Von Daniel Zugehör
Die klassische Gasversorgung wandelt sich zu einem Markt für erneuerbare und kohlenstoffarme Moleküle. Technologien wie Power to Gas (PtG), Wasserstoffnetze und Biomethan sind zu wichtigen Säulen im Energiesystem geworden. Das belegen auch neue Daten des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).
Stand heute sind in Deutschland demnach bereits 184 PtG-Anlagen in Betrieb, zeigt die im September aktualisierte "Deutschlandkarte Wasserstoff und Biogas" des BDEW. Dabei handelt es sich um Projekte, die erneuerbaren Strom in gasförmige Energieträger umwandeln – typischerweise Wasserstoff oder Methan.
Moleküle mit Schlüsselrolle
Zwar bleibe Erdgas absehbar ein wichtiger Pfeiler der Energieversorgung, schreibt Kirsten Westphal, Mitglied der BDEW-Hauptgeschäftsführung, im jüngsten "Moleküle im Energiesystem (MiEGA)"-Report. Doch: "Erneuerbare und kohlenstoffarme Moleküle wie Wasserstoff und seine Derivate übernehmen zunehmend eine Schlüsselrolle als Energieträger, Speichermedium und Transportmittel", so Westphal.
Mehr Biomethananlagen geplant
Weiter listet die Deutschlandkarte unter anderem Biogasanlagen, die aufbereitetes Biomethan ins Gasnetz einspeisen. Laut BDEW gibt es bundesweit derzeit 260 solcher Anlagen. Die Zahl der geplanten Anlagen ist leicht auf zwölf gestiegen.
Auch im Bereich Mobilität ist die Entwicklung stabil. Mit rund 150 Wasserstoff-Tankstellen sowie etwas mehr als 580 Tankstellen für Bio-CNG (Compressed Natural Gas) liegt sie auf einem "beständigen Niveau". Neu eingeführt wurde die Kategorie Bio-LNG (Liquefied Natural Gas) mit 156 stationären Anlagen.
Ebenfalls neu ist bei der Deutschlandkarte ein sogenanntes Layover des sogenannten Wasserstoff-Kernnetzes – sowohl der geplanten als auch schon in Bau befindlichen Leitungen. Die Karte ist online auf der BDEW-Website einzusehen.
Bau des Kernnetzes startet
Von insgesamt 9000 geplanten Leitungskilometern sollen dieses Jahr die ersten rund 525 Kilometer (km) gebaut werden, etwa 507 davon durch Umrüstung bestehender Erdgasleitungen. Ein mit 400 km zentrales Teilstück verläuft dabei vom mecklenburg-vorpommerischen Lubmin an der Ostsee bis nach Bobbau in Sachsen-Anhalt.
Insgesamt circa 60 Prozent des Kernnetzes entstehen laut Bundesnetzagentur, indem Gasleitungen umgerüstet werden, 40 Prozent entstehen durch Neubau. Ziel ist bekanntlich, sämtliche Leitungen bis 2032 vollständig in Betrieb zu nehmen. Das Netz soll wichtige Häfen, Erzeugungs- und Industriestandorte bundesweit verbinden.
Gasnetz als Bindeglied
Auf der Erzeugungsseite sind inzwischen mehr als 40 Elektrolyseanlagen mit einer Gesamtleistung von rund 200 Megawatt in Betrieb, zeigt das aktuelle "H2-Marktradar" des Berliner Beratungsinstituts Team Consult. Nach dem Willen der Bundesregierung soll die Kapazität bis 2030 auf zehn Gigawatt steigen.
All das zeigt: Die Zeit punktueller Pilotprojekte ist vorüber, neue Technologien entwickeln sich zunehmend in der Fläche. Das Gasnetz wird mehr und mehr zum Bindeglied zwischen Strom- und Wärmesystem, Mobilität und Industrie. Insbesondere Power-to-Gas gewinnt als technologische Brücke zur Nutzung überschüssiger erneuerbarer Energien und zur Langzeitspeicherung an Bedeutung. Eine zentrale Herausforderung sind die hohen Investitionskosten etwa für Elektrolyseure.
Doch auch Biogas bleibt ein wichtiger Baustein im Energiesystem, vor allem für Regionen mit geringen Wasserstoff-Kapazitäten. Indes nimmt der Wettbewerb mit direkt eingespeistem erneuerbaren Strom oder mit anderen Gasmolekülen zu.
Hochlauf hat begonnen
Auf die Energiebranche hat diese Entwicklung mindestens zwei Auswirkungen. Zum einen müssen die Gasnetze entsprechend ertüchtigt werden, um Wasserstoff, Biomethan und synthetische Gase nutzen zu können. Zum anderen gilt es, die Regularien für den Gasnetzzugang, die Netzentgelte, die Zertifizierung von grünem Wasserstoff und die Nachfrageseite zu synchronisieren.
Zwar sind die Volumina der Projekte und der tatsächlich eingespeisten kohlenstoffarmen Moleküle noch überschaubar. Laut BDEW stammen zum Beispiel bislang nur rund zehn Terawattstunden des jährlich in Deutschland verbrauchten Gases aus Biomethananlagen – das entspricht einem Prozent. Aber der Hochlauf hat begonnen und wird weiter Fahrt aufnehmen.
Netzbetreiber im Dilemma
Akteure sollten jetzt die Weichen für einen zukunftsfähigen Markt für grüne Molekülnetze stellen. Zugleich befinden sie sich in einem Dilemma. Denn noch sind viele Rahmenbedingungen schlicht unklar, sodass Gasnetzbetreiber vor der großen Frage stehen: stilllegen, weiterbetreiben oder umrüsten?
Laut aktueller Umfrage des VKU haben 46 Prozent der befragten Versorger darauf noch keine Antwort. 19 Prozent planen, ihre Netze stillzulegen und auf Fernwärme oder Wärmepumpen umzusteigen. 23 Prozent streben einen Mix aus Umrüstung und Abschaltung an. Nur vier Prozent wollen ihre Netze vollständig auf grüne Gase wie Wasserstoff umstellen.
Der Verband warnt vor einem "Flickenteppich". "Wir appellieren an die Bundesregierung, schnell für Rechts- und Planungssicherheit bei den Gasnetzen zu sorgen." Zudem schlägt der VKU einen "Umstellbonus" und ein staatliches Kompensationskonto vor.
Dieser Artikel erschien auch in der aktuellen Print-/E-Paperausgabe Dezember



