Wer ein Erzeugungsportfolio insbesondere im Erneuerbaren-Bereich habe, gehöre zu den großen Krisengewinnern, prophezeite PwC-Energieexperte Henry Otto schon im Sommer. Denn wer hier investiert habe, dürfe angesichts hoher Strompreise Gewinne einfahren, von denen man früher nicht einmal zu träumen gewagt habe.
Doch wie ist das bisherige Jahr für kommunale Versorger mit Eigenerzeugung tatsächlich gelaufen? Und welche Folgen hätte die Einführung einer Erlösabschöpfung? Das wollen wir in einer Mini-Serie herausfinden. Für den zweiten Teil sprachen wir mit Werkleiter Jochen Brosi und Vertriebsleiter Bastian Pützschler von den Stadtwerken Gengenbach, einem kleinen Kommunalversorger in Baden-Württemberg.
Herr Brosi, Herr Pützschler, es ist eher ungewöhnlich, dass ein Stadtwerk wie Gengenbach gemeinsam mit dem Projektpartner Enercon einen Windpark mit immerhin vier Anlagen und einer Gesamtleistung von 12 MW betreibt. Zwei der vier Windräder gehören Ihnen dabei selbst, die anderen beiden Enercon. Zahlt sich dieses Projekt jetzt in der Energiekrise aus?
Brosi: Tatsächlich haben wir mit dem Windpark schon in den Jahren zuvor Geld verdient. Den Gewinn haben wir uns aufgespart, um beispielsweise einen rund 500.000 Euro teuren Schnellladepark ohne Kreditaufnahme finanzieren zu können. Es stimmt aber, dass die Einnahmen dieses Jahr angesichts stark gestiegener Börsenstrompreise noch einmal deutlich zugelegt haben, insbesondere in den Monaten Juli und August.
Können Sie das konkretisieren?
Brosi: Wir gehen nach jetzigem Stand davon aus, dass wir unsere Erlöse dieses Jahr um etwa 70 Prozent steigern können. Das hilft uns, zusätzliche Rücklagen für schlechtere Windjahre zu bilden, aber auch neue innovative Projekte anzugehen.
Die da wären?
Brosi: Wir haben vor, angrenzend an die kürzlich ausgebaute, dreispurige Bundesstraße B33 entweder ein Solarthermie-Projekt mit Langzeitspeichern zu bauen oder einen Photovoltaik-Park. Das sind dicke Bretter, die wir bohren müssen. Mit den zusätzlichen Gewinnen aus der Windstromerzeugung hätten wir deutlich mehr Spielraum, um diese Projekte umzusetzen.
Zuvor aber will die Bundesregierung, dass Sie einen Teil Ihrer Mehrerlöse abführen, um die Strompreisbremse mitzufinanzieren. Was halten Sie davon?
Pützschler: Mein Vorschlag für die Bundesregierung wäre ein anderer gewesen. Ich hätte den Unternehmen gesagt: Ihr dürft das Geld fünf Jahre behalten, müsst es nachweislich aber in erneuerbare Erzeugungskapazitäten oder Klimaschutzprojekte reinvestieren.
Wenn ihr das bis dahin nicht macht, dann müsst ihr die Zufallsgewinne mit einem vernünftigen Aufschlag zurückzahlen. Stattdessen steht zu befürchten, dass die Bundesregierung in fünf Jahren ein Förderprogramm für den Erneuerbaren-Ausbau auflegen muss, weil es an marktwirtschaftlichen Investitionen mangelt.
Trotz eigener Windstromerzeugung mussten auch die Stadtwerke Gengenbach ihre Endkundenpreise deutlich erhöhen, in der Strom-Grundversorgung auf knapp 70 Cent pro kWh.
Pützschler: Das rührt daher, dass wir den selbst erzeugten Strom nicht direkt in unser Kundenportfolio aufnehmen, sondern im Rahmen des EEG am Markt verkaufen. Vor der Krise gab es auch nicht die Notwendigkeit, das anders zu regeln.
Nun aber sieht man schon, dass bei den Grundversorgungspreisen die Schere stark auseinandergeht und vor allem auch Energieversorger, die dies anders geregelt haben, teils deutlich niedrigere Preise anbieten können. Wir sind aber an diesem Thema dran, auch um dadurch unser eigenes Beschaffungsportfolio zu stabilisieren.
Brosi: Genau genommen läuft unser Windpark über eine eigene Tochtergesellschaft, die Windenergie Gengenbach GmbH. Das ergab damals auch Sinn. Schließlich gehörten wir in der Region zu den ersten kleineren Energieversorgern überhaupt, die einen eigenen Windpark bauten. Die Risiken waren schwer kalkulierbar.
Deshalb wollten wir mit der Gründung einer eigenen Firma Vorsicht walten lassen und unsere Stadtwerke nicht unnötig gefährden. Das macht es uns nun aber ein Stück weit schwerer, Vertrieb und Erzeugung enger zu verzahnen. Da haben es Kollegen, die beide Sparten in einem Betrieb gebündelt haben, leichter.
Wie wichtig ist die Erzeugungssparte gerade auch für kleine Stadtwerke?
Brosi: Sehr wichtig. Und ich bin glücklich, dass wir das so früh angepackt haben. Dasselbe gilt für die E-Mobilität. Wir sind schlicht zu klein, um nur mit dem Verkauf von Strom, Gas und Wasser bestehen zu können. Wir müssen unsere Produkte veredeln. Das bringt mir aber alles nichts, wenn ich nicht das richtige Personal dafür habe. Das gilt insbesondere auch für die Beschaffung.
Das heißt?
Brosi: Wir haben uns früher selbst von einem einzigen Vorlieferanten per Vollversorgungsvertrag beliefern lassen, ehe wir uns vor zehn Jahren aus dieser Abhängigkeit bewegt haben. Es ging auch gar nicht anders. Mittlerweile haben wir Kunden, die an unterschiedlichsten Beschaffungsmodellen interessiert sind. Manche wünschen Order-Limits, andere wollen nur über einen gewissen Zeitraum beliefert werden, wieder andere wollen Bandlieferungen. Um diese Kundenwünsche bedienen zu können, muss man Know-how aufgebaut haben.
Pützschler: Natürlich mag eine eigene Erzeugungssparte negative Effekte im Vertrieb dämpfen. Allerdings hätten Stadtwerken, die zum Jahresende ohne Vollversorgungsvertrag dagestanden sind und aus dem Energievertrieb aussteigen müssen, drei Windräder wohl auch nicht gerettet.
Das Interview führte Andreas Baumer
Mini-Serie "Krisengewinner Stromerzeuger" im Überblick
Teil eins:
Wemag-Vertriebsvorstand: "Die Erlösabschöpfung hat Nebeneffekte, die so nicht gewollt sein können"
Teil zwei:
Teil drei:
Prenzlauer Stadtwerkechef: "Hohe Strompreise bringen den ganzen Erneuerbaren-Markt durcheinander"
Teil vier:
Tübinger Stadtwerkechef: ""Bei Zufallsgewinnen wird eingegriffen, bei Zufallsverlusten nicht""
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