Nechlin, in der Gemeinde Uckerland im nördlichsten Teil Brandenburgs gelegen, ist ein typisches altes Straßendorf. Zwar verfällt das früher ortsprägende Gutshaus, aber sonst halten die 120 Einwohner alles gut in Schuss. Viele Gebäude wurden restauriert, ein umgebauter Speicher dient als Eventlocation für Hochzeiten. Es gibt das Hotel "Alte Brennerei" und eine Großküche, die Kitas und Schulen in der Umgebung mit Essen beliefert.
Direkt am Dorf steht das Windfeld des brandenburgischen Energieunternehmens Enertrag mit einer Gesamtnennleistung von 30,6 Megawatt. Das Besondere: 2019 war in einem Pilotprojekt ein Wärmespeicher dazu gebaut worden. An windreichen Tagen, wenn die Windräder mehr Energie erzeugen als eingespeist wird, leitet ein Kabel Strom vom Windfeld direkt zu einem eine Million Liter fassenden Tank. Das Wasser im Tank wird per Heizspiralen auf bis zu 93 Grad Celsius erwärmt und ins örtliche Nahwärmenetz verteilt.
1500 Euro weniger Heizkosten
"Mittlerweile versorgt der Speicher das Dorf und seine 60 Haushalte komplett mit Wärme", berichtet Matthias Schilling, Bürgermeister der Gemeinde Uckerland. Die alte Holzhackschnitzelanlage, die als Back-up dient, müsse nur selten angeschaltet werden. Die Wärmemenge des Speichers reicht, um das Dorf zwei bis drei Wochen zu beheizen; so kommen die Nechliner gut durch den Winter. Vor allem profitieren sie von niedrigen Wärmepreisen, betont Schilling. Im Schnitt sind es zehn Cent pro Kilowattstunde.
Während der Energiekrise, als die Preise wegen der Erdgasmangellage nach oben schossen, hätten die Nechliner aufs Jahr gerechnet 1500 Euro weniger fürs Heizen ausgeben müssen als Haushalte mit fossilen Heizsystemen. Schilling betrachtet die günstigen Preise als "Akzeptanzförderer" für erneuerbare Energien.

"Windräder bedeuten einen Eingriff in Landschaft und Lebensqualität. Ohne handfeste ökonomische Argumente kann man die Bevölkerung da nur schwer für sich gewinnen. In Nechlin ist uns das gelungen, denn jeder im Dorf hat etwas vom Speicher", sagt Schilling.
Auch wenn die Gemeinde am Windfeld nicht beteiligt ist, sind erneuerbare Energien doch ein bedeutender wirtschaftlicher Faktor. Vom Haushaltsvolumen – rund neun Millionen Euro – gehen zehn Prozent allein aufs Konto vor allem der Windenergie. Auf dem Gemeindegebiet stehen mittlerweile 106 Anlagen. Da sie nicht auf Gemeindeflächen gebaut sind, fließen zwar keine Pachteinnahmen, dafür aber Gewerbesteuern von Projektierern wie Enertrag, Notus Energy, der Windbauer-Gruppe oder Tandem Wind Energy.
Weitere Geldflüsse gehen auf das Brandenburger Windenergieanlagenabgabengesetz zurück. Es sieht die Zahlung einer Sonderabgabe von 10.000 Euro pro Jahr an Gemeinden im Drei-Kilometer-Radius von Windenergieanlagen vor, die ab Januar 2020 in Betrieb gegangen sind. In der Gemeinde Uckerland bringen sieben Anlagen auf diesem Weg Einnahmen.
Nach UN-Definition ist das unbewohntes Land.
Matthias Schilling
Bürgermeister Uckerland
Erneuerbare Energien dürften noch wichtiger werden, vermutet Schilling. "Wir sind eine dünn besiedelte Gemeinde mit elf weit auseinanderliegenden Ortsteilen und haben nur noch 2500 Einwohner auf einer Fläche von 160 Quadratkilometern. Nach UN-Definition ist das unbewohntes Land."
Die Gemeinde müsse über die großen Entfernungen aber die gleichen Leistungen erbringen wie Kommunen in dicht besiedelten Konglomerationsräumen, ob das Feuerwehrfahrzeuge, Kindergärten oder Wohnungen sind. "Mit erneuerbaren Energien bietet sich die Chance, die Infrastruktur aufrechtzuerhalten und langfristig zu finanzieren", sagt Schilling. Das gelte nicht nur für Ostdeutschland, sondern für den ländlichen Raum allgemein.
Solider Haushalt für 20 Jahre
Ähnlich ist die Situation in der mecklenburgischen Gemeinde Hoort, südlich von Schwerin. Sie zählt 600 Einwohner. Etwas außerhalb stehen 16 Windenergieanlagen des Typs N117: der 2021 in Betrieb gegangene Windpark Hoort. Er produziert durchschnittlich 141 Gigawattstunden (GWh) Strom pro Jahr und wird von drei unterschiedlichen Gesellschaften bewirtschaftet: "Hoort 1" (zwei Anlagen) gehört dem mecklenburgischen Projektierer Loscon, "Hoort 3" (zehn Anlagen) der Wemag-Tochter "mea Energieagentur Mecklenburg". Die vier Anlagen von "Hoort 2" sind im Besitz der Gemeinde sowie einiger Hoorter Bürger.
Die Gemeinde musste für ihre Beteiligung einen Kredit aufnehmen. Das hat sich gelohnt, sagt Bürgermeisterin Iris Feldmann: "Der Verkauf des Stroms, der ins öffentliche Netz geht, bringt uns im Jahr eine sechsstellige Summe." Hinzu kommt der Pachtertrag für die vier Windräder, die sich auf Gemeindeland befinden – nochmal ein sechsstelliger Betrag pro Jahr.
"Dank dieser Einnahmen verfügen wir über einen solide gesicherten Haushalt für die nächsten 20 Jahre und können viele Infrastrukturprojekte finanzieren." Darunter Radwege, die Sanierung des Gemeinschaftshauses oder der gemeindeeigenen Kita.
Ein weiteres mit Windkraftgeld finanziertes Projekt ist die Umwandlung der Neu Zachuner Eichenstraße von einem Sandweg in eine asphaltierte Straße mit Gehweg. "Dafür haben wir keine Fremdmittel einsetzen müssen", so Feldmann.
Ohne die Windpark-Einnahmen hätten wir uns dieses Feuerwehrauto nicht leisten können.
Iris Feldmann
Bürgermeisterin Hoort
2024 schaffte sich die Gemeinde zudem ein fabrikneues LF20-Löschfahrzeug für die Freiwillige Feuerwehr an. Es kostete 530.000 Euro, davon waren 93.000 Euro Fördergeld. "Ohne die Windpark-Einnahmen hätten wir uns dieses Feuerwehrauto nicht leisten können. Dann wäre auch der geplante Neubau eines Feuerwehrgerätehauses nicht finanzierbar." Freiwillige Ausgaben – Zahlung eines Begrüßungsgeldes für Neugeborene, Präsente für Jubilare – würden ohne "Hoort 2" auch wegfallen.
Erst Solarstrom, später auch Wärme
In der Bach-Stadt Ohrdruf, deren Gemarkung tief in den Thüringer Wald hineinreicht, spült seit Frühjahr 2025 Solarenergie Geld in die Kassen. Auf dem rekultivierten Deponiegelände steht der Solarpark Ohrdruf, der drei Millionen Euro kostete. Jährliche Stromproduktion: 4 GWh. Betreiber ist die Projektgesellschaft Solarpark Ohrdruf, an der die Teag und Ohra Energie je 30 Prozent und die Stadt 40 Prozent Anteile halten.
Für Kommunen sind Energieprojekte ein guter Weg, ihre finanzielle Situation zu verbessern.
Stefan Schambach
Bürgermeister Ohrdruf
"Für Kommunen sind Energieprojekte ein guter Weg, ihre finanzielle Situation zu verbessern", sagt Bürgermeister Stefan Schambach. Zum einen wird die Deponiefläche an die Gesellschaft verpachtet, was zusätzliche Einnahmen bringt; wenn auch überschaubare. Zum anderen partizipiert die Stadt im Rahmen ihrer Beteiligung am wirtschaftlichen Erfolg der Gesellschaft.

"Wie sich das letztlich in barer Münze auszahlt, können wir jetzt im ersten Jahr des Betriebs noch nicht abschätzen." Wichtig war der Stadt auch die Sicherung und die weitere Pflege der Deponie. Das Gelände ist eingezäunt worden, Pflege und Unterhalt übernimmt der Pächter. Das spart Kosten.
Künftig wird der Solarpark auch Teil der Ohrdrufer Wärmeversorgung sein. Die Teag-Tochter Thüringer Wärme Service (TWS) hat das Heizhaus im Rahmen eines Energiecontractings umgebaut und unter anderem eine Wärmepumpe errichtet, die mit lokal produziertem Solarstrom läuft. "Den Strom erhält die TWS zu attraktiven Konditionen, was aber nur ein kleiner Bestandteil der Gesamtkalkulation ist", so Schambach. Damit nicht genug: Es könnte auch noch ein Energiespeicher dazukommen; der Bau auf dem Deponiegelände wird derzeit geprüft.



