Die invasive Quaggamuschel verstopft 60 Jahre alte Entnahmeleitungen und erfordert neue "molchbare" Systeme bis 2046. Der Klimawandel verändert die Seezirkulation, Starkregenereignisse bedrohen Anlagen. Wie die Trinkwasserversorgung resilient wird, erläutert Michael Stäbler, Kaufmännischer Geschäftsführer der Bodensee-Wasserversorgung, im Interview.
Inwieweit spielt das Thema "Resilienz der Wasserversorgung" bei einem Unternehmen, das am Bodensee sitzt und sozusagen unerschöpflichen Zugang zu Wasserressourcen hat, eine Rolle?
Resilienz ist für uns alle in der Wasserversorgung gerade ein Thema – selbst am Bodensee. Wir haben hier einen See mit einem schier unerschöpflichen Volumen an Wasser. Wir sind vom Dargebot her gut aufgestellt. Eine Herausforderung ist für uns – wie für viele Versorger – der Klimawandel.

Inwiefern?
Zum Beispiel wegen der Quaggamuschel, eine invasive, ursprünglich aus dem Kaspischen Meer stammende Art. Grundsätzlich ist die Muschel eher positiv für die Wasserqualität, denn sie reinigt das Wasser. Aber bekanntermaßen besiedelt sie unsere 60 Jahre alten Entnahmesysteme. Momentan ist es sehr schwierig, den Besatz der Leitungen mit der Muschel zu verhindern. Allerdings würden sie zuwachsen, wenn wir nichts dagegen unternehmen.
Was planen Sie?
Wir sind jetzt dabei, das Projekt Zukunftsquelle anzugehen. Wir werden neue Entnahmeleitungen bauen, die molchbar sind. Mit einer Art Rasenmäher können wir dann den Querschnitt der Rohre wiederherstellen. Außerdem müssen wir in der Aufbereitung die Larven entfernen. Hier werden derzeit verschiedene Verfahren geprüft.
Was ist dabei die Herausforderung?
Hier am Bodensee haben wir hohe Auflagen für den Natur- und Landschaftsschutz. Die Aufbereitungstechnik hat aber einen immensen Flächenbedarf, was in einer so schönen, sensiblen und landschaftlich wertvollen Region eine große Aufgabe darstellt. Wir haben das Projekt auf mehrere Stufen aufgeteilt, um den Anforderungen zu entsprechen. Bis 2046 sollen die Anlagen fertig sein.
Die Quaggamuschel gibt es auch in den USA und auch dort sorgt sie für große Probleme. Können Sie von den Erfahrungen profitieren?
Wir haben Informationen vom Michigansee, wo die Entwicklung der unsrigen acht Jahre voraus ist. Dort hat die Muschel einheimische Fischarten praktisch verdrängt. 95 Prozent der Biomasse besteht aus der Muschel. Um das Problem einigermaßen unter Kontrolle zu halten, wird das Seewasser gechlort. Das ist aber für uns aus ökologischen und rechtlichen Gründen kein gangbarer Weg.
Gibt es kein Gegenmittel gegen die Muschel?
Ein wirksames Gegenmittel gegen die Quaggamuschel gibt es bislang nicht. Die Muschel ist mittlerweile auch in Nachbarseen wie dem Genfer See und dem Bielersee zu finden. Sie wandert inzwischen auch den Rhein flussaufwärts. Eine heimische Fischart, das Rotauge, ernährt sich von den Muscheln, aber kann nicht viel gegen die Ausbreitung ausrichten. Die Anrainerstaaten des Bodensees bereiten gerade ein Forschungsvorhaben vor, mit dem Ziel, einen natürlichen Gegenspieler der Muschel zu finden.
Der Bodensee wird ja auch durch die Gletscherschmelze gespeist. Bereitet es Probleme, dass die Gletscher so stark zurückgehen?
Grundsätzlich hat der See ein so immenses Volumen, dass dieser Rückgang derzeit keine spürbaren Auswirkungen auf die Wasserversorgung hat. Im Frühjahr speisen sich die Zuflüsse mehr aus der Schnee- als aus der Gletscherschmelze. Eine größere Herausforderung stellen die Starkregenereignisse im Sommer dar. Letztes Jahr im Juni hatten wir ein so starkes Hochwasser am See, dass wir unser Wasserwerk mit Sandsäcken absichern mussten, weil es tiefer als der Wasserspiegel liegt. Eindringendes Wasser hätte die Pumpen zerstören können.
Der Bodensee durchmischt sich nicht mehr komplett – mit welchen Folgen für die Wasserqualität?
Die sogenannte Vollzirkulation – also die vollständige Durchmischung des Bodensees im Winter – findet heute deutlich seltener statt als noch vor 20 Jahren. Damals war sie ein jährliches Phänomen, heute geschieht sie im Schnitt nur noch alle zwei Jahre – und selbst dann oft nicht vollständig. Normalerweise sorgt diese Durchmischung dafür, dass sauerstoffreiches Oberflächenwasser in tiefere Schichten gelangt. Bleibt sie aus, kann das langfristig Auswirkungen auf das Ökosystem und die Qualität des Tiefenwassers haben. Aktuell beobachten wir die Entwicklungen sehr genau, sehen jedoch derzeit noch keine unmittelbare Gefährdung für die Trinkwasserqualität.
Auch im Bodensee findet man mittlerweile Medikamentenrückstände. Inwieweit haben Sie Einfluss auf die Abwasserentsorger rund um den See?
Baden-Württemberg hat die vierte Reinigungsstufe für Kläranlagen sehr schnell vorangetrieben. Die ersten Pilotanlagen wurden am See errichtet. Wir haben hier ohnehin keine hohe Bevölkerungsdichte mit großen Abwassermengen. Wir messen die Rückstände, aber sehen darin kein Problem für das Wasser.
Wie hoch ist der Investitionsbedarf für das Projekt Zukunftsquelle?
Um die Erzeugung resilienter aufzustellen, werden wir ein neues weiteres Wasserwerk bauen. Mit einem zweiten Standort können die Risiken besser gestreut werden. Die Investitionen belaufen sich auf 4,6 Milliarden Euro bis 2046. Davon sind 2,2 Milliarden Euro reine Materialkosten und 2,4 Milliarden Euro Preissteigerungen und Finanzierungskosten. Wir sind derzeit dabei, alle Kosten nochmals auf den Prüfstand zu stellen und Alternativen zu prüfen.
Können Sie mit Fördergeldern rechnen?
Baden-Württemberg hat kürzlich die Förderung für die ortsnahe Trinkwasserversorgung verdoppelt – ein richtiger und notwendiger Schritt angesichts des hohen Sanierungsbedarfs. Umso unverständlicher ist es, dass die vier Fernwasserversorger im Land, die für die Versorgung von Millionen Menschen verantwortlich sind, systematisch von der Förderung ausgeschlossen bleiben. Gerade wir tragen in großem Maß zur Versorgungssicherheit und Resilienz bei – und das über Gemeinde- und Kreisgrenzen hinweg. Es ist dringend an der Zeit, dass auch die Fernwasserversorgung in die Förderpolitik des Landes einbezogen wird. Die Finanzierung milliardenschwerer Infrastrukturprojekte allein über den Kapitalmarkt ist auf Dauer nicht tragbar.
Die stark steigenden Ausgaben werden sich vermutlich auf die Umlagen auswirken. Wie hoch werden sie in den nächsten zehn bis 20 Jahren steigen?
In zehn Jahren werden sie sich wahrscheinlich knapp verdoppeln und in 20 Jahren bei ungefähr dem Dreieinhalbfachen der heutigen Umlage liegen. Wir geben derzeit unser Trinkwasser für 0,90 Euro pro 1000 Liter an die Verbandsmitglieder ab. Für den Bürger liegen die Kosten dann bei etwa 2,40 Euro pro 1000 Liter. Für diesen Preis bekommt man im Café kaum noch eine Tasse Kaffee. Daher halten wir unseren Preis im Vergleich zu den allgemeinen Lebenshaltungskosten für akzeptabel.
Sie haben 183 Verbandsmitglieder. Warum haben Sie einen Aufnahmestopp verhängt?
Betroffen sind circa 40 Kommunen, die gerne neu oder zusätzlich Wasser von uns beziehen möchten. Allerdings haben wir keine freien Beteiligungsquoten, die wir ihnen anbieten könnten. Das ist auch ein Grund, warum wir im Rahmen des Projekts Zukunftsquelle auch über einen Wachstumspfad nachdenken müssen. Die Grundwasserneubildung findet in Baden-Württemberg nicht in dem nötigen Maße statt. Gleichzeitig wird der Bedarf der Kommunen zunehmen. Das hat ja kürzlich auch ein Zwischenstand zum "Masterplan Trinkwasserversorgung Baden-Württemberg" ergeben, der den Bedarf der Kommunen bis 2050 abfragt.
Welche Lösungen könnte es dafür geben?
Wir sind im Gespräch mit der Landesregierung und mit dem Umweltministerium. Ich bin der Meinung, dass man die Trinkwasserversorgung großflächiger denken muss. Wir müssen den Bedarf für das ganze Bundesland analysieren und sehen, welche Rolle die vier Fernwasserversorger neben den Gruppen- und Ortswasserversorgern übernehmen sollen. Auch neue Möglichkeiten zu Kooperationen in Baden-Württemberg, aber auch über Landesgrenzen hinweg sollte man untersuchen. Das ist aber eher der langfristige Aspekt. Wir Wasserversorger sollten immer etwas weiter in die Zukunft schauen, weil unsere Lösungen 50 Jahre und mehr Bestand haben sollten.
Und kurzfristig?
Einige unserer Mitglieder verfügen über Wasserquoten, die sie derzeit nicht voll ausschöpfen. Natürlich wollen sie diese Rechte nicht abgeben. Wir überlegen gemeinsam mit ihnen, ob sie ohne Änderungen ihres rechtlichen Status diese Mengen zur Verfügung stellen, sodass wir bei Bedarf die Flexibilität der Versorgung erhöhen können.
Erwarten Sie für die Zukunftsquelle finanzielle Unterstützung vom Bund?
Wir haben über die Verbände VKU, BDEW und DVGW stark eingefordert, dass das neue Sondervermögen für die Infrastruktur auch für die Wasserversorgung genutzt wird. Die Signale aus Berlin sind positiv, doch es braucht mehr als freundliche Worte: Es braucht konkrete Förderentscheidungen. Die Branche beginnt endlich, ihre Ansprüche deutlicher zu artikulieren. Denn was im Alltag unsichtbar unter der Erde liegt, ist elementar für unser Leben und unsere Sicherheit – nicht weniger als Straßen, Stromleitungen oder Schienenwege. Die stille Infrastruktur der Daseinsvorsorge muss endlich hörbar werden. Wer Versorgungssicherheit ernst meint, darf die Wasserwirtschaft nicht länger übersehen.
Das Interview führte Elwine Happ-Frank.
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