Andreas Weber ist Geschäftsführer der Kraftwerk-Software-Gruppe.

Andreas Weber ist Geschäftsführer der Kraftwerk-Software-Gruppe.

Bild: © Andreas Weber

Sechs Softwarehäuser, eine Plattform, rund 500 Kunden: Die Kraftwerk-Software-Gruppe hat 2024 mehrere Anbieter unter einem Dach zusammengeführt. Auf der E-World 2026 zeigte das Unternehmen seine integrierte Plattform für Versorgungsunternehmen. Geschäftsführer Andreas Weber erklärt im Interview, welche Rolle Microsoft-Technologie und künstliche Intelligenz dabei spielen – und warum sich das Angebot vor allem an kleine und mittlere Stadtwerke richtet.

Herr Weber, 2024 haben sich sechs Unternehmen zur Kraftwerk-Gruppe zusammengeschlossen. Was ist die Idee dahinter?

Unser Ziel ist es, die komplette kaufmännische Wertschöpfungskette eines Versorgungsunternehmens mit der Plattform Ende-zu-Ende integriert abzubilden. Wir wollen das Betriebssystem der Energiewende sein, so unser Claim. Wir haben eine klare Abgrenzung zur OT-Welt, etwa bei Prozessleittechnik oder Gateway-Administrationas – das ist das nicht unser Fokus. Diese Systeme binden wir über standardisierte Schnittstellen an.

Welche Prozesse deckt Ihre Plattform konkret ab?

Alle kaufmännischen Prozesse außer dem Portfolio-Management über alle Marktrollen. Das reicht vom Finance-System über Controlling, Zahlungsverkehr und Anlagenbuchhaltung bis zu Auftragsmanagement, Workforce-Management sowie strategischem Assetmanagement, CRM-Systemen sowie Portalen und Apps, etwa für Zählerablesung oder Zählerwechsel. Zentral ist natürlich unsere Abrechnungsplattform mit Marktkommunikation, mit der wir alle Versorgungsarten abrechnen können – Strom, Gas, Wasser, Wärme oder auch Telekommunikation. Und das über alle Marktrollen – Lieferant, Messstellenbetreiber und Netzbetreiber – hinweg.

Was unterscheidet Sie von anderen Plattform-Ansätzen?

Bei uns bekommt man alles aus einer Hand. Gleichzeitig sind wir natürlich schnittstellenoffen. Wenn ein Kunde zum Beispiel bereits ein eigenes Datenmanagementsystem nutzt, können wir das anbinden. Aber unser Ziel ist eine einheitliche Plattform ohne Systembrüche. Wir entwickeln bis Mitte des Jahres ein eigenes EDM-System und ein eigenes Datenmanagement-System, weil wir alle Informationen brauchen, um mit KI wirklich eine 360-Grad-Sicht auf den Kunden zu haben. Wir arbeiten zudem mit eigenen Datenmodellen für Querverbundsunternehmen sowie reine Wasserver- und Abwasserentsorger – ein Alleinstellungsmerkmal, das gerade von Wasserkunden sehr geschätzt wird.

Warum ist diese gemeinsame Datenbasis für künstliche Intelligenz so wichtig?

Wenn man effizient mit KI arbeiten möchte, braucht man alle Informationen eines Stadtwerks. Viele Versorger haben heute sehr heterogene Systemlandschaften mit vielen unterschiedlichen Datenbanken und Systemen. Um in solchen Architekturen applikationsübergreifende KI-Prozesse aufzubauen, wird ein tiefes applikationsübergreifendes Verständnis der Datenstrukturen und Geschäftsprozesse benötigt. Hersteller können dies immer nur innerhalb Ihrer Systemgrenzen sicherstellen. Sehr große Versorger arbeiten an solchen heterogenen Plattformen. Die verfügen auch über entsprechend hochqualifizierte Systemarchitekten, um halluzinationsfreie KI-Prozesse aufsetzen zu können. Für kleine und mittelständische Versorgungsunternehmen wird dies eine sehr große Herausforderung. Deshalb glauben wir, dass wir gerade im Blick auf durchgängige KI-Prozesse die richtige Lösung für den Mittelstand sind.
 
Genau aus diesem Grund haben wir uns auch entschieden ein eigenes EDM auf Basis der Frauenhofer Lösung zu entwickeln, das vollintegriert in unseren Datentabellen arbeitet. Auch die Entwicklung unseres eigenen DMS zahlt auf diese Strategie mit ein. Effiziente Kundenprozesse werden zukünftig einen vollumfänglichen Zugriff auf alle Details der Kundenkommunikation erfordern, damit wir eine echte 360-Grad-Sicht auf den Kunden bekommen.

Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz denn bei Ihnen?

KI ist für uns ein zentrales Thema. Sowohl in unserer Organisation als auch in unseren Produkten. Wichtig ist aber: Unsere Strategie ist nicht, Menschen zu ersetzen. Wir wollen mit den vorhandenen Mitarbeitern erfolgreicher arbeiten und wachsen. Deshalb integrieren wir KI sehr tief in alle unsere internen Prozesse, damit die Mitarbeiter schneller und effizienter arbeiten können. Bei uns hat inzwischen jeder Mitarbeiter Zugang zu KI-Werkzeugen und entsprechende Schulungen erhalten. Insgesamt haben wir mehr als 380 Mitarbeiter geschult und KI in vielen Bereichen integriert – von der Entwicklung, Consulting über die Buchhaltung bis zum Support und Vertrieb. Unser Ansatz ist: KI soll Menschen unterstützen, nicht ersetzen. Für uns ist wichtig, dass KI wirklich im System arbeiten kann. Für uns und unsere Kunden. Viele Anbieter nutzen KI eher als zusätzliche Lösung außen herum. Bei uns ist sie tief integriert und kann direkt Funktionen unterstützen oder sogar Programme mitentwickeln.

Haben Sie dafür konkrete Beispiele?

Im Bereich E-Mobilität haben wir zum Beispiel innerhalb kürzester Zeit eine KI-gestützte Automatisierung des Zahlungsverkehrs gebaut. Ohne KI hätte dies Monate gedauert. Ein anderes Beispiel ist die Zählerablesung: In großen Wohnanlagen mit vielen Zählern kann man eine Zählerwand einfach abfilmen. Die KI erkennt daraus automatisch die Zählerstände und bereitet die Werte für die Weiterverarbeitung auf. Vielen Stadtwerken wird KI vor allem auch dabei helfen, schneller zu verstehen, welche strategischen Optionen sie haben und wie sie ihr Geschäftsmodell weiterentwickeln können. Wir pilotieren intern gerade eine Vielzahl von weiteren AI-Agenten, die sowohl für unsere Kunden als Funktionen bereitgestellt werden als auch uns in unseren operativen Prozessen in Kundenservice und Entwicklung unterstützen.

Sie zielen bewusst auf kleine und mittlere Stadtwerke. Warum?

Viele dieser Unternehmen haben heute große Schwierigkeiten, die wachsende Komplexität ihrer IT-Landschaften zu beherrschen. Sie arbeiten oft mit einem regelrechten Zoo an Dienstleistern und sehr vielen unterschiedlichen Systemen. Dadurch entstehen zahlreiche Dateninseln, was ein durchgängiges Controlling und belastbare Auswertungen erschwert. Gleichzeitig fehlt häufig das Personal, um die immer komplexeren Prozesse selbst abzubilden. Genau hier setzen wir an. Unser Ansatz ist eine integrierte Plattform, die Prozesse bündelt und Stadtwerken hilft, wettbewerbsfähig zu bleiben und auf einer modernen Technologieplattform zu arbeiten. Ein Modell, das sich dabei bewährt hat, sind Anwendergemeinschaften: Dort betreiben 30 bis 60 kleinere Werke die Lösung gemeinsam.
 
Grundsätzlich adressieren wir mit unseren Lösungen aber den gesamten Markt. Mit unseren Abrechnungslösungen für die Wasserwirtschaft und auch unserer Wärmeabrechnung sind wir zunehmend mehr eine attraktive Zweitplattform neben SAP-Systemen. Mit unseren CRM-Lösungen und dem strategischen und operativen Assetmanagement adressieren wir seit jeher auch die Großen und ganz Großen der Branche.

Welche Prozesse müssen Stadtwerke heute hinterfragen?

Nehmen wir das Kundenservice-Center. Das war davon geprägt, dass der Kunde ins Stadtwerk kommt und seine Rechnung klären möchte. Das wird es auch morgen geben. Aber es gibt jetzt zusätzlich Portallösungen, CRM-Lösungen, Chatbots. Ich werde vielleicht kein Kundencenter mehr brauchen, in dem 30 Leute arbeiten, sondern eines mit 5 Leuten. Die jüngere Generation wird nicht mehr ins Stadtwerk laufen – die fotografieren ihren Zählerstand ab und schicken das über eine App. Diese Strukturen, die ich heute noch vorhalte, brauche ich morgen vielleicht nicht mehr. Dafür muss ein Stadtwerk vorbereitet sein mit einer Digitalisierungsstrategie.

Der Kern Ihrer Plattform basiert auf Microsoft-Technologie. Gerade bei Kritis-Betreibern gibt es jedoch häufig Sicherheitsbedenken gegenüber US-Anbietern. Wie gehen Sie damit um?

Wir haben entschieden, eigenständige Rechenzentren aufzubauen. Dafür sind wir bei einem renommierten Anbieter in Deutschland. Hier haben wir unser Rechenzentrum mit eigenen Racks. Das heißt, wir können sicherstellen, dass die Anwendungen und Daten in Deutschland sind und den höchsten Sicherheitsanforderungen gerecht werden. Microsoft ist für uns deshalb kein Problem, weil wir nicht zwangsläufig in die Microsoft Cloud müssen. Wer das möchte, kann das natürlich trotzdem nutzen, aber wer das nicht möchte, kann die Lösung auch in unseren Rechenzentrumslösungen integrieren. 

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