Machen hohe Öl- und Gaspreise auch für Stadtwerke-Kunden die Wärmepumpe attraktiver? (Symbolbild)

Machen hohe Öl- und Gaspreise auch für Stadtwerke-Kunden die Wärmepumpe attraktiver? (Symbolbild)

Bild: © Stadtwerke Bochum

Der Iran-Krieg hat die Energiemärkte erneut aufgewühlt. Steigende Rohölpreise, wachsende Unsicherheit über die Versorgungssicherheit und das Wiedererwachen eines kollektiven Energiebewusstseins – die Parallelen zur Gaskrise 2022 sind unübersehbar. Große Anbieter wie Eon melden, regelrecht überrannt zu werden: Die Nachfrage nach Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen und Wallboxen habe seit Ende Februar spürbar angezogen. Auch andere Branchenberichte bestätigen: Der Krieg im Nahen Osten befeuert das Interesse an erneuerbaren Energien und dezentraler Versorgung.

Doch spüren auch die kommunalen Versorger diesen Trend? Die ZFK hat bei fünf Stadtwerken nachgefragt – das Ergebnis ist vielschichtig.

Stuttgart: PV zieht an, Wärmepumpe und Wallbox noch nicht

Bei den Stadtwerken Stuttgart (SWS) ist die Bewegung im Markt durchaus spürbar – zumindest in einem Segment. "Im Bereich Photovoltaik spüren die Stadtwerke Stuttgart parallel zur angespannten geopolitischen Lage in Nahost ein verstärktes Interesse im Privatkundensegment", teilt ein Sprecher mit. Betroffen seien sowohl Anfragen nach neuen Anlagen als auch nach Erweiterungen bestehender Systeme.

Anders sieht es bei den Kombi-Produkten aus: Die Nachfrage nach der Kombination aus Wärmepumpe und Photovoltaik sei im selben Zeitraum unverändert geblieben. Und auch im Bereich Ladeinfrastruktur ließen sich "bislang keine nennenswerten Veränderungen" feststellen. Die SWS betonen dabei ihre strategische Ausrichtung: Mit Angeboten auf Basis erneuerbarer Energien wollen sie die Klimaneutralität Stuttgarts bis 2035 unterstützen – und sprechen Kundinnen und Kunden an, die angesichts steigender fossiler Energiepreise nach verlässlicheren Alternativen suchen.

Kassel: Angst in Kundengesprächen – aber andere Sorgen dominieren

Ein nüchterneres Bild zeichnen die Städtischen Werke Kassel. Über mehr Anfragen nach Erneuerbare-Energien-Anlagen könne man nichts berichten, berichtet ein Sprecher über Rückmeldungen aus dem Kundenservice. Absatzzahlen bei PV oder Wärmepumpen seien bislang nicht gestiegen.

Dennoch: Das Thema Energiepreise schlage sich in einer "gewissen Angst" nieder, die in Kundengesprächen artikuliert werde. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch im Reaktionsmuster: Statt in eine PV-Anlage zu investieren, wollten viele Kundinnen und Kunden in günstigere Tarife wechseln.

Das liege, so die Einschätzung der Kasseler, auch an der Zusammensetzung der Klientel im Kundenzentrum: "Die Kundschaft, die den Kundenservice in Anspruch nimmt, ist eher nicht die solvente Kundschaft, die sich eine PV-Anlage leisten kann." Die Menschen dort hätten "oft andere, unmittelbarere Sorgen".

Freiburg: Sensibilisierung ja, Kaufentscheidung noch nicht

Ähnlich zurückhaltend äußert sich die Freiburger Badenova: Seit Ende Februar sei "keine signifikante Veränderung der Nachfrage" nach PV-Anlagen, Wärmepumpen oder Wallboxen festzustellen, auch bei Abschlüssen gebe es keinen messbaren Anstieg.

Gleichwohl registriert der südbadische Versorger eine grundsätzliche Verschiebung im Kundenverhalten: "In den letzten Jahren wird deutlich: Kund:innen reagieren sensibler auf externe energiepolitische Entwicklungen." Steigende Preise fossiler Energieträger und Versorgungsunsicherheiten erhöhten grundsätzlich die Aufmerksamkeit für erneuerbare Energien.

Die Lage im Nahen Osten spiele jedoch "aktuell keine dominante Rolle in der Entscheidungsfindung". Der Kommunalversorger hält eine steigende Nachfrage künftig für möglich – abhängig davon, wie sich die geopolitische und energiewirtschaftliche Lage weiterentwickelt.

Hannover: Wärmepumpen im Fokus, Beratung spürbar intensiver

Deutlichere Signale kommen von Enercity aus Hannover. "Auch wir verzeichnen ein gesteigertes Interesse und hohe Aufmerksamkeit unserer Kund:innen – insbesondere zu Wärmepumpen", so das Unternehmen. Die durch den Krieg steigenden Energiemarktpreise bereiteten Kundinnen und Kunden Sorgen, die in Beratungsgesprächen spürbar seien.

Enercity setzt dabei auf das Prinzip der Energieunabhängigkeit als Verkaufsargument: Mit vernetzten Lösungen aus PV-Anlage, Wärmepumpe, Wallbox und Speicher könnten Haushalte ihre Abhängigkeit vom öffentlichen Netz und von volatilen Marktpreisen deutlich reduzieren. Dieser ganzheitliche Ansatz – das sogenannte "All-Electric Home" – gewinnt offenbar in unsicheren Zeiten an Überzeugungskraft.

Neuss: Leichter Anstieg, aber zögerliche Entscheidungen

Auch die Stadtwerke Neuss melden eine wachsende Beschäftigung der Kundschaft mit den Themen Wärmepumpe und Photovoltaik. "Die aktuelle Situation zeigt, dass sich immer mehr Menschen mit diesen Themen befassen", so ein Sprecher des kommunalen Unternehmens. Ein leichter Anstieg der Nachfrage und der tatsächlichen Umsetzungen sei spürbar.

Dennoch stockt der Weg von der Anfrage zum Auftrag: "Die Entscheidungen fallen allerdings immer noch sehr zögerlich, aufgrund der hohen Investitionen oder schwieriger Rahmenbedingungen im Projekt." Interessant ist dabei ein Blick ins Contracting-Geschäft: Mittlerweile fließen rund 70 Prozent der Contracting-Investitionen in regenerative Technologien – ein Indiz für eine strukturelle Verschiebung, die über kurzfristige Krisenreaktionen hinausgeht.

Lesen Sie dazu auch: Wärmepumpen-Contracting: Wie zwei Stadtwerke das Zukunftsthema anpacken

Trend erkennbar – Boom noch nicht bei allen angekommen

Die Antworten der Stadtwerke zeichnen ein differenziertes Bild. Einen flächendeckenden Boom, wie ihn manche Branchenanbieter melden, erleben kommunale Versorger bislang nicht. Zu unterschiedlich sind Kundenstruktur, regionale Marktreife und die konkrete Angebotsstrategie der einzelnen Unternehmen. Doch eines ist klar: Das geopolitische Klima wirkt als Katalysator – es verstärkt eine Sensibilisierung, die in vielen Fällen bereits vorhanden war.

Ob aus gesteigertem Interesse auch nachhaltig mehr Aufträge werden, hängt von mehreren Faktoren ab: der weiteren Entwicklung der Energiepreise, der Verfügbarkeit von Förderprogrammen und nicht zuletzt davon, wie gut Stadtwerke ihre Beratungskompetenz in konkrete Kaufentscheidungen ummünzen können.

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