Oliver Runte ist seit 2017 Teil der Trianel-Geschäftsführung und dort unter anderem für den Energiehandel verantwortlich.

Oliver Runte ist seit 2017 Teil der Trianel-Geschäftsführung und dort unter anderem für den Energiehandel verantwortlich.

Bild: © Trianel

Am 25. Juni 2024 kam es bei der Epex Spot zu einem technischen Fehler in der Day-Ahead-Auktion. Die Strombörse führte in der Folge eine Marktentkopplung (engl. market decoupling) in der sogenannten "Core-Region" durch, zu der auch Deutschland gehört. Die Länder wurden einzeln auktioniert, ohne Kapazitäten im grenzüberschreitenden Stromhandel miteinzubeziehen. In Deutschland führte dies morgens und abends zu stark überhöhten Preisen.

Herr Dr. Runte, die Preisturbulenzen bei der Strombörse Epex Spot am 25. Juni 2024 sollen laut Handelsblatt Schäden von bis zu 350 Mio. Euro verursacht haben. Halten Sie diese Zahl für realistisch?

Die Preisprognosen für den Day-Ahead-Markt am 25. Juni lagen bei 102 bis 103 Euro pro Megawattstunde. Aufgrund des Market-Decouplings sind wir in Deutschland bei 492 Euro pro MWh herausgekommen. Wegen der Preisspitzen von teilweise über 2000 Euro halte ich die Summe von 350 Mio. Euro durchaus für realistisch.

Wer sind Gewinner und Verlierer dieses Tages?

Wer Mengen verkaufen wollte, hat grundsätzlich profitiert. Wenn Sie Mengen kaufen mussten, sind Sie auf der Verliererseite gelandet. So teilt sich das Feld relativ einfach auf. Bei Trianel haben wir sowohl Erzeugungs- als auch Beschaffungspositionen. In einzelnen Büchern haben wir etwas gewonnen, in einigen Büchern aber auch verloren. Deshalb ist bei uns im Endeffekt ein finanzieller Schaden entstanden. Bei vielen anderen Marktteilnehmern wird das ähnlich sein. Insgesamt ist das Bild aber gemischt – auch in der Kommunalwirtschaft.

Was können Sie als Stadtwerk in so einer Situation tun?

Vorab ist zu klären, wer an dem Tag überhaupt Zugang zur Börse hatte. Wir hatten zum Beispiel gar keine Möglichkeit, uns überhaupt in den ETS-Client der Epex Spot einzuloggen. Uns wurde nicht einmal die Chance gegeben, zu gewinnen oder zu verlieren. Deshalb mussten wir Alternativen suchen.

Wenn Sie einen Dienstleister wie Trianel haben, können Sie zum Beispiel nicht nur über die Epex Spot handeln, sondern auch über alternative Börsenplätze wie Nord Pool. So war gewährleistet, dass wir unsere Mengen wenigstens fristgerecht platzieren konnten.

Was hätte die Epex Spot anders machen können?

Sie hätte die Orderbücher einfrieren und die Auktion, sobald der IT-Fehler behoben war und das Market Coupling wieder funktionierte, nachholen können. Ich hatte mich an dem Tag mit der Epex Spot in Verbindung gesetzt und diese Lösung vorgeschlagen. Leider hat die Börse darauf nicht reagiert. Das hat sicher auch damit zu tun, dass der ein oder andere Übertragungsnetzbetreiber eine frühzeitige Fahrplanabgabe fordert. Wenn wir auf die nordischen Länder blicken, ist es dort allerdings möglich, die Fahrpläne bis acht Uhr abends abzugeben – also viel später. Es gibt außerdem ein Notfall-Prozedere, falls eine Auktion nicht stattfinden kann. All das haben wir leider nicht.

Die Epex Spot will jetzt über längere Fristen nachdenken. Was steht dem entgegen?

Eigentlich steht dem nichts entgegen. Wir müssen uns mit dem Übertragungsnetzbetreibern zusammensetzen und das Prozedere überarbeiten. Eine Day-Ahead-Auktion kann zu einem späteren Zeitpunkt neu gestartet werden. Ich weiß nicht, warum die Epex Spot bei einem so komplexen System keine Redundanz eingebaut hat. Wir sind als Händler dazu verpflichtet, unsere Handelssysteme redundant aufzustellen, damit wir bei einem Ausfall auf ein alternatives System zurückgreifen können. So etwas hätte ich auch bei der Börse erwartet. Ich gehe davon aus, dass die Epex Spot das in Zukunft anders handhabt.

Reicht die bestehende Regulierung aus?

Es gibt bereits eine Regulierung, auf die sich die Epex Spot auch berufen hat. Demnach darf die Börse in Notfällen das Market-Coupling aussetzen und die Märkte einzeln auktionieren. Diese Regeln sind aber viele Jahre alt. Wir müssen das System hinterfragen. Mittlerweile ist die Welt komplexer geworden und die bestehenden Regularien passen nicht mehr dazu. Die Epex Spot hat aber ihre Bereitschaft signalisiert, solche Dinge zu bearbeiten.

Wie können Sie sich sonst absichern?

In der Energiebeschaffung haben wir uns vertraglich so abgesichert, dass wir neben der Epex Spot auch an der Nord Pool und der Exaa handeln können. In der Direktvermarktung hilft uns das allerdings nicht. Die Spitzenwerte des 25. Juni fließen dort auch in die Monatswerte mit ein. Dort ist festgeschrieben, dass es sich um Epex-Werte handelt. Hierzu sind wir mit anderen Direktvermarktern im Gespräch. Ich würde mir von der Bundesnetzagentur wünschen, dass sie solche Extremwertung aus der Monatswert-Berechnung ausschließt.

Welche Bedeutung gewinnen die Alternativen der Epex Spot?

Das ist unter anderem eine Kostenfrage. Die unterschiedlichen Börsen nehmen unterschiedliche Gebühren für die Transaktionen. Die Börsen nutzen aber den gleichen Algorithmus und kommen normalerweise zum selben Ergebnis. Daher ist es überlegenswert, ob es nicht sinnvoll ist, in so einer Ausnahmesituation eine Auktion an einer alternativen Börse durchzuführen. Gerade im Sinne von Notfallprozessen.

Welche Möglichkeiten fallen Ihnen noch ein?

Die Börse hätte sich auf einen Referenzwert einigen können, zum Beispiel anhand von Vortageswerten oder Prognosewerten. Andere Börsen haben solche Mechanismen. Auch die Preisprognosen für den laufenden Tag sind schon relativ gut. Die Abweichungen sind häufig gering. Es wäre zudem eine Möglichkeit gewesen, auf Referenz- oder Alternativpreise zurückzugreifen. Neben der Preisprognose könnten das auch die Werte der Nord Pool sein. Die waren zu dem Zeitpunkt am Nachmittag bereits verfügbar.

Gerade Verbraucher mit dynamischen Tarifen hätten dann die Sicherheit, dass es für solche Ausnahmefälle technische Alternativen gibt.

Leider hat sich die Börse anders entschieden. Das Market-Coupling auszusetzen und die Märkte einzeln zu auktionieren, ist unter anderem aufgrund der unterschiedlichen Marktsituation meistens die schlechteste Variante.

Das Interview führte Julian Korb.

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