Nach dem weitreichenden Abrechnungsskandal bei Stadtenergie steht die Vertriebsmarke des Dortmunder Versorgers DEW21 offenbar vor dem endgültigen Aus. Zuletzt wurden die Neukundenakquise und die Vertriebstätigkeit "bis auf Weiteres" eingestellt. Nun spricht Thomas Westphal (SPD), Dortmunder Oberbürgermeister und Aufsichtsratschef der Dortmunder Stadtwerke, offen über das Ende des Unternehmens.
"Das Tochterunternehmen Stadtenergie hat aus meiner Sicht keine Zukunft", sagte Westphal der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" (WAZ). Der Politiker sprach sich dafür aus, dass DEW21 sich als lokaler und regionaler Versorger von Strom, Gas und Wasser neu aufstellt und keinen bundesweiten Vertrieb mehr betreibt.
Stadtenergie in negativen Schlagzeilen
Das "digitale Schnellboot" im Energievertrieb, wie die ehemalige DSW21-Vorstandschefin Heike Heim Stadtenergie einst bezeichnete, stand für schlank aufgestellten agilen bundesweiten Vertrieb mit hohem Digitalisierungsgrad. Im Mai dieses Jahres sorgte das Unternehmen allerdings für negative Schlagzeilen, weil ein mutmaßlicher Millionenbetrug im Raum stand, der den Kunden des Unternehmens durch falsche Abrechnungen zugefügt wurde.
Die Untersuchungen laufen indes weiter, seit Juli ermittelt auch die Dortmunder Staatsanwaltschaft gegen die Verantwortlichen. Im Zentrum der Ermittlungen soll der ehemalige Prokurist des Unternehmens stehen. Die Neukundenakquise sowie den gesamten Vertrieb hat DEW21 inzwischen eingestellt. Die komplette Abwicklung einer Gesellschaft, deren Ruf auf Dauer beschädigt ist, erscheint vielen Markexperten als ein logischer Schritt.
Entscheidung bei Aufsichtsratssitzung?
Geht es nach Westphal, könnte die Entscheidung, Stadtenergie abzuwickeln, bereits bei der heutigen (25. September) Aufsichtsratssitzung am Abend fallen. Mit der Abkehr von dem bundesweiten Energievertrieb hin zur regionalen Versorgung würde Dortmund nicht allein stehen.
Kein Einzelfall
Auch wenn die Gründe dafür andere sind, hatte der neue Chef der Stadtwerke Oranienburg, Peter Grabowsky, Anfang dieses Jahres angekündigt, den Vertrieb des Unternehmens neu zu justieren. Der bundesweite Vertrieb werde keinen so großen Stellenwert haben wie in der Vergangenheit, dafür würden sich die Stadtwerke mehr auf den regionalen Markt fokussieren, sagte er.
Anfang des Jahres sendeten auch die Stadtwerke Osnabrück ein ähnliches Signal. Der Versorger wolle sich auf das Binnengeschäft innerhalb der Region und die regionalen Themen wie die Wärme- und Energiewende in Osnabrück fokussieren, sagte Stadtwerke-Vorstand Daniel Waschow der ZfK. "Hier verstehen wir uns als Gestalter vor Ort und treiben den Renaissance-Gedanken eines klassischen Stadtwerks voran." (am)
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