Von Pauline Faust
Der Einstieg in die Energiewirtschaft war für Julian Wollscheidt kein Selbstläufer. "Bei den Stadtwerken war die Dynamik durchaus von einem Generationenkonflikt geprägt", berichtet der Geschäftsführer der Stadtwerke Völklingen. Mit 27 Jahren fing er in dem Unternehmen als Kaufmännischer Leiter an und muss sich den Respekt von Geschäftsführern und Vorständen erarbeiten.
"Mit nur wenigen Jahren Berufserfahrung und vergleichsweise jungem Alter wurde ich anfangs oft als 'Junior' betrachtet, der vielleicht noch nicht die nötige Erfahrung hat, um auf Augenhöhe mitzudiskutieren", berichtet er. Doch: "Sobald wir uns auf eine fachliche Diskussion einließen und gemeinsam über Herausforderungen oder Ideen sprachen, rückte das Alter in den Hintergrund." Der gemeinsame Nenner, den man über die Themen der Energiewirtschaft findet, habe gezeigt, dass es weniger um Hierarchien oder Generationen geht, sondern um Expertise und Zusammenarbeit. Heute, acht Jahre später, ist er selbst Geschäftsführer.
"Ich habe das Glück gehabt, dass ich in meiner beruflichen Laufbahn stets von erfahrenen Menschen umgeben war, die mich unterstützt und inspiriert haben", sagt Wollscheidt. Von ihnen habe er gelernt, wie man zielführend kommuniziert, Verhandlungen geschickt führt oder komplexe Themen für verschiedene Zielgruppen verständlich macht.
Ausbildung in der Braunkohle
Seine Berufslaufbahn hätte ganz anders verlaufen können. Wollscheidt wächst im Saarland auf und macht eine Ausbildung zum Elektroniker für Betriebstechnik bei der RAG Deutsche Steinkohle, wo er auch unter Tage arbeitet. Doch schon damals zeichnete sich das politische Ende des Bergbaus ab. "Ich hätte wohl nur drei Jahre in dem Betrieb weiterarbeiten können", sagt er.
Nach seiner Lehre sieht er sich daher gezwungen, sich neu zu orientieren. "Ein rein technischer Beruf war für mich nicht die Lösung." Also wagt Wollscheidt den Schritt zurück auf die Schulbank und studiert anschließend Wirtschaftsingenieurwesen.
Mir fehlte der Bezug zu einem greifbaren Produkt.
Es folgt eine Karriere in der Wirtschaftsprüfung bei PwC in Luxemburg, wo er mehrere Jahre vor allem in der Prüfung von deutschen Großbanken tätig ist und einige Beratungsprojekte begleitet. "Während Bankkredite und Finanzderivate zwar komplex und wichtig sind, fehlte mir der Bezug zu einem greifbaren Produkt", berichtet er.
Zufällig stößt er auf eine Ausschreibung für die Kaufmännische Leitung der Stadtwerke Völklingen. Die Kombination aus Technik und Wirtschaft zusammen mit der gesellschaftlichen Verantwortung passt zu ihm. Zu diesem Zeitpunkt waren die Stadtwerke Völklingen in der Sanierung, nachdem sie sich mit einer eigenen Fischzucht massiv verkalkuliert hatten. "Diese Herausforderung hat mich gereizt, denn ich wollte Teil einer Lösung sein und dazu beitragen, das Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen."
Geschäftsführer mit 27
2017, mit 27 Jahren, tritt Wollscheidt seinen neuen Posten an: "Ich übernahm die Aufgabe, die finanziellen Strukturen zu stabilisieren und die Finanzierung der gesamten Unternehmensgruppe federführend zu gestalten."
Nach kurzer Zeit bekommt er weitere Verantwortungsbereiche; so darf er erstmals Geschäftsführertätigkeiten in einer Enkelgesellschaft und einer Tochtergesellschaft des Konzerns übernehmen – konkret bei der Vereinigten Feuerbestattung Saar sowie der Stadtwerke Völklingen Beteiligungsgesellschaft. Diese Aufgaben haben ihn schließlich auch fit für seine jetzige Position als Geschäftsführer der Unternehmensholding gemacht. Mit 29 Jahren übernimmt er den Posten von Michael Böddeker, der zuvor maßgeblich die Unternehmenssanierung gestaltet hatte. "Ich schätze ihn sehr und bin froh, dass er mein Mentor war", sagt Wollscheidt.
Die Idee ist, dass unsere ERP-Plattformlösungen zum neuen Maßstab in der Branche werden.
Wollscheidt trägt heute die Verantwortung für die rund 230 Mitarbeitenden des Unternehmens. Neben der Energieversorgung gehört der ÖPNV zum steuerlichen Querverbund. Ein Projekt, das er mitangeschoben hat, ist eine Plattform für ein gemeinsames Enterprise-Ressource-Planning (ERP)-System. Es ist ein weites Feld: von Geschäftsprozessen, wie dem Einkauf, über Energieabrechnung bis hin zum Asset-Management. Zusammen mit der KEW Kommunale Energie- und Wasserversorgung aus Neunkirchen und den Stadtwerken Saarlouis, wollen die Stadtwerke Völklingen sie produktiver, schneller und auch kostenoptimierter steuern. "Die Idee ist, dass unsere Plattformlösungen zum neuen Maßstab in der Branche werden."
Ohne solche Standards liefe man Gefahr, die Kontrolle über die Vielzahl an täglichen Geschäftsprozessen zu verlieren. Es sei nicht sinnvoll, dass jeder eine eigene Lösung entwickelt, sagt Wollscheidt und vergleicht es mit dem Standardladeanschluss: "Wenn es gelingt, hier eine Art 'USB-C-Standard' für Geschäftsprozesse zu etablieren, schaffen wir eine Grundlage für Effizienz und Zusammenarbeit aus der freien Marktwirtschaft heraus, ohne dass zwingend externe Vorgaben wie von der Bundesnetzagentur nötig wären", meint er.
Mehr Kooperation in der Kommunalwirtschaft
In der Kommunalwirtschaft nehmen Kooperationen angesichts komplexerer Regulatorik und Wettbewerbsdruck zu. Andere Branchen seien schon früher weiter gewesen, berichtet Wollscheidt und blickt auf seine Anfangszeit in der Energiebranche: "Es war auffällig, wie sehr jeder auf seiner eigenen Insel agierte, ohne wirklich regional oder überregional zu kooperieren." Kommunale Eigenheiten und der Wunsch, unabhängig zu bleiben, hätten oft im Vordergrund gestanden. "Das war für mich ein starker Kontrast zur dynamischen, taktgebenden Beratungswelt."
Heute habe sich die Branche glücklicherweise deutlich verändert: Es herrsche eine größere Offenheit – sowohl zwischen Unternehmen als auch innerhalb der Organisationen. "Man hat erkannt, dass Zusammenarbeit und der Austausch zwischen Generationen wertvolle Synergien schaffen", sagt Wollscheidt.
In der Reihe "Neue Perspektiven" stellt die ZfK jüngere Führungskräfte vor. Kennen Sie weitere interessante Kandidat*innen? Vorschläge gerne an p-faust(at)zfk.de.
Bereits erschienene Porträts:
Junge Führung, klare Ziele: Daniel Töpfer transformiert die Stadtwerke Soltau



