Enge Kooperationen von Stadtwerken sind immer noch eine Seltenheit. In Schleswig-Holstein fusionieren zum Jahresbeginn 2024 die Stadtwerke Pinneberg und Tornesch zu dem neuen Gemeinschaftsunternehmen Stadtwerke Südholstein GmbH. Das gaben die Bürgermeisterinnen der beiden Städte, Urte Steinberg und Sabine Kählert, am Freitag (15. Dezember) in einer Pressekonferenz bekannt.
Das Besondere daran ist, dass die kleinen Stadtwerke Tornesch bisher konzerngeführt waren und nahezu alle Geschäftsprozesse im Rahmen von Betriebsführungsverträgen vom Eon-Konzern übernommen wurden. Dieses Betriebsführungsmodell ist in der Region häufiger anzutreffen, die Fusion könnte deshalb durchaus Signalcharakter für andere Kommunen und ihre Stadtwerke haben.
Bisher hielt die Eon Hansewerk-Tochter Service Plus GmbH 49 Prozent der Anteile an den Stadtwerken Tornesch. Um die Fusion mit Pinneberg zu ermöglichen, erwirbt die Stadt Tornesch bis zum Jahresende diese Anteile und wird zum 1. Januar Alleineigentümer der eigenen Stadtwerke.
Großer Rückhalt in der Lokalpolitik
Von dem Schritt erhoffen sich die Stadtwerke und die Kommunalpolitik, „auf mehr Aufgeschlossenheit und Veränderungsbereitschaft mit Blick auf die Stadtentwicklung und die Energiewende zu stoßen" – vor allem bei der anstehenden Wärmewende und dem Umstieg von Gas auf eine klimaneutrale Energieversorgung.
Die Ratsversammlungen der im Großraum Hamburg gelegenen Städte Tornesch und Pinneberg hatten dem Zusammenschluss der Stadtwerke am 12. bzw. 14. Dezember jeweils mit großer Mehrheit zugestimmt.
Rund 70.000 Kunden und ein Umsatz von 100 Mio. Euro
Mit den Stadtwerken Südholstein entsteht laut Pressemitteilung ein Querverbundunternehmen, das regional etwa 70.000 Kunden versorgt und etwa 135 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigen wird. Die Belegschaft rekrutiert sich aus den 130 Beschäftigten der bisherigen Stadtwerke Pinneberg und 5 Vertriebsmitarbeiterinnen und -mitarbeitern der Stadtwerke Tornesch. Der Umsatz des neuen kommunalen Unternehmens liegt bei rund 100 Mio. Euro.
Die durch die Fusion erzielten Synergien ermöglichen jährliche Einsparungen von über eine Mio. Euro. Denn die bisherigen Betriebsführungsleistungen auf der Seite der Stadtwerke Tornesch können laut eigenen Angaben "umgehend durch weitaus günstigere Aufwendungen des künftigen Gemeinschaftsstadtwerks ersetzt werden".
Der Fusion vorausgegangen war eine mehrjährige Beratungs- und Sondierungsphase unter Führung des Kölner Beratungsunternehmens Stellwerk Energy. Der von dem auf Kooperationen spezialisierten Unternehmen erarbeitete Plan soll im nächsten Jahr umgesetzt werden.
Rechtliche Umsetzung voraussichtlich bis Juni 2024
Wirtschaftlich wirksam wird der Zusammenschluss zum Jahresbeginn, rechtlich voraussichtlich Mitte Juni kommenden Jahres. Für die Kunden und Mitarbeitenden sowie die Geschäftspartner ändere sich nichts, niemand benötige einen neuen Vertrag, heißt es.
Es habe in den letzten zehn Jahren nur „eine Handvoll ähnlicher Kooperationen“ in Deutschland gegeben, erläuterteThomas Behler, Geschäftsführer der Stadtwerke Pinneberg und auch der zukünftigen Stadtwerke Südholstein, wobei die Gründe stets ähnlich seien: „Große Herausforderungen durch die Energiewende, wachsender Kostendruck, zunehmende Komplexität der Geschäftsprozesse und spürbarer Fachkräftemangel.“
Die Stadtwerke Pinneberg seien ein „durch und durch gesundes Unternehmen“. Die Kooperation erfolge ohne jeden Druck, mit dem Schritt begegne man aber frühzeitig berechtigten Zukunftssorgen.
"Tornesch befreit sich aus der Abhängigkeit von der Minderheitsgesellschafterin"
Auch die Stadtwerke Tornesch haben laut Interimsgeschäftsführer Falk-Wilhelm Schulz in der Vergangenheit stets schwarze Zahlen geschrieben. Aus seiner Sicht biete die Fusion neben wirtschaftlichen auch strategische Vorteile.
„Tornesch befreit sich aus der Abhängigkeit von einer konzerngebundenen Minderheitsgesellschafterin, die bisher auch die Betriebsführung der Stadtwerke Tornesch innehatte. Wir holen die Wertschöpfung in ein Beteiligungsunternehmen der Städte und partizipieren künftig voll an den wirtschaftlichen Vorteilen einer Kooperation.“
"Betriebsführung bereits 2021 ernstlich in Frage gestellt"
„Unser Hauptausschuss hat die bisherige Betriebsführung der Stadtwerke durch eine mehrheitlich private Konzerngesellschaft bereits 2021 ernstlich in Frage gestellt. Ein kommunales Gemeinschaftsunternehmen schien uns dabei gleich als attraktive Alternative, um Zukunftssaufgaben der Daseinsvorsorge kommunalpolitisch verantwortungsvoll, aber auch wirtschaftlich vorteilhaft in zwei Städten gemeinsam anzugehen“, bekräftigte Torneschs Bürgermeisterin Sabine Kählert.
"Zusammenarbeit auf Augenhöhe"
An den neuen Stadtwerken Südholstein wird die Stadt Pinneberg mit gut 82 Prozent den weitaus größeren Geschäftsanteil halten. „Das entspricht der objektiven Unternehmensbewertung einer unabhängigen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft“ berichtete Urte Steinberg, Bürgermeisterin von Pinneberg.
Gleichwohl sei eine Zusammenarbeit mit Tornesch „auf Augenhöhe“ vereinbart, man werde vertragliche Regelungen eingehen, die ausschließen, dass die Partnerin in wichtigen Fragen der Geschäftspolitik und der Unternehmensentwicklung überstimmt werden könne. (hoe)



