Wer ein Erzeugungsportfolio insbesondere im Erneuerbaren-Bereich habe, gehöre zu den großen Krisengewinnern, prophezeite PwC-Energieexperte Henry Otto schon im Sommer. Denn wer hier investiert habe, dürfe angesichts hoher Strompreise Gewinne einfahren, von denen man früher nicht einmal zu träumen gewagt habe.
Doch wie ist das bisherige Jahr für kommunale Versorger mit Eigenerzeugung tatsächlich gelaufen? Und welche Folgen hätte die Einführung einer Erlösabschöpfung? Das wollen wir in einer Mini-Serie herausfinden. Für den ersten Teil sprachen wir mit Caspar Baumgart, kaufmännischem Vorstand des Schweriner Regionalversorgers Wemag.
Herr Baumgart, die Wemag vertreibt seit ihrer Kommunalisierung nicht nur Strom aus erneuerbaren Quellen, sondern erzeugt ihn auch selbst. Wie ist der aktuelle Stand?
Baumgart: Bereits seit 2008 bieten wir unseren Kunden einen Strommix an, der zu 100 Prozent aus regenerativen Quellen stammt. Wir haben selbst ein Portfolio von rund 58 MW Strom aus Wind, 102 MW Photovoltaik und 1,5 MW Biogas. Damit produzieren wir bilanziell mehr als die Hälfte unseres an SLP-Kunden verkauften Stroms selbst. Unser Ziel ist es, bis Ende 2025 unseren kompletten Bedarf in eigenen Anlagen zu produzieren.
Wie lief dieses Jahr bislang auf der Erzeugungsseite?
Wenn wir uns die produzierte Strommenge ansehen, lagen wir sowohl bei Photovoltaik als auch bei Wind leicht über dem Plan. Preislich hat uns der starke Anstieg der Erzeugungspreise begünstigt. Insgesamt rechnen wir dadurch mit einem deutlichen Mehrerlös von 7,7 Mio. Euro. Diese können uns bei einem kalten Winter und anderen Risiken wie beispielsweise Zahlungsausfällen bei unseren Kunden aber auch schnell wieder dahinschmelzen.
Die Kritik an der Abschöpfungslösung ist groß. Was ist Ihre Meinung?
Ich kann ein Stück weit nachvollziehen, dass der Gesetzgeber Anlagenbetreiber, die in der Krise sehr gut verdienen, an den Kosten der Strompreisbremse beteiligen will. Allerdings hat die Erlösabschöpfung Nebeneffekte, die so nicht gewollt sein können.
Nämlich?
Einerseits wollen wir in Deutschland die erneuerbaren Energien massiv ausbauen. Andererseits entsteht nun aber bei Investoren der Eindruck, dass Investitionen in diesem Bereich riskanter als bislang gedacht sein könnten. Denn der Staat könnte ja wieder eingreifen, wenn die Erlöse aus seiner Sicht zu hoch ausfallen.
Der Vertrauensverlust ist groß und schon jetzt spürbar. Dabei hätten viele Anlagenbetreiber, die nun einen Teil ihrer Mehrerlöse abführen müssen, sehr gern in weitere erneuerbare Anlagen investiert. Dieses Geld fehlt nun.
Auch für unsere Kunden hätte eine schnelle Energiewende entscheidende Vorteile. Eine unabhängige Energieversorgung bedeutet gleichzeitig stabilere Energiepreise. Solange Energieversorger weiter vom Energieeinkauf und von Importgeschäften abhängig sind, bleiben auch Preisschwankungen nur schwer absehbar und müssen in der Preiskalkulation für die Kunden berücksichtigt werden.
Hat die Erlösabschöpfung Auswirkungen auf das Investitionsprogramm der Wemag?
Nein, wir haben unser Programm zu einer Zeit beschlossen, als wir noch von Vorkrisenerlösen ausgingen. Trotzdem hätten wir uns natürlich gefreut, wenn wir die Mehrerlöse aus der Stromerzeugung in Gänze hätten behalten können, denn dann hätten wir zusätzlich investieren können. Im Übrigen helfen uns die Mehrerlöse natürlich auch, die stark gestiegenen Risiken in anderen Geschäftsfeldern abzufedern.
Können Sie das ausführen?
Insbesondere im Vertrieb sind die Risiken aus den Fugen geraten. Lagen wir früher mit unseren Mengenprognosen im Gasgeschäft nur etwas daneben, konnte es sein, dass wir je nach Situation am Jahresende 300.000 Euro mehr eingenommen oder verloren hatten.
Als es dagegen im Dezember 2021 ungewöhnlich kalt wurde und wir wie viele andere Versorger zu 19 Cent pro kWh Gas nachbeschaffen mussten, kostete uns ein Tag allein fast 400.000 Euro. Inzwischen müssen wir angesichts extrem volatiler Großhandelspreise im Extremszenario mit Verlustrisiken von bis zu 65 Mio. Euro kalkulieren.
Sollten diese Risiken wirklich einmal eintreten, wären die 7,7 Mio. Euro Mehrerlöse aus der Erzeugung nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wenn diese Zufallsgewinne dazu beitragen, dass wir auch in Zukunft ein Stabilitätsanker für unsere Kunden sein können, dann haben wir alle etwas davon.
Wie viele andere Versorger trennt auch die Wemag Erzeugungs- und Vertriebssparte strikt. Während Sie selbst erzeugten Strom im EEG-Rahmen vermarkten, kaufen Sie Strom und Gas für Ihre Kunden separat an den OTC-Märkten ein. Wollen Sie das nach den Erfahrungen dieses Jahres ändern?
Tatsächlich hätte es Vorteile, beide Bereiche künftig enger zu verzahnen. Würden selbst erzeugte Strommengen direkt in unser Vertriebsportfolio fließen, hätten wir einerseits bei unseren Beschaffungskosten bei steigenden Börsenpreisen mehr Stabilität. Andererseits belasten langfristige PPA-Mengen im Bezugsportfolio in Zeiten sinkender Preise.
Wir müssen hier erst noch lernen, Preissicherungsinstrumente einzusetzen und natürlich auch die volatile erneuerbare Erzeugung in unsere Mengenprognosen aus der Absatzseite sicher zu integrieren. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es im Wettbewerb mittelfristig ein entscheidender Faktor sein wird, Erzeugung und Vertrieb verzahnter zu denken, als wir das bislang getan haben.
Denn würde man beide Sparten als eine Einheit betrachten, verzichtet man zwar vielleicht auf die Möglichkeit, die selbst produzierte Kilowattstunde teurer am Markt zu verkaufen. Dafür könnte es jedoch helfen, den Kunden einen attraktiveren Preis anzubieten und damit die Kundenverluste zu reduzieren.
Das Interview führte Andreas Baumer
Mini-Serie "Krisengewinner Stromerzeuger" im Überblick
Teil eins:
Wemag-Vertriebsvorstand: "Die Erlösabschöpfung hat Nebeneffekte, die so nicht gewollt sein können"
Teil zwei:
Teil drei:
Prenzlauer Stadtwerkechef: "Hohe Strompreise bringen den ganzen Erneuerbaren-Markt durcheinander"
Teil vier:
Tübinger Stadtwerkechef: ""Bei Zufallsgewinnen wird eingegriffen, bei Zufallsverlusten nicht""
Hinweis: Auch die aktuelle ZfK-Printausgabe behandelt auf Seite 21 das Thema "Krisengewinner Stromerzeuger". Zum Abo geht's hier und zum E-Paper hier.



