Wer ein Erzeugungsportfolio insbesondere im Erneuerbaren-Bereich habe, gehöre zu den großen Krisengewinnern, prophezeite PwC-Energieexperte Henry Otto schon im Sommer. Denn wer hier investiert habe, dürfe angesichts hoher Strompreise Gewinne einfahren, von denen man früher nicht einmal zu träumen gewagt habe.
Doch wie ist das bisherige Jahr für kommunale Versorger mit Eigenerzeugung tatsächlich gelaufen? Und welche Folgen hat die Einführung einer Erlösabschöpfung? Das wollen wir in einer Mini-Serie herausfinden. Für den vierten und letzten Teil unserer Serie sprachen wir mit Ortwin Wiebecke, Geschäftsführer der Stadtwerke Tübingen. Das Interview fand Ende November statt, also noch vor Verabschiedung der Strompreisbremse samt Erlösabschöpfung.
Als die Stromgroßhandelspreise im Sommer nach oben schossen, zahlte sich für die Stadtwerke Tübingen das 170-MW-starke Erneuerbaren-Portfolio mehr denn je aus. "Bei der aktuellen Marktsituation können wir zehnmal mehr erlösen, als wir Kosten für die Produktion haben", sagte Boris Palmer, Oberbürgermeister der 90.000-Einwohner-Stadt, Anfang September in der ZDF-Sendung "Markus Lanz". "Das sind reine Zufallsgewinne."
Die Großhandelspreise sind seitdem zwar nach unten gegangen. Trotzdem rechnet Ortwin Wiebecke, Geschäftsführer des Kommunalversorgers, in der Erzeugungssparte weiterhin mit einem Rekorderlös. "Der Ertrag aus der Stromproduktion der Erneuerbaren lag im Rahmen der Erwartungen", erklärt er. "Im Solarbereich war er etwas höher als geplant, bei Wind etwas niedriger. Die Preise lagen jedoch deutlich höher als zu Jahresbeginn kalkuliert."
100 Mio. Euro für Wärmewende
Weil die von Bundestag und Bundesrat beschlossene Abschöpfung sogenannter Zufallsgewinne erst ab Dezember greift, dürften die Tübinger die allermeisten Erlöse dieses Jahres in der Erzeugungssparte behalten dürfen. Im nächsten Jahr dagegen würden diese dann "zum überwiegenden Teil" an den Staat gehen, sagt der Stadtwerkechef.
Dabei könnten die Stadtwerke Tübingen die erzielten Zusatzeinnahmen durch stark gestiegene Preise auch mit Blick auf künftige Vorhaben gut selbst benötigen, schildert Wiebecke. "Wir werden als mittelgroßes Unternehmen 100 Mio. Euro allein in die Transformation der Wärmeversorgung in Tübingen stecken. Dazu kommen Investitionen in die erneuerbare Stromerzeugung in mindestens demselben Umfang. Das sind Projekte, die wir nicht nur angehen wollen, sondern auch müssen, um unsere Klimaziele zu erreichen."
Mehrerträge gut für Kapitalkraft
Die Mehrerträge aus der Stromerzeugung würden zwar nur einen kleinen Teil dessen betragen, was die Stadtwerke an Gesamtinvestitionen planen, sagt der Geschäftsführer. "Sie wären aber sehr wichtig, um unsere Kapital- und Finanzkraft zu verbessern, um diese Investitionen durchführen zu können. Denn bei solch hohen Volumina ist das Eigenkapital immer ein möglicher Engpass. Und je höher das Eigenkapital, desto leichter können wir die Energiewende vorantreiben."
Wie viele andere Energieversorger mussten auch die Stadtwerke Tübingen mit den Schattenseiten der Energiekrise umgehen. "Durch die schlagartige Veränderung der Energiepreise sind insbesondere in Beschaffung und Vertrieb erhebliche Risiken aufgetaucht, die sich teilweise auch realisiert haben", sagt Wiebecke.
"Risikomanagement gerät aus dem Takt"
"Es ist schwierig, mit diesen Risiken umzugehen, wenn uns auf der anderen Seite durch staatliche Maßnahmen Chancen abgeschnitten werden. Dies führt dazu, dass das Risikomanagement an dieser Stelle aus dem Takt gerät. Denn während bei Zufallsgewinnen eingegriffen wird, werden Zufallsverluste bei den Unternehmen belassen." (aba)
Mini-Serie "Krisengewinner Stromerzeuger" im Überblick
Teil eins:
Wemag-Vertriebsvorstand: "Die Erlösabschöpfung hat Nebeneffekte, die so nicht gewollt sein können"
Teil zwei:
Teil drei:
Prenzlauer Stadtwerkechef: "Hohe Strompreise bringen den ganzen Erneuerbaren-Markt durcheinander"
Teil vier:
Tübinger Stadtwerkechef: ""Bei Zufallsgewinnen wird eingegriffen, bei Zufallsverlusten nicht""
Hinweis: Auch die aktuelle ZfK-Printausgabe behandelt auf Seite 21 das Thema "Krisengewinner Stromerzeuger". Zum Abo geht's hier und zum E-Paper hier.



