Felix Zösch (links) steht seit Anfang dieses Jahres an der Spitze des Stadtwerks Haßfurt, sein Vater Norbert ist mittlerweile Senior Advisor und engagiert sich in der Politik.

Felix Zösch (links) steht seit Anfang dieses Jahres an der Spitze des Stadtwerks Haßfurt, sein Vater Norbert ist mittlerweile Senior Advisor und engagiert sich in der Politik.

Bild: © Stadtwerk Haßfurt

Von Andreas Lorenz-Meyer

Der 25. Juli 2024 war ein besonderer Tag für die Familie Zösch aus Haßfurt. An diesem Tag rief Günther Werner, Bürgermeister der unterfränkischen Kleinstadt alle für 9 Uhr morgens zusammen und verkündete: Der neue Chef des Stadtwerks wird der Sohn des bisherigen. Felix Zösch (35) hatte sich bei der offiziellen Ausschreibung klar durchgesetzt. Solch eine Nachfolge ist selten in der Energiebranche. "Ich war stolz", erinnert sich Norbert Zösch (65) an den Tag der Entscheidung. "Aber ich dachte auch daran, dass die Geschäftsführung eines Stadtwerks in der heutigen Energielandschaft eine große Herausforderung ist."

Im Frühjahr 1998 hatte Zösch senior die Leitung des damaligen Eigenbetriebs übernommen. "Das war eine andere Zeit. Der Energiefluss kannte nur eine Richtung und ließ sich relativ leicht beherrschen." Was aber nicht so blieb. Auf die Liberalisierung des Strommarktes folgte 2000, für viele überraschend, das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Obwohl damals von "Experten" belächelt und als chancenlos eingeschätzt, begannen die erneuerbaren Energien ihren Siegeszug, formuliert Zösch. Auch in Haßfurt: "Wir hatten einen entscheidungsfreudigen Bürgermeister und einen aufgeschlossenen Stadtrat." So konnten im Laufe der Jahre viele Projekte auf den Weg gebracht werden: Bürgerwindpark, Power-to-Gas-Anlage, Wasserstoff-BHKW zur H2-Rückverstromung. Heute produziert Haßfurt drei Mal mehr Strom aus erneuerbaren Quellen als benötigt.

Zugang zu großem Experten-Netzwerk

Eine Sache, die Zöschs Amtszeit charakterisiert: Er hat sich für jedes Projekt passende Verbündete gesucht. Am intensivsten sei die Zusammenarbeit mit dem Institut für Energietechnik in Amberg und der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden gewesen. "Wir haben viele Experten in unserem Netzwerk. Das ist der Schlüssel zum Erfolg." Geprägt haben die gut 26 Jahre im Chefsessel auch Zöschs beruflicher Hintergrund. Als Diplom-Ingenieur der Energietechnik verfügt er über Detailwissen. Gut so, "denn genaue Kenntnisse der Stromnetzplanung und -berechnung sind die Grundlage für eine sichere Netzführung bei volatilen Erzeugungsstrukturen."

Einmal Stadtwerk, immer Stadtwerk

Sohn Felix kommt aus einer ähnlichen Richtung. Auf Anraten des Vaters hatte er Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Elektrotechnik studiert. "Eine gute Wahl, da der Studiengang technisches und kaufmännisches Wissen verbindet." Zudem besitzt Felix einen Master in Elektro- und Informationstechnik. Die Idee, irgendwann mal Geschäftsführer zu werden, saß schon lange in seinem Hinterkopf. Kein Wunder, gefühlt verbrachte er seine halbe Jugend im Betrieb. In den Schulferien jobbte er dort, später schrieb er dort Diplom- und Masterarbeit. Nach dem Studium arbeitete Felix erst als Elektroplaner bei einem Ingenieurbüro, "aber das war nicht das Gleiche wie Stadtwerk". 2017 kehrte er zurück, wurde Technischer Leiter Strom und Prokurist.

Seit der bewusst schlicht gehaltenen Amtsübergabe am 7. Januar dieses Jahres ist er nun Geschäftsführer. In den ersten Monaten hatte er viel mit Themen zu tun, "die sich einfach aufdrängen". Zum Beispiel ist die örtliche Netzinfrastruktur in die Jahre gekommen. Energie- und Wärmewende müssen finanziert werden. Das aktuell größte Projekt: der Neubau eines Hochbehälters zur Wasserversorgung der Stadt Haßfurt und einiger Ortsteile. In die Kategorie "ärgerlich und unnötig" fällt die Sache mit den Smart Metern, die Felix derzeit beschäftigt. Ganz Vorreiter, hatte das Stadtwerk bereits 2012 eigene intelligente Messgeräte verbaut. Doch letztes Jahr kam die Aufforderung der Bundesnetzagentur, diese auszutauschen.

Mitgründer der Initiative "Simplify Smart-Metering"

"Obwohl unser Smart-Meter-System technisch und wirtschaftlich besser und zudem mindestens genauso datensicher ist wie die gesetzlich vorgeschriebene Lösung", so Zösch junior. Die Kunden sind berechtigterweise sauer. Aber immerhin hält sich der finanzielle Schaden in Grenzen, weil die eingesetzten Zähler kaufmännisch bereits abgeschrieben sind. Felix hofft dennoch weiter auf Einsicht von "oben". Für ihn ist klar: Mit dem stockenden Smart-Meter-Rollout kann es so nicht weiter gehen. Deshalb hat er die Initiative "Simplyfy Smart-Metering" mitgegründet. "Wir streben eine wirkliche Vereinfachung des Messwesens an."

Was sind weitere Aufgaben und Ziele für die nächsten Jahre? "Da wir bilanziell über 300 Prozent erneuerbare Energien in unserem Netz haben, müssen wir Anlagen teilweise abregeln oder den Strom ins Bayernwerk-Netz einspeisen." Deswegen brauche Haßfurt Technologien zur Langzeitspeicherung. Batteriespeicher seien dafür leider nicht geeignet, weshalb Zösch über eine zweite größere Power-to-Gas-Anlage nachdenkt, die Strom in Form von Wasserstoff zwischenspeichert.

Wegen der immer weiter sinkenden Margen im Energievertrieb ist er zudem auf der Suche nach neuen Dienstleistungen und damit neuen Einnahmequellen. Eine Möglichkeit ergab sich durch die Gründung des Regionalwerks Haßberge letztes Jahr. "Ab 2026 werden wir es in Vertrieb und Abrechnung unterstützen."

KI-Einsatz und digitale Dienstleistungen will Felix Zösch ausbauen

Durch seine Ausbildung ist Felix nicht nur technik-, sondern auch informatik-affin. Hier setzt er andere Schwerpunkte als sein Vater. "Ich möchte, dass wir mit Hilfe von KI effizienter arbeiten und mehr digitale Dienstleistungen bereitstellen." Zösch junior schwebt eine App vor, in der Kunden Verbrauchs- sowie Einspeisewerte einsehen und Strom digital hin- und her transferieren können.

Dass es keine leichten energiewirtschaftlichen Zeiten sind, ist dem Geschäftsführer klar. Anbieter mit extrem günstigen Tarifen machten regionalen Versorgern das Leben immer schwerer. Der Margendruck wachse ständig. Hinzu kommen häufige Gesetzesanpassungen und die Überregulierung. Dennoch möchte Felix dafür sorgen, "dass wir als kleines Stadtwerk weiter innovativ sind." Gleichzeitig soll das Unternehmen ein sicherer und attraktiver Arbeitsplatz sein. Und für Kunden plant Zösch auch in Zukunft stabile und preisgünstige Tarife – die von seinem Vater initiierten frühzeitigen Investitionen in erneuerbare Energien hätten dafür das Fundament gelegt.

Warum Zösch senior sich mittlerweile auch in der Politik engagiert

Zösch senior muss jetzt nicht mehr das große Ganze im Blick haben. Seit Januar ist er Senior Advisor. Zu seinem Aufgabengebiet gehören Forschungsprojekte wie "HYBKomp2". "Da ist für mich endlich wieder Elektrotechnik pur angesagt. Es geht darum, Oberschwingen und Netzverzerrungen zu analysieren und mit Hilfe eines Batterie- und eines Schwungmassenspeichers zu beseitigen. Für Laien erklären wir das immer als eine Art Bügeleisen, das Stromfluss-störende Falten glättet."

Des Weiteren kümmert er sich um die Betriebsführung der drei Batteriegroßspeicher, die schwankende Wind- und Solarerträge ausgleichen. Diese Arbeit nimmt viel Zeit in Anspruch. Es gibt immer mal technische Probleme. "Aber das hält uns nicht davon ab, die Energiewende zum Erfolg zu führen. Schließlich gibt es keinen Plan B – auch wenn die aktuelle Regierung den Zug wieder mal bremsen will."

"Meine vier Enkel sollen später nicht sagen: ‘Der Opa war doch auch einer dieser Energieexperten – warum hat er nicht mehr getan?"

Mittlerweile ist der Energiewirtschaftler auch Politiker. Seit 2020 sitzt Zösch senior für die Grünen im Kreistag des Landkreises Haßberge. Warum das? Es brauche politische Gremien, um die Energiepoltik in die richtige Richtung zu lenken.

"Als Geschäftsführer eines Energieversorgers musste ich technische Zusammenhänge plausibel und nachvollziehbar erklären können. Da hilft es, selbst in solchen Gremien mitzuwirken, um die Sichtweise eines Kommunalpolitikers zu verstehen." Was ihn am meisten motiviert, sich weiter für die Transformation der Energiewirtschaft einsetzen? "Ganz einfach, es sind meine vier Enkel. Später sollen sie nicht sagen: Der Opa war doch auch einer dieser Energiexperten – warum hat er nicht mehr getan?"

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