Dramatische Zeiten für Deutschlands größten Gasimporteur Uniper: Der Energiekonzern kassierte am Mittwochabend sein Gewinnziel für das laufende Jahr und gab bekannt, mit der Bundesregierung über weitere Stabilisierungsmaßnahmen zu verhandeln.
"Wir hatten bereits Ende letzten Jahres durch die enorm gestiegenen Gaspreise einen signifikant gestiegenen Liquiditätsbedarf" erklärte Vorstandschef Klaus-Dieter Maubach. "Um diesem zu begegnen, hatten wir bereits unsere Kreditlinien erweitert und unter anderem eine Fazilität der staatlichen [Förderbank] KfW in Höhe von zwei Milliarden Euro erhalten, die wir bis heute nicht in Anspruch genommen haben."
Fortum: "Nationale und industrieweite Anstrengung" nötig
Nun habe sich die Geschäftsentwicklung durch den Krieg in der Ukraine und die in der Folge stark reduzierten Gaslieferungen aus Russland "spürbar verschlechtert", führte er aus. "Daher sprechen wir jetzt mit der Bundesregierung erneut über Stabilisierungsmaßnahmen, für die eine Reihe von Instrumenten in Frage kommen wie zum Beispiel Garantie- und Sicherheitsleistungen, Erhöhung der aktuellen Kreditfazilität bis hin zu Beteiligungen in Form von Eigenkapital."
Das Bundeswirtschaftsministerium bestätigte, dass es Gespräche über Stabilisierungsmaßnahmen gebe. Auch der finnische Staatskonzern und Uniper-Mehrheitsaktionär Fortum meldete sich zu Wort. Nötig sei eine "nationale und industrieweite Anstrengung", erklärte das Unternehmen in einer schriftlichen Stellungnahme. Uniper habe eine von Fortum gewährte Kreditfazilität von acht Milliarden Euro "teilweise" ausgenutzt, hieß es weiter.
Erinnerungen an 2008
Als Reaktion auf die Maubach-Ankündigung brach die Uniper-Aktie zwischendurch um fast ein Viertel ein. "Die Situation bei Uniper und auch den deutschen Versorgern zeigt, wie gefährlich die allgemeine Lage derzeit für den gesamten europäischen Energiesektor ist", kommentierte Marktexperte Andreas Lipkow von Comdirect. "Durch Verknüpfungen untereinander und teilweise überlappende Geschäftsbereiche können sich nur die wenigsten Energieunternehmen den Risiken entziehen."
Dabei wurden bei Lipkow Erinnerungen an die Finanz- und Bankenkrise 2008 wach. "Damals war die Situation zu Beginn ebenfalls kaum überschaubar und die Folgen teilweise verheerend."
Gaspreise fast doppelt so teuer
Uniper gehört zu den größten Importeuren russischen Gases nach Europa. Entsprechend schwer treffen drastische Lieferkürzungen über die Ostseepipeline Nord Stream 1 den Konzern. Seit Tagen werden dort nur noch 700 statt der möglichen 2000 GWh pro Tag durchgeleitet.
Nach eigenen Angaben erhält Uniper nur noch 40 Prozent der vertraglich zugesicherten Gasmengen von Gazprom und muss teuer Ersatzmengen beschaffen. Am Donnerstag kostete Gas am niederländischen Handelspunkt TTF fast 150 Euro pro MWh. Damit haben sich die Preise in den vergangenen drei Wochen fast verdoppelt.
Debatte um Paragraph 24
Stand jetzt darf Uniper etwaige Zusatzkosten, die bei der Nachbeschaffung entstehen, in Festpreisverträgen nicht an seine Kunden weitergeben. Das könnte sich ändern, wenn die Bundesregierung mit Verweis auf eine Gasmangellage Paragraph 24 des Energiesicherungsgesetzes anwendet. Dann könnten selbst Haushaltskunden mit bestehenden Verträgen an den Kosten beteiligt werden.
Schon im Januar war Uniper der erste große deutsche Energiekonzern gewesen, der sich angesichts turbulenter Energiemärkte Kreditlinien von der staatlichen Förderbank KfW geholt hatte. Insbesondere hohe Sicherheitsleistungen, im Fachjargon Margin-Calls genannt, hatten dem Konzern ebenso wie anderen Versorgern zu schaffen gemacht. In den Wochen darauf wurden auch dem Kraftwerksbetreiber Leag sowie Gashändler VNG KfW-Kreditlinien gewährt. Ferner wurde die ehemalige Gazprom-Germania-Gruppe, die nun Sefe heißt, mit milliardenschweren Staatshilfen gestützt. (Die ZfK berichtete.)
Unipers Speicher zu 56 Prozent gefüllt
Uniper gehört nicht nur zu den führenden Gasimporteuren Europas, sondern mit einer Erzeugungskapazität von 7,3 GW auch zu den fünf größten Stromproduzenten der Bundesrepublik.
Zudem verfügt der Konzern über die größten Gasspeicherkapazitäten des Landes. Mit einem durchschnittlichen Füllstand von 56 Prozent blieben die Speicher des Konzerns zuletzt jedoch unter dem bundesweiten Schnitt (61 Prozent). Keiner der sechs Uniper-Anlagen liegt bislang über der 80-Prozent-Marke, die spätestens am 1. Oktober erreicht werden muss.
Habeck: Blockade von Nord Stream 1 droht
Wie groß die Furcht vor einem endgültigen Stopp russischen Erdgases ist, zeigte sich am Donnerstag nicht nur an den Energiemärkten, sondern auch an Aussagen von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne).
Es drohe vom 11. Juli an "eine Blockade [der Ostseepipeline] Nord Stream 1 insgesamt'", sagte er bei einem "Nachhaltigkeitsgipfel" der "Süddeutschen Zeitung". Deswegen könne es im Winter wirklich problematisch werden. Die Gasversorgung über den Sommer sei gewährleistet.
Hintergrund ist, dass Nord Stream 1 vom 11. bis zum 21. Juli wegen Wartungsarbeiten kein Gas transportieren wird. Danach soll wieder Gas fließen. Die Revision war schon lange im Voraus angekündigt worden.
"Situation durchaus angespannt"
Aber nach dem Muster, dass man gesehen habe, wäre es nicht "superüberraschend", wenn irgendein kleines Teil gefunden werde, mahnte Habeck. "Und dann sagt man: Ja, das können wir halt nicht wieder anmachen, jetzt haben wir bei der Wartung irgendwas gefunden und das war's dann. Also insofern ist die Situation durchaus angespannt."
Mitte Juni hatte Russland unter Verweis auf technische Probleme die Lieferungen durch Nord Stream bereits stark gedrosselt. Als Reaktion darauf hatte die Bundesregierung die Alarmstufe im Notfallplan Gas ausgerufen. "Gas ist von nun an ein knappes Gut in Deutschland", hatte Habeck gesagt. (aba/dpa)



