Der französische Konzern Veolia Environnement ist in Deutschland mit der Veolia Holding Deutschland seit Ende der Neunziger Jahre aktiv. Heute sind Wasser, Abfall und Energie die drei Geschäftsfelder mit einem Gesamtumsatz von 2,9 Milliarden Euro (2024). Im Bereich Wasser bestehen Kooperationen mit rund 200 Kommunen und Städten in Niedersachsen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Bayern, zum Bereich Abfall gehören unter anderem bundesweit über 70 Abfallsortier- und Verwertungsanlagen.
Der Geschäftsbereich Energie ist mit drei Mehrheitsbeteiligungen vergleichsweise klein. Alle kamen in den frühen 2000er Jahren zustande: 2001 Stadtwerke Görlitz, 2003 Stadtwerke Weißwasser sowie 2005 die Braunschweiger BS Energy, die auch Anteile an den später gegründeten Stadtwerken Springe, Gifhorn und Elm-Lappwald hält.
Situation spürbar anders
Steigt Veolia nach 20 Jahren Pause bald wieder bei einem Energieversorger als Gesellschafter ein? "Die Chancen stehen jedenfalls nicht schlecht", so Veolia-Chef Stefan Grützmacher. Anfang 2025 war er von den Städtischen Werken in Kassel zum Deutschland-Hauptsitz nach Hamburg gekommen. Ihm folgte nun mit Martin Ridder, bisheriger Kaufmännischer Geschäftsführer bei Eins Energie in Chemnitz, ein weiterer Branchenkenner.
Grützmacher stellt fest: Die Rahmenbedingungen für Beteiligungen sind wieder günstig. In der Zeit nach 2005 sei es "wegen der zunehmenden Rekommunalisierungsbestrebungen" schwierig für Veolia gewesen, die eigene Präsenz weiter auszubauen. Heute stelle sich die Situation spürbar anders dar. Wegen der anstehenden Investitionen in die Dekarbonisierung sei das Interesse an Kooperations- und Beteiligungsmodellen groß. "Ich beobachte auf der Managementebene von Stadtwerken eine wachsende Bereitschaft, wieder private Partner einzubinden. Das ist der Hebel für künftige Kooperationen."
Veolia beobachte die Entwicklungen im Energiemarkt "sehr aufmerksam" und stehe im Austausch mit Marktteilnehmern. "Grundsätzlich sind für uns Engagements dort denkbar, wo es ein gemeinsames Verständnis von langfristiger Entwicklung gibt. Was strategisch zu uns passt, werden wir sorgfältig prüfen."
Neue Positionierung
Beteiligungen an Energieversorgungsunternehmen oder Stadtwerken "in ihrer Gesamtheit" plant Grützmacher nicht. Es geht ihm vielmehr um den "Aufbau von Kooperationen und Beteiligungen auf einzelnen Stufen der Wertschöpfung", etwa in der Wärmeversorgung. Besonders für die Wärmewende brauche es viel Finanzierungskraft sowie technisches und organisatorisches Know-how. Was Veolia zu bieten hat? "Wir sind Technologiepartner, Finanzierungspartner, Betreiber und Stoffstromaufbereiter in einem. Das ist unsere neue Positionierung." Mit seinen drei Geschäftsfeldern im Rücken sei der Konzern in der Lage, die Schnittstellen der einzelnen Bereiche zu nutzen, um Mehrwerte für die Versorger zu schaffen. Ein wichtiger Punkt, "denn Ressourcenströme dürfen in Zukunft nicht mehr nur eindimensional gedacht werden, sonst wird Potenzial verschenkt".
Was Grützmacher meint, verdeutlicht er am Beispiel Braunschweig. Zusammen mit der Stadt Braunschweig und der Thüga hat Veolia dort das alte Steinkohlekraftwerk durch einen Anlagenpark mit Biomassekraftwerk und Gasturbinenkraftwerk ersetzt. Eine 220-Millionen-Euro-Investition. "Die Biomasse für das neue Heizkraftwerk stammt aus der Altholzaufbereitungsanlage der Kollegen unseres Geschäftsbereichs Entsorgung in Lengede." Durch die Sektorenkopplung Entsorgung-Energieerzeugung entstünden "erhebliche Synergieeffekte"; doppelte Wertschöpfung und ein hohes Maß an Planungssicherheit zum Beispiel dadurch, dass Veolia die gesamte Wertschöpfungskette kontrolliert. Hinzu kommen niedrige Logistikkosten, da für den Transport des Altholzes von Lengede ins 30 Kilometer entfernte Braunschweig eigene Infrastruktur zur Verfügung steht
Kapitaleinlagen denkbar?
Wie sieht es bei den drei Versorgern aktuell aus? Grützmacher bezeichnet BS Energy als "soliden regionalen Energieversorger mit stabiler Marktposition". Wegen seiner Größe habe er tendenziell mehr Investitionsspielraum bei der Dekarbonisierung. Die Stadtwerke Görlitz dagegen seien wie viele andere ostdeutsche Versorger mit den Themen Bevölkerungsrückgang und Strukturwandel konfrontiert. Die Stadtwerke Weißwasser wiederum haben als kleinerer kommunaler Versorger in der eher strukturschwachen Lausitz speziell mit den Folgen des Kohleausstiegs zu kämpfen.
Fragt sich, wie weit Veolia den Versorgern angesichts der aktuell riesigen Investitionszwänge entgegenkommt, ihnen zum Beispiel erlaubt, einen größeren Teil der Gewinne einzubehalten, oder Kapitaleinlagen erwägt. Hier will sich Grützmacher nicht in die Karten schauen lassen. Er betont, dass Veolia viel investiert habe – mehrere 100 Millionen Euro für den Braunschweiger Kohleausstieg und das grenzüberschreitende United-Heat-Wärmeprojekt in Görlitz. Zudem sei in beiden Fällen das Fördermittelmanagement optimiert worden. Grundsätzlich sei Veolia "nicht primär an Ausschüttungen interessiert", sondern wolle "konsolidiertes Ebitda" generieren. Ob und in welcher Form die Gewinne dann ausgeschüttet werden, sei eine andere Frage.
Geschäftsfeld CCS
Im November 2025 ist das neue Kohlendioxid-Speichergesetz in Kraft getreten. Zu den aus Grützmachers Sicht kommenden relevanten Geschäftsfeldern der Energiebranche könnte Carbon Capture and Storage (CCS) gehören. Veolia hat zwei CCS-Machbarkeitsstudien in Auftrag gegeben. Bewertet wird die technische und wirtschaftliche Umsetzbarkeit zweier unterschiedlicher Verfahren am Braunschweiger Biomassekraftwerk. Das Amin-Verfahren wird von Messer Industriegase untersucht, das HPC-Verfahren (Hot Potassium Carbonate) von Capsol Technologies. "Beide Technologien sind vielversprechende Ansätze, um CO₂ effizient aus den Abgasen eines Biomassekraftwerkes abzuscheiden." Eine erste Konzeptstudie habe gezeigt, dass eine Wertschöpfungskette von der Abscheidung über die Aufbereitung und Speicherung bis hin zum Transport des Kohlendioxids in die Nordsee möglich ist.



