Windräder liefern Strom, doch oft fehlt die Netzkapazität: Das geplante Netzpaket könnte den Ausbau erneuerbarer Energien in vielen Regionen ausbremsen.

Windräder liefern Strom, doch oft fehlt die Netzkapazität: Das geplante Netzpaket könnte den Ausbau erneuerbarer Energien in vielen Regionen ausbremsen.

Bild: © neurobite/AdobeStock

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) verspricht einen "zusätzlichen Boost" für die Windkraft. 12 Gigawatt (GW) an Windrädern an Land sollen bis 2030 über Sonderausschreibungen ans Netz gehen. Das Klimaschutzprogramm der Bundesregierung bezeichnet die Maßnahme als zentral für die Energiewende.

Doch ein anderes Vorhaben aus ihrem Haus könnte diese Offensive konterkarieren. Das geplante Netzpaket mit seinem "Redispatch-Vorbehalt" droht, deutlich mehr erneuerbare Energien zu bremsen, als die Sonderausschreibungen zusätzlich schaffen.

Viele Projekte wirtschaftlich unattraktiv

Der Mechanismus ist einfach: Netzbetreiber dürfen Gebiete für bis zu zehn Jahre als kapazitätslimitiert ausweisen, wenn dort im Vorjahr mehr als drei Prozent der möglichen Einspeisung abgeregelt wurden. Redispatch bedeutet, dass Strom bei Netzengpässen gedrosselt wird, weil er nicht abtransportiert werden kann.

Neue Wind- und Solaranlagen erhalten in solchen Gebieten keine Entschädigung für abgeregelten Strom. Das macht viele Projekte wirtschaftlich unattraktiv. Banken vergeben keine Kredite, Investoren ziehen sich zurück.

Projekte mit rund 45 Milliarden Euro gefährdert

Wie groß die Auswirkungen wären, zeigt eine aktuelle Studie des Beratungsunternehmens Enervis im Auftrag des Ökostromanbieters Green Planet Energy. Die Berater analysierten Redispatch-Daten von zehn Verteilnetzbetreibern – das entspricht rund zwei Dritteln der deutschen Landesfläche. Ergebnis: In 90 von 224 untersuchten Landkreisen würde die Drei-Prozent-Schwelle überschritten.

Dort befinden sich bereits genehmigte oder weit fortgeschrittene Projekte mit rund 23 GW Windkraft und rund 9 GW Photovoltaik. Das Investitionsvolumen liegt bei etwa 45 Milliarden Euro.

Zur Erinnerung: Die angekündigten Windkraft-Sonderausschreibungen umfassen 12 GW. Der Redispatch-Vorbehalt könnte damit ein Vielfaches dieser Leistung betreffen.

Brennpunkte im Norden und in Bayern

Die regionalen Unterschiede sind dabei erheblich. In Schleswig-Holstein und Niedersachsen liegt die Abregelungsquote an vielen Umspannwerken bereits bei über drei Prozent. In den Landkreisen Dithmarschen und Nordfriesland wären nahezu alle Netzknoten betroffen.

Auch Brandenburg ist stark betroffen: Am Umspannwerk Groß Werzin im Landkreis Prignitz werden bereits 29 Prozent der möglichen Windstrom-Einspeisung abgeregelt.

In Bayern dominiert ein anderes Problem: Dort führt vor allem Solarstrom zu Netzengpässen. In den Planungsregionen Landshut und Donau-Wald werden teils über fünf Prozent abgeregelt – fast ausschließlich Photovoltaik.

Neue Windräder würden dennoch unter den Vorbehalt fallen. Der Grund: Das Netzpaket unterscheidet nicht zwischen Technologien. Eine Region mit hohem Wind-Redispatch bremst auch den Solar-Ausbau – und umgekehrt.

Zahl der betroffenen Regionen dürfte wachsen

In Hamburg regt sich bereits Widerstand. Green Planet Energy kritisiert, dass der Metropolregion der Ausbau verwehrt werden könnte, obwohl dort ein hoher Strombedarf besteht. Die Hansestadt zeigt ein grundlegendes Dilemma: Regionen mit hohem Verbrauch haben oft auch Netzengpässe. Dort neue Erzeugung zu begrenzen, erhöht die Abhängigkeit von Stromimporten.

Hinzu kommt ein statistischer Effekt: In windschwachen Jahren wie 2025 steigt die relative Abregelungsquote, da Netzengpässe weiterhin auftreten. Die Drei-Prozent-Schwelle wird dadurch schneller überschritten.

"Die Zahl der betroffenen Regionen kann weiter zunehmen", warnt Tim Höfer von Enervis. Für Projektierer steigen die Risiken, weil schwer vorhersehbar ist, ob ein Standort künftig als kapazitätslimitiert gilt.

Reiche hält an Netzpaket fest

Ministerin Reiche betont derweil, dass die Sonderausschreibungen "netz- und systemdienlich" umgesetzt werden sollen. Was das konkret bedeutet, bleibt offen. Unklar ist auch, ob Ausnahmen vom Redispatch-Vorbehalt vorgesehen sind.

Das Bundeswirtschaftsministerium hat zentrale Punkte des Netzpakets bestätigt. Der Redispatch-Vorbehalt ist Teil des geplanten EEG-Entwurfs. Eine offizielle Fassung liegt jedoch noch nicht vor.

Green Planet Energy hingegen fordert, wie viele andere aus der Erneuerbarenbranche, eine grundlegende Überarbeitung. "Den Erneuerbaren die Schuld für Netzprobleme zu geben, ist, wie dem Wasser marode Leitungen anzulasten", sagt Carolin Dähling, Bereichsleiterin Politik und Kommunikation.

Die Branche verweist auf Batteriespeicher als Lösung. Viele Projekte seien bereits entwickelt, erhielten jedoch keinen Netzanschluss. Das Netzpaket adressiere dieses Problem nicht.

Bis zu 11 Prozent der Netzgebiete

Auch andere Analysen kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Die Beratung Aurora Energy Research etwa berechnete kürzlich ebenfalls zusätzliche Erlösverluste durch den Redispatch-Vorbehalt. Das Unternehmen "dvlp.energy" kartierte betroffene Regionen: Sieben Prozent der Landesfläche wären bei konservativer Schätzung betroffen. Bezieht man Netzgebiete mit Abregelungsquoten knapp unter drei Prozent ein, steigt der Anteil auf elf Prozent.

Die Bundesregierung steht damit vor einem Zielkonflikt: Einerseits braucht Deutschland mehr erneuerbare Energien für die Klimaziele. Andererseits sind die Netze vielerorts überlastet. Das Netzpaket soll Anreize für den Netzausbau schaffen. Gleichzeitig könnte es den Ausbau in ganzen Regionen ausbremsen.

Wirkung könnte verpuffen

Wann das Netzpaket kommt, ist offen. Eine Ressortabstimmung läuft noch. Die Windkraft-Sonderausschreibungen sind Teil der geplanten EEG-Novelle und sollen helfen, die Ausbauziele zu erreichen. Bis 2026 sind 84 GW installierte Windkraftleistung vorgesehen. Ende 2025 lag sie bei rund 68 GW.

Die Bundesregierung steht damit vor einer Grundsatzentscheidung: Will sie den Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigen oder bremsen? Derzeit widersprechen sich die Vorhaben. 12 Gigawatt zusätzliche Windkraft klingen ambitioniert. Doch wenn gleichzeitig bis zu 32 Gigawatt an Projekten gefährdet werden, droht die Wirkung zu verpuffen. Studien legen nahe: Ohne Änderungen am Netzpaket könnte Reiches Windkraft-Offensive am eigenen Gesetz scheitern.

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