Der Dortmunder Energieversorger DEW21 hat mit der Erstattung der fehlerhaften Abrechnungsbeiträge für betroffene Stadtenergie-Kunden begonnen. Insgesamt wurden Unternehmensangaben zufolge alle Abrechnungen von 124.750 ehemaligen und aktiven Gas- und Stromkunden der Vertriebsmarke geprüft. Bei 71.505 Verträgen wurden Unregelmäßigkeiten festgestellt. Die Rückzahlungen belaufen sich auf 24,6 Mio. Euro.
An der Überprüfung, die seit dem Frühjahr 2024 lief, haben laut DEW21 20 interne und externe Expert*innen für Energiewirtschaft und Abrechnung, Datenanalyse und Programmierung, Wirtschaftsprüfung sowie Expert*innen aus dem Zivil-, Energie- und Arbeitsrecht teilgenommen.
Umfangreiche Untersuchungen
Während der über 10.000 Arbeitsstunden hätten die Experten über 1,6 Mio. Datensätze untersucht, "um mit rund 100 Millionen Rechenschritten die Abrechnungen zu überprüfen", teilte DEW21 mit. "Wir bedauern die Unannehmlichkeiten für die Kunden der Stadtenergie außerordentlich. Dem gesamten Team, das an der Aufarbeitung und Korrektur der Abrechnungen beteiligt war, möchte ich meinen besonderen Dank aussprechen", sagte Martin Wyrembeck, Geschäftsführer der Stadtenergie.
Erstattungen wolle DEW21 zeitnah überwiesen. In den Tagen und Wochen ab dem 21. Oktober würden die Kunden die korrigierten Abrechnungen sowie gegebenenfalls Informationen hinsichtlich einer Abschlagsanpassung erhalten.
Die Vertriebsaktivitäten und Neukundenakquise sind bei Stadtenergie inzwischen eingestellt. Ende September hatte der Aufsichtsratschef der Dortmunder Stadtwerke, Thomas Westphal (SPD) eine vollständige Abwicklung von Stadtenergie in Betracht gezogen. Bei der Überprüfung wurden Unregelmäßigkeiten in den Abrechnungen gleich auf mehreren Ebenen festgestellt, die vor dem Hintergrund eines extrem volatilen Energiemarktes und zahlreicher regulatorischer Eingriffe aufgrund der Energiekrise stattfanden, so DEW21 weiter.
Millionenschwere Abrechnungsfehler
Beispielsweise wurden bei den Stromverträgen nicht weiter gegebene Umlageänderungen sowie eine unzulässige Preisanpassung zulasten der Kund*innen ermittelt. Nachteil für die Kunden: 1,4 Mio. Euro. Bei den Gasverträgen stellten die Prüfer unzulässige Preisanpassungen fest. Es handelt sich um ungerechtfertigte Preisanpassungen in fünf Schritten, insbesondere bei der Änderung von Netzentgelten, der Umsetzung der Mehrwertsteuersenkung und der Weitergabe von Umlagen wie der letztlich wieder aufgehobenen Gasbeschaffungsumlage. Zudem sei eine Preisanpassung zugunsten der Kund*innen wegen Umlageänderungen nicht durchgeführt worden. Insgesamt ergab sich hierdurch ein Nachteil für die Verbraucher in Höhe von 23,2 Mio. Euro.
Seit Ende Juli ermittelt die Dortmunder Justiz offiziell wegen den Betrugsvorwürfen bei der DEW21-Tochter. Vorausgegangen war eine Strafanzeige der Anwälte der Stadtenergie respektive der DEW21. Zuvor hatten Beamte das Haus und das Auto eines ehemaligen leitenden Angestellten der Stadtenergie durchsucht und Datenträger beschlagnahmt. Diese werden jetzt ausgewertet.
Zudem würden aktuell die ehemaligen Geschäftsführer und Mitarbeitenden der Stadtenergie als Zeugen vernommen, so Kruse weiter. Seit der Gründung als digitales Vertriebs-Start-up der DEW21 hatte die Stadtenergie im Schnitt zehn Mitarbeitende, von denen vorher einige zuvor aus anderen Branchen, unter anderem der Telekommunikationsbranche, abgeworben worden waren.
Ambitionierter Start 2020
Stadtenergie startete 2020 als bundesweite Vertriebsmarke von DEW21 und sollte mit ihrem Start-up-Charakter und einem hohen Digitalisierungsgrad für einen effizienten und agilen Vertrieb stehen. Die Erkenntnisse sollten danach in die Vertriebsstrategie der Muttergesellschaft miteinfließen. Die Corona-Pandemie und die darauf folgende Energiekrise hatten Stadtenergie von Anfang an an einer nachhaltigen Entwicklung gehindert. Den traurigen Höhepunkt erreichte die Geschichte von Stadtenergie mit dem Bekanntwerden von mutmaßlichen Betrügereien bei Abrechnungen, die für einen millionenschweren Schaden bei den Stadtenergie-Kunden sorgten.
Der Abrechnungsskandal bei der Stadtenergie war auch einer der Gründe dafür, dass die Vorstandsvorsitzende der Stadtwerke Heike Heim ihren Posten räumen musste. (am)



