören der Vergangenheit an, und durch die stärkere Verantwortung der Mitarbeiter haben wir festgestellt, dass die Motivation gestiegen ist und die Qualität der Arbeit erheblich zugenommen hat."

Der Chef zeigt sich äußert zufrieden mit den Mitarbeitenden der Stadtwerke, die den Wandel mittragen: "Sie erwarten Veränderungen." Nach einem Dreivierteljahr sei die Fluktuation im Unternehmen zudem fast vernachlässigbar.

In der Reihe "Neue Perspektiven" stellt die ZfK jüngere Führungskräfte vor. Kennen Sie weitere interessante Kandidat*innen? Vorschläge gerne an p-faust(at)zfk.de.

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