Von Elwine Happ-Frank
Hersteller von Feuchttüchern sollen nach dem Willen von Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer (Grüne) künftig zur Kasse gebeten werden. Die Produkte würden im Abwassersystem für Probleme sorgen, für die Verbraucher letztlich die Rechnung zahlen würden – das sei "unfair", sagte Meyer laut dpa dem NDR in Niedersachsen.
Meyer wirbt deshalb für eine Abgabe auf diese Produkte. Allerdings will das Bundesland dabei nicht alleine tätig werden. Nach Ansicht des Ministers müssten Bund und EU solche schärferen Regeln durchsetzen. "Das wäre ein Anreiz dafür, entweder weniger Feuchttücher oder eher ökologisch abbaubare zu verwenden", hofft Meyer.

Millionenschäden für die Branche
In der Branche ist das Thema jedenfalls ein Dauerbrenner, denn es verursacht große Probleme. Falls die Tücher ins Klärwerk gelangen, werden sie dort mit großem Aufwand mechanisch aus dem Abwasser entfernt. Aber sie verstopfen auch Pumpen und müssen separat entsorgt werden.
Das Umweltbundesamt geht von deutschlandweiten Kosten in Millionenhöhe aus. Die Berliner Wasserbetriebe geben ihre jährlichen Kosten zur Störungsbehebung laut Presseberichten mit rund 800.000 Euro an. Bei der Stadtentwässerung Dresden sollen die Feuchttücher Mehrkosten von 100.000 Euro pro Jahr verursachen.
Das Problem: Feuchttücher bestehen aus reißfesten Kunstfasern und lösen sich im Wasser nicht gut auf.
Dabei ist das Problembewusstsein in der Bevölkerung nicht sehr ausgeprägt. Eine repräsentative Umfrage des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU) im August zeigt das Ausmaß des Problems: Über 90 Prozent der Deutschen wissen zwar, dass Hygieneartikel, Speisereste und Medikamente nicht ins Klo gehören – dennoch spülen 45 Prozent schon mal Soßen oder Öl und 21 Prozent Feuchttücher runter.
Erweiterte Herstellerverantwortung als Lösungsansatz
Das Abgabenkonzept, das Minister Meyer vorschwebt, fügt sich in einen größeren europäischen Rahmen ein: die erweiterte Herstellerverantwortung. Dieses umweltpolitische Instrument verpflichtet Hersteller, die Verantwortung für den gesamten Lebenszyklus ihrer Produkte zu übernehmen – von der Konzeption bis hin zur Rücknahme, Entsorgung und dem Recycling.
In der EU-Einwegkunststoff-Richtlinie werden Feuchttücher als "getränkte Tücher für Körper- und Haushaltspflege" bereits als relevante Produktkategorie geführt. Eine entsprechende Abgabe für Feuchttücher würde diesem Prinzip folgen und die Hersteller an den Entsorgungskosten beteiligen.
Eine Abgabe würde die Feuchttücher-Industrie, zu deren Hauptakteuren in Deutschland Unternehmen wie Albaad Deutschland, Procter & Gamble, Kimberly-Clark und weitere gehören, zu Veränderungen wie neuen Produktentwicklungen zwingen.
Niedersachsens Umweltminister fordert deshalb von Bund und EU strengere Vorgaben. "Das wäre ein Anreiz dafür, entweder weniger Feuchttücher oder eher ökologisch abbaubare zu verwenden", sagte er. Zudem müsse auf Verpackungen deutlicher darauf hingewiesen werden, dass die Tücher in den Hausmüll statt in die Toilette gehören.
Der Abwasserverband DWA Nord mit Sitz in Hildesheim geht laut dem NDR noch einen Schritt weiter als der Minister. Er fordert ein komplettes Verbot von Feuchttüchern. (mit dpa)
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