Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) plant, weitere Energieversorger zur Unterlassung irreführender Werbung mit "klimaneutralem" Erdgas aufzufordern. "Wir haben bei unseren Recherchen festgestellt, dass es sich auch bei sehr vielen Kompensationszertifikaten, die auf Wasserkraft basieren, um Phantomgutschriften handelt", erklärte Agnes Sauter, Leiterin ökologische Marktüberwachung bei der DUH.
Viele dieser Wasserkraftprojekte befänden sich in Indien. Bisher hätten vor allem Aufforstungsvorhaben, vor allem in Südamerika, im Fokus der DUH-Recherchen gestanden.
Konkretes Projekt wäre auch ohne CO2-Gutschriften finanziert worden
Als Beispiel für den aktuellen Schwerpunkt der Prüfungen nannte sie ein 2001 in Betrieb genommenes Wasserkraftwerk auf dem indischen Subkontinent, bei dem erst sechs Jahre später die ersten Kompensationsgutschriften erstellt worden seien. Das heißt, diesem Projekt fehlt das Attribut der „Zusätzlichkeit“. Das Projekt wäre auch ohne die Einnahmen aus dem Handel mit CO2-Gutschriften finanziert worden, zusätzliche Emissionen wurden also nicht vermieden.
CO2-Gutschriften aus indischer Wasserkraft sind auch verschiedentlich Grundlage für Ökogasangebote einiger Stadtwerke. Die DUH hatte Mitte April 15 Energieversorgern mit juristischen Schritten gedroht, wenn sie weiterhin ihre Ökogastarife als klimaneutral bewerben. 13 davon haben mittlerweile eine Unterlassungserklärung unterzeichnet, ein Unternehmen habe glaubhaft nachweisen können, dass es keine Neukunden mehr aufnehme.
"Wir hatten den Eindruck, dass unsere und die Recherchen des Netzwerks Correctiv auf ehrliches Entsetzen in der Branche gestoßen sind." (Agnes Sauter, Deutsche Umwelthilfe)
"Wir hatten den Eindruck, dass unsere Aufforderung und die Recherchen des Netzwerks Correctiv auf ehrliches Entsetzen in der Branche gestoßen sind“, stellt DUH-Verantwortliche. Die meisten der betroffenen Unternehmen hätten erkannt, dass sie „ihre Kunden hinters Licht führen würden", wenn sie die Produkte weiterhin als CO2-neutral bezeichneten.
Entscheidung über Klage gegen Eon in den nächsten Tagen
Einzig der Eon-Konzern habe sich geweigert, der Aufforderung zur Unterlassung irreführender Werbung nachzukommen. „Unser Rechtsanwalt prüft nun eine Klage“, erklärte Sauter. Die Entscheidung darüber falle in den nächsten zwei Wochen.
Eon soll ein Zertifikat, das neben der Qualität der CO2-Gutschriften auch die Klimaneutralität garantieren soll, mittlerweile von der Webseite entfernt haben. Der Konzern soll aber auch weiterhin mit vollständig klimakompensiertem Erdgas durch CO2-Gutschriften werben.
Eon: "Verwenden Begriff klimaneutral seit geraumer Zeit nicht mehr"
"Die Voraussetzungen für die Abgabe einer Unterlassungserklärung waren für uns nicht gegeben", erklärte eine Eon-Sprecherin auf Anfrage. Neben dem nicht eindeutig formulierten Unterlassungsgegenstand, weise man darauf hin, dass der Energiekonzern den Begriff „klimaneutral“ "eigeninitiert bereits seit geraumer Zeit" nicht mehr für seine Produkte verwende.
Bereits vor mehreren Monaten habe Eon den Prozess einer neuen Produktbezeichnung sein klimakompensiertes Erdgas angestoßen, heißt es weiter. Im Ergebnis habe man kürzlich den neuen Produktnamen "NeoErdgas" eingeführt.
Laut einer Correctiv-Recherche sollen 116 Gasversorger CO2-Gutschriften aus Klimaschutzprojekten genutzt haben, die nicht plausibel nachweisen können, dass Emissionen tatsächlich reduziert oder eingespart wurden. In Summe sollen so rund 10 Millionen Tonnen klimaschädliches CO2 nicht eingespart oder reduziert worden sein.
DUH hat bisher alle Unterlassungs-Klageverfahren gewonnen
Als Reaktion auf den Bericht sollen mehr als 40 Gasversorger reagiert und irreführende Werbung entfernt, die Tarife eingestellt oder eine Prüfung angekündigt, darunter sind auch zahlreiche Stadtwerke.
Irreführende Werbung mit Klimaneutralität ist ein Thema in vielen Branchen, ob Reiseveranstalter, Luftfahrt, Kosmetik oder Lebensmittelbranche. „Wir haben bisher mehr als 40 Unterlassungsklageverfahren wegen der irreführenden Bezeichnung von Produkten als klimaneutral angestrengt, wir haben alle Verfahren gewonnen“, so Sauter weiter.
Die EU-Richtlinie zur Stärkung der Verbraucher für den ökologischen Wandel (ECGT) erlaube es nicht mehr, Produkte mit der Bezeichnung „klimaneutral“ zu bewerben, die auf Kompensation beruhten. Die Richtlinie wird in den nächsten ein bis eineinhalb Jahren in deutsches Recht umgesetzt werden. „Die Unternehmen sind also gut beraten, ihre Kommunikation und ihr Marketing hier jetzt schon grundlegend anzupassen“, heißt es weiter.
CDU fordert kritische Prüfung der Zertifizierer
Kritik an den Gasversorgern und den vermeintlich klimaneutralen Erdgastarifen kommt auch von der CDU. „Die Enthüllungen zu Täuschungen mit CO2-Zertifikaten zu Ökogas-Verträgen sind erschreckend“, sagt Mark Helfrich, energiepolitischer Sprecher der CDU im Bundestag, gegenüber dem Recherchenetzwerk Correctiv.
Es sei nun an den Behörden und Unternehmen, die Herausgeber von Zertifikaten als auch deren Projekte „umgehend kritisch zu prüfen“. CO2-Kompensation sei Teil des globalen Klimaschutzes, so Helfrich. Die Einhaltung von klaren Regeln müsse sichergestellt und „Verstöße geahndet“ werden.
DUH fordert staatliche Zertifizierungsstellen
Agnes Sauter hält in diesem Zusammenhang die Schaffung von staatlichen Zertifizierungsstellen für zentral. Aktuell entwickle jeder Zertifizierer eigene Vorgaben und könne diese nach einigen Jahren wieder anpassen. Hier seien künftig einheitliche Standards und Vorgaben wichtig.
Asew: "Lernprozess für Stadtwerke"
Die Arbeitsgemeinschaft für sparsame Energie- und Wasserverwendung (Asew) hatte vor einigen Wochen in einem Gastbeitrag für eine differenziertere Diskussion rund um das Thema Ökogas geworben.
Gründlich ausgewählte Projekte, in die die Kompensationsmittel fließen, generierten nicht nur einen CO2-Einspareffekt, dessen Wirksamkeit für die gleiche Summe im heimischen Markt deutlich geringer ausfallen würde, sondern auch das Potenzial, vor Ort im globalen Süden nachhaltige gesellschaftliche oder soziale Effekte zu erzielen, hieß es in einer Pressemitteilung der Asew.
"Viele Stadtwerke passen aktuell Kommunikation an"
Unabhängig von der Correctiv-Recherche werde aber künftig die richtige Kommunikation von Kompensationsprojekten immer wichtiger. "Für Stadtwerke und auch uns als Stadtwerke-Netzwerk ist es über die Jahre ein Lernprozess, wie man mit Etiketten wie ‚CO2-neutral‘ oder ‚Klimaneutralität‘ umgehen soll", gibt Torsten Brose, Leiter Energiedienstleistungen bei der Asew, zu bedenken.
"Bei vielen Stadtwerken aus dem Netzwerk ist die Kommunikation aktuell in Anpassung oder wurde in den letzten Jahren bereits angepasst." (hoe)



