Die komplexer werdende Regulierung und der hohe Wettbewerbsdruck setzen vor allem immer mehr kleineren Gemeinde- und Stadtwerken zu. Im nordhessischen Wildeck (Landkreis Hersfeld-Rotenburg) hat die 5000-Einwohner-Gemeinde zum Jahresbeginn das Stromnetz an den Regionalversorger Energie aus der Mitte (EAM) mit Sitz in Kassel verkauft; auch der Stromvertrieb wurde Ende März eingestellt. Die rund 1000 Kundinnen und Kunden des ehemaligen Grundversorgers haben sich einen neuen Lieferanten gesucht; laut ZFK-Informationen ist ein Großteil zur EAM gewechselt.
Zum Ende war es mehr ein Draufzahlgeschäft.
"Viele Jahre waren der Vertrieb und die Netze für uns ein Nullsummenspiel, zum Ende aber mehr ein Draufzahlgeschäft“, erklärt Bürgermeister Alexander Wirth, der nach zwölf Jahren im Amt bei der letzten Wahl nicht mehr kandidiert hatte und in Kürze aus dem Amt ausscheidet. Der Verkaufserlös soll für Kernaufgaben der Gemeinde verwendet werden, durch die Trennung von diesen Geschäftsfeldern erhofft man sich auch eine personelle Entlastung der Verwaltung.
"Unsere Energiekunden waren Lokalpatrioten"
Anfangs habe man die Verantwortung für den Vertrieb ausgelagert, das sei aber mit zusätzlichen Kosten von rund 200.000 Euro verbunden gewesen. "Dann haben wir das selbst übernommen und haben eine eigene Mitarbeitende aus der Gemeinde hierfür herangezogen", so der Bürgermeister weiter. Als diese aber den Arbeitsplatz gewechselt habe, habe der für die Finanzen der Gemeinde zuständige Mitarbeiter den Vertrieb neben seiner bisherigen Tätigkeit übernommen.
Die Gemeindewerke Wildeck, die laut Wirth zu den kleinsten in Hessen gehören, waren nur Eigentümer des Stromnetzes im Ortsteil Obersuhl, die technische Betriebsführung hatte bereits vor dem Verkauf die EAM inne. "Die meisten Energiekunden hatten wir in Obersuhl. Wir haben dann versucht, den Vertrieb auf alle fünf Ortsteile auszudehnen", so Wirth.
Das habe aber in Summe nicht das gewünschte Wachstum gebracht, auch weil die Preise im Vergleich zu denen der Konkurrenz relativ hoch gewesen seien. "Unsere Kunden waren vielfach Lokalpatrioten, denen die Energie von einem eigenen, lokalen Versorger wichtig war", verdeutlicht der scheidende Bürgermeister. Entsprechend würden die Betroffenen jetzt von einem Wechsel, etwa zur EAM, profitieren.
Auflösung der Gemeindewerke wird diskutiert
Die Gemeindewerke Wildeck haben kein eigenes Personal, die anfallenden Aufgaben werden von Mitarbeitenden der Gemeinde übernommen. "Da Netz und Vertrieb getrennt sein müssen und die Komplexität in der Regulierung enorm gestiegen ist, haben wir das auf Dauer als kleiner Netzbetreiber personell gar nicht mehr leisten können", betont Alexander Wirth.
Die Gemeindewerke Wildeck sind auch für die Wasserversorgung, Abwasserentsorgung, den Badbetrieb und ein Seniorenheim im Ort zuständig. Da die steuerlichen Vorteile dieser Struktur nicht mehr im ursprünglichen Maße gegeben sind, wird in Wildeck darüber nachgedacht, dass die an die Gemeindewerke ausgelagerten Bereiche wieder direkt von der Gemeinde übernommen werden. Diese hatte ohnehin immer die Verluste des Eigenbetriebs aus dem eigenen Haushalt kompensiert.
Laut einer regelmäßig veröffentlichten Statistik der Bundesnetzagentur haben im laufenden Jahr bisher fünf Energielieferanten den Vertrieb eingestellt, der einzige kommunale Versorger sind die Gemeindewerke Wildeck. Im vergangenen Jahr gab es knapp 20 Fälle. Betroffen hiervon waren auch einige kommunale Grundversorger wie die Energieversorgung Südbaar, die Stadtwerke Löffingen, die Stadtwerke Bönnigheim und die Gemeindewerke Rheinzaben.



