Der Sommer 2025 war in Mühldorf am Inn lokalpolitisch ein sehr unruhiger. Es gab hitzige Debatten rund um die finanzielle Situation der Stadtwerke. Dem Ersten Bürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzenden Michael Hetzl (Unabhängige Mühldorfer) wurden Intransparenz und sogar Vertuschung vorgeworfen, Hetzl wiederum sprach von "Wahlkampfscharmützeln" im Vorfeld der Kommunalwahlen im März 2026.
Grund für die Aufregung: ein sehr verspätet ans Licht gekommenes Sieben-Millionen-Euro-Defizit aus dem Jahr 2022 und der Umgang von Stadt und Stadtwerken damit. Die Stadt in Oberbayern hatte seinerzeit versucht, den finanziellen Absturz der Stadtwerke aufzufangen und die Insolvenz zu verhindern. Zwischen 2022 und 2025 flossen daher Kredite in Höhe von sieben Millionen Euro an die Stadtwerke – jedoch ohne Wissen und Zustimmung des Stadtrats. Die Stadt hatte den Stadtrat erst in der nicht-öffentlichen Sondersitzung des Stadtrats im August 2025 über die Finanzspritzen informiert.
Lieferverpflichtungen beim Strom wurden zum Verhängnis
Soweit die Problemlage letztes Jahr. Über die eigentliche, schon viel länger zurückliegende Ursache des Millionendefizits wurden Stadtrat und Öffentlichkeit mittlerweile informiert. Werner Kurzlechner, Sprecher der Stadt, erläutert die Zusammenhänge: "Alles geht auf das Jahr 2018 zurück. Damals sind die Stadtwerke für das Jahr 2022 Lieferverpflichtungen eingegangen, hatten aber zu wenig Strom für deren Erfüllung eingekauft. Versehentlich."
Die Nachkäufe wären nach Marktpreisen von 2018 in überschaubarer Höhe erfolgt. Wegen der explodierenden Energiepreise zu Beginn des Ukraine-Krieges sei daraus ein Millionenschaden geworden. "Dieser ist im Grunde allein ursächlich für die Verluste."
Aus Sicht der Stadt und der Stadtwerke war der Schadensfall über die D&O-Versicherung der Geschäftsführung abgedeckt, der Vermögensschaden-Haftpflichtversicherung also. Die Versicherung weigert sich laut Stadt aber bis heute, zu zahlen. Der Rechtsstreit habe dazu geführt, dass sich die Ergebnisprüfungen für die Jahre 2021 bis 2024 verzögerten. "Nach einstimmiger Ansicht des Aufsichtsrates sollte das Ergebnis des Versicherungsfalles abgewartet werden", so Kurzlechner. "Zahlte diese, gäbe es keinen Schaden und keinen Verlust in dieser Höhe."
Stadtwerke erwirtschaften operativ wieder Gewinne
Der Streit mit der Versicherung ist noch nicht abgeschlossen, mittlerweile liegen die Ergebnisse und Zahlen aber vor. Bei der letzten Stadtratssitzung am 10. Februar 2026 hatte Stadtwerke-Chef Alfred Lehmann die vorläufigen, noch nicht abschließend geprüften Zahlen für 2024 präsentiert. Das verkündete Plus von 3,2 Millionen Euro erntete sogar Applaus. Das gute Ergebnis kam trotz rückläufigem Stromverkauf zustande, erklärt Lehmann.
"Bei feststehenden Verkaufspreisen an die Kunden konnten wir über gut getimte Ein- und Verkäufe in einem Markt mit starken Preisschwankungen Gewinne erzielen." Zuvor, im Dezember, hatte Lehmann die bereits testierten Ergebnisse für die Jahre 2021, 2022 und 2023 bekanntgegeben. 2023 lag der Gewinn bei 2,9 Millionen Euro, 2022 bei 165.000 Euro. Für 2021 dagegen steht ein Defizit von 6,7 Millionen Euro in den Büchern. Der Materialaufwand, sonst im Bereich 16 bis 20 Millionen, betrug in diesem Jahr 28,5 Millionen Euro – Folge des stark verteuerten Stromeinkaufs 2022.
Wie es dazu kam, dass jetzt 2021 das Verlustjahr ist und nicht mehr 2022? "In den Jahresabschlüssen ist der Schaden durch den Versicherungsfall von den Prüfern mit 6,7 Millionen Euro im Jahr 2021 angesetzt", erläutert Kurzlechner. Es sei gesetzlich vorgeschrieben, in das letzte offene Geschäftsjahr zu buchen. Weil noch kein Abschluss für 2021 gemacht war, fiel der Verlust bilanziell in dieses Jahr. Die entsprechende Rückstellung wurde 2022 aufgelöst, sodass im Jahresabschluss 2022 ein kleiner Gewinn steht. Das ändere aber nichts daran: Das Problem lag in Wirklichkeit im Jahr 2022, nicht im Jahr 2021.
"Geldanlage" ohne Zustimmung
Die Stimmung in der Lokalpolitik in Mühldorf am Inn ist mittlerweile eine ganz andere als noch im Sommer – auch weil die Angelegenheit mit den Krediten soweit bereinigt wurde. Im Rahmen einer Sondersitzung am 10. Februar hatten Bürgermeister Hetzl und Lehmann im Detail erklärt, woher das Geld für die Darlehen genommen wurde, wer in die Abläufe zu welchem Zeitpunkt eingebunden war und wer welche Entscheidungen traf. Im Dezember 2025 seien die letzten Gelder zurückgezahlt worden.
Für die "Geldanlage" zur Stützung der Stadtwerke und die Zinseinnahmen in Höhe von 380.000 Euro sei nach damaliger Einschätzung keine Zustimmung des Stadtrats nötig gewesen. Nach seinen Ausführungen war abgestimmt worden: Der Stadrat missbilligte einstimmig die Kreditvergabe ohne Zustimmung und bewilligte die Darlehensverträge selbst nachträglich – ebenfalls einstimmig.
Auch die Prognose für die Bilanz von 2025 ist optimistisch
Wie fällt das Fazit von Stadt und Stadtwerken aus? "Aus unserer Sicht wurde der entstandene Schaden von den relevanten Akteuren Stadtwerke-Geschäftsführung und Aufsichtsrat bestmöglich gemanagt und aufgefangen", so Kurzlechner. "Auf noch einzuholende Stadtratsbeschlüsse wurden wir erst in diesem Jahr vom Landratsamt aufmerksam gemacht." Diese Beschlüsse habe der Stadtrat nun nachgeholt. Kurzlechner sieht darin ein "wichtiges Signal des Miteinanders", damit sei ein Schlussstrich unter die Sache gezogen.
Stadt und Stadtwerke hätten immer so transparent wie möglich gehandelt – unter Berücksichtigung der Beschlüsse des Stadtwerke-Aufsichtsrates und zum Schutze des Tochterunternehmens Stadtwerke und der agierenden Personen. Stadtwerke-Chef Lehmann ergänzt: "Die jetzt vorgelegten Bilanzen zeigen, dass wir wirtschaftlich ausgezeichnet dastehen." Auch im Jahr 2025 werde ein gutes Ergebnis eingefahren.



