Die Grüngasquote fördert einen Lock-In-Effekt in perspektivisch teure und ineffiziente Lösungen, befürchtet Florian Bieberbach, Vorsitzender der Geschäftsführung der Stadtwerke München.

Die Grüngasquote fördert einen Lock-In-Effekt in perspektivisch teure und ineffiziente Lösungen, befürchtet Florian Bieberbach, Vorsitzender der Geschäftsführung der Stadtwerke München.

Bild: © SWM/Stefan Aumiller

Mit den Stadtwerken München und Enercity haben sich zwei weitere große Kommunalversorger zu den vorliegenden Eckpunkten zum Gebäudemodernisierungsgesetz klar positioniert. Beide Unternehmen haben Zweifel an der Umsetzbarkeit einer Grüngasquote. Bei der Frage, was das für die künftige Fernwärmeausbau-Ausbauplanung in den beiden Städten bedeutet, differiert die Einschätzung aber.

Die Stadtwerke München (SWM) begrüßen grundsätzlich die in den vorliegenden Eckpunkten angekündigte Stärkung und Förderung klimafreundlicher Wärmenetze.  "Von einem wichtigen und richtigen Signal", spricht der Vorsitzende der Geschäftsführung der Stadtwerke München, Florian Bieberbach.

"Im weiteren Gesetzgebungsprozess braucht es
vor allem Klarheit über das Ausphasen von fossilen Heizungen."
Florian Bieberbach, Sprecher der Geschäftsführung Stadtwerke München

Gleichzeitig werde jedoch mit dem Wegfall des 65-Prozent-Erneuerbaren-Ziels die Wärmeplanung geschwächt. "Wenn ohne verbindliche Vorgaben für das Ausphasen fossiler Heizsysteme weiterhin Gas- und Ölheizungen betrieben oder neu installiert werden können, steht eine erfolgreiche Umsetzung der kommunalen Wärmeplanung infrage", befürchtet Bieberbach. Eigentümerinnen und Eigentümern fehle dann eine verlässliche Orientierung – und Energiedienstleistern die Sicherheit, weiter massiv in klimafreundliche Erzeugung und Netzinfrastruktur zu investieren.

"Im weiteren Gesetzgebungsprozess braucht es daher stabile, verlässliche Rahmenbedingungen und vor allem Klarheit über das Ausphasen von fossilen Heizungen", fordert der Chef der Stadtwerke München. Gerade in einer Phase, in der Milliardeninvestitionen in Geothermie und Fernwärmeausbau anstehen, sei Planungssicherheit entscheidend.

"Begrenzte Verfügbarkeit von Biomethan"

Auch die vorgeschlagene Grüngasquote sieht Bieberbach mit einer gewissen Skepsis. Zwar solle die Entscheidung zum Einbau von Gas- und Ölheizungen ermöglicht werden; es bleibe aber offen, wie diese Option in großem Umfang praktisch umgesetzt werden solle. "Biomethan kann aufgrund begrenzter Verfügbarkeit und konkurrierender Einsatzbereiche nur zur Versorgung eines sehr kleinen Anteils am Gaskesselbestand beitragen", so Bieberbach. Der überwiegende Bedarf müsste daher durch synthetische Brennstoffe gedeckt werden, deren Verfügbarkeit – sowohl hinsichtlich Menge als auch zeitlicher Bereitstellung – ebenso wie deren Preise derzeit völlig unklar sei.

"Dies birgt das Risiko, dass die vorgegebenen Quoten nur langsam ansteigen und damit zentrale Zielsetzungen konterkariert werden, etwa die RED‑III‑Vorgabe von 49 Prozent erneuerbaren Energien im Gebäudesektor bis 2030", führt Bieberbach aus. Diese Einschätzung teilen einige Stadtwerke-Verantwortliche, wie die ZFK-Branchenumfrage vom Vortag gezeigt hat.

Gleichzeitig sieht Bieberbach die Gefahr, einer künftig "unverhältnismäßig teuren Wärmeversorgung, da Haushalte durch einen Lock‑In‑Effekt an einen perspektivisch kostenintensiven Energieträger gebunden würden". Dadurch würden langfristig günstigere Alternativen wie Fernwärme oder Wärmepumpen, die bereits heute deutlich höhere Anteile erneuerbarer Energien ermöglichen, strukturell ausgebremst.

"Die Eckpunkte des neuen Gebäudemodernisierungsgesetzes
verlagern Komplexität und Risiko zu den Gebäudeeigentümern."
Enercity-Sprecher

Die Gefahr, dass die Verbraucher künftig keine verlässliche Orientierung mehr bei der Wahl ihrer Heizlösungen haben könnten, thematisiert auch ein Enercity-Sprecher auf Anfrage. "Die Eckpunkte des neuen Gebäudemodernisierungsgesetzes lösen bundesweit Diskussionen über Technologieoffenheit und neue Wahlfreiheiten aus. Gleichzeitig verlagern sie jedoch Komplexität und Risiko zu den Gebäudeeigentümerinnen und -eigentümern", heißt es aus Hannover.

Doch in der niedersächsischen Landeshauptstadt ist die Ausgangslage eine andere als an den meisten anderen Städten. Dort gibt es bereits eine abgeschlossene kommunale Wärmeplanung und eine Fernwärmesatzung. "Das schafft Perspektive, Planbarkeit und einfache Lösungen für eine nachhaltige Wärmeversorgung", so der Enercity-Sprecher weiter.

Sorge vor einem Ausbremsen der Wärmewende

Mit Blick auf die Förderkulisse nannte er den Entwurf aus Berlin "ermutigend". Andere Ansätze, wie der Wegfall der 65-Prozent-Erneuerbaren-Regel, bremsten die Wärmewende hingegen aus. 

Die Strategie des "grünen Gases" berge angesichts unsicherer Verfügbarkeit, volatiler Preise und hoher Importabhängigkeit ein erhebliches Risiko, so die Einschätzung aus Niedersachsen.

Hannover setze deshalb bewusst auf lokale, resiliente Lösungen: Abwärme, Umweltenergien, regionale erneuerbare Rohstoffe und eine konsequente Elektrifizierung. Wärmenetze würden künftig rund zwei Drittel des Wärmebedarfes decken. Für den verbleibenden Teil blieben Wärmepumpen die bevorzugte Lösung.

"Die gesetzlichen Klimaziele bleiben unverändert. Und sie sind nur mit einer konsequenten Wärmewende erreichbar – CO₂‑Preissignale sind dafür zentral. 2045 rückt näher: Es braucht Verlässlichkeit und Tempo", schreibt der Enercity-Sprecher.

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