Die Vorstände der VSE, Stephan Tenge (links) und Hanno Dornseifer, bei der Jahrespressekonferenz zur Geschäftsbilanz 2021.

Die Vorstände der VSE, Stephan Tenge (links) und Hanno Dornseifer, bei der Jahrespressekonferenz zur Geschäftsbilanz 2021.

Bild: © VSE AG

Von Hans-Peter Hoeren

Eine verursachergerechtere Verteilung der Netzentgelte und größere Anreize für Flexibilisierung – das ist auch nach dem Geschmack von Stephan Tenge, dem technischen Vorstand des saarländischen Energieversorgers VSE AG. Dieser begrüßte auf Nachfrage bei der Bilanzpressekonferenz in Saarbrücken ausdrücklich die Stoßrichtung der in dieser Woche vorgestellten Pläne zur Netzentgeltreform durch die Bundesnetzagentur. "Hier besteht Handlungsbedarf." Die Konsultationsphase zu dem Vorhaben ist diese Woche gestartet. 

Der Strukturwandel im Saarland erfordert in Umfang und Intensität einen besonders zügigen Ausbau der Stromnetze. Es geht darum, ein modernes, perspektivisch attraktives Umfeld für potenzielle neue Industrie-Ansiedlungen zu schaffen. Die Eon-Tochter VSE AG, zu deren Anteilseigner auch einige Kommunen und Gebietskörperschaften aus dem Saarland gehören, setzt dabei auf eine umfassende Smartifizierungs- und Digitalisierungsstrategie.

Automatisierung und Fernsteuerbarkeit der Netze

"Bedingt durch Ausbau und Integration der erneuerbaren Energien wird hier in der Nieder- und Mittelspannung zunehmend mit Überlastung durch Netzengpässe zu rechnen sein", erläuterte Tenge. Zwei Drittel des geplanten Investitionsvolumens in Höhe von insgesamt 375 Millionen Euro in den nächsten drei Jahren fließt deshalb in die Energieinfrastruktur.

Dabei setze man auf eine Kombination aus Smartifizierung und Digitalisierung, wo immer diese möglich sei. Erst im Anschluss daran setze man auf den "extrem investitionsintensiven Ausbau der Netze in Kupfer und Aluminium“, sprich in dickeren Leitungsquerschnitten. "Bei der Digitalisierung der Netze geht es darum, sie zu automatisieren und mit Hilfe von Transparenz und Kommunikation eine gewisse Beobachtbarkeit und Fernsteuerbarkeit herzustellen und zu handhaben", so Tenge weiter. 

All das erfordere einen hohen Datentransfer, der innerhalb einer kritischen Infrastruktur ohne Kompromisse dem Stand der Sicherheitstechnik entsprechen müsse. Deshalb setze das Unternehmen auf einen integrierten, ganzheitlichen Ansatz und fördert auch zukünftig den Ausbau der Bereiche IT, Telekommunikation und Informations- respektive Cyber-Sicherheit intensiv. Auch in diesen Geschäftsfeldern sind signifikante Investitionen im Umfang von über 80 Millionen Euro geplant.

"Beachtliches Flexibilitäts-Portfolio" im virtuellen Kraftwerk aufgebaut

Auch der Erneuerbarenausbau wird forciert. Aktuell liegt das Erneuerbaren-Portfolio bei rund 163 MW, zwei weitere Windparks mit insgesamt 26 MW sind in Planung. Parallel dazu hat VSE in den vergangenen Jahren laut Vorstand Hanno Dornseifer ein "beachtliches Portfolio“ im Gasbereich von 730 MW und im Strombereich von rund 200 MW an Flexibilitäten in seinem virtuellen Kraftwerk aufgebaut. 

In dem virtuellen Kraftwerk bündelt der Infrastrukturdienstleister verschiedene Energie-Erzeugungsanlagen wie Blockheizkraftwerke (BHKW), Notstromaggregate oder EE-Anlagen und vermarktet deren dezentral erzeugten Strom als Regelleistung. Dieses soll jetzt um einen Stand-alone-Batteriespeicher in der Größe von zwei bis fünf MW erweitert werden. Man sei davon überzeugt, dass Flexibilität wichtig ist, um die Energiewende zum Erfolg zu führen, die Wirtschaftlichkeit des Businesscaes beurteile man momentan aber noch zurückhaltend.

"Wir wissen nicht, was die neue Bundesregierung plant. Sofern sich die Vermarktung über den Speicher als erfolgreich herausstellt, sind wir bereit, in weitere Flexibilitäten zu investieren", so Dornseifer. Ob der Businesscase aufgehe, werde künftig auch davon abhängen, ob die geplanten, hochflexiblen Gaskraftwerke nicht nur bei Engpässen, sondern das ganze Jahr über für den Markt Energie produzieren könnten. Sollten diese ihre Produktion im vertrieblichen Handelsmarkt vermarkten können, mache das den Betrieb von Batteriespeichern tendenziell wirtschaftlich weniger interessant.

Solide Ertragskraft sichert Finanzierung der Investitionen bis zum Ende des Jahrzehnts

Das langfristig angelegte Investitionsprogramm kann das Unternehmen laut Aussage von Dornseifer mindestens bis 2029/30 aus der eigenen Innenfinanzierungskraft stemmen. Hier sei man aktuell noch in einer guten Situation, das Geschäft sei stabil, die Umsätze solide. Die derzeitigen Rahmenbedingungen und eine Eigenkapitalverzinsung von fünf Prozent im Bereich der Stromnetze mute "den eigenen Aktionären aber dennoch viel zu". Das reiche auf Dauer nicht, um die künftigen Investitionen stemmen zu können.

100 neue Arbeitsplätze sollen geschaffen werden

Während die Stromabgabe im Bilanzjahr im Wesentlichen aufgrund einer geringeren Abnahme industrieller Großverbraucher infolge der eingetrübten Wirtschaftslage von 4.824 auf 4.121 Kilowattstunden (kWh) abgenommen hat, legte die Erdgasabgabe aufgrund krisenbedingter Rückverkäufe an Großhändler von 7.303 auf 7.510 Gigawattstunden (GWh) leicht zu. Der vergleichsweise deutliche Rückgang der Umsatzerlöse der VSE-Gruppe von 1,85 auf 1,39 Milliarde Euro wird auf die Normalisierung der außergewöhnlichen Preisniveaus an den Großhandelsmärkten für Strom und Gas im abgelaufenen Geschäftsjahr zurückgeführt.

Ende vergangenen Jahres waren 1745 Mitarbeitende für die VSE tätig. Bis 2027 sollen über 100 neue Arbeitsplätze vor allem in den Bereichen Netz und IT hinzukommen. In einem bemerkenswerten Pilotprojekt will das Unternehmen zudem in Kooperation mit Future Job, Quereinsteiger mit und ohne Berufsausbildung für den Arbeitsmarkt qualifizieren. Dafür wurde vor Kurzem die VSE Akademie gegründet. 

Über eine zertifizierte Maßnahme, die von der Agentur für Arbeit gefördert wird, soll damit ein Teil des Personalbedarfes in ausgewählten Engpassbereichen, konkret zunächst im Netzausbau, in den Netzgesellschaften der VSE und in deren Partnerfirmen gedeckt werden. Ende April wurde ein erster Qualifizierungskurs gestartet, der bis Anfang November abgeschlossen sein soll. "Wir wollen auch außerhalb der bewährten Wege Menschen ohne berufliche Ausbildung qualifizieren. Das ist ein Stück weit auch eine Antwort von uns auf die aktuelle Migrationsdiskussion und ein Stück Willkommenskultur an der Saar“, stellte Hanno Dornseifer klar.

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