Marco Krasser leitet die SWW Wunsiedel (Oberfranken, Bayern).

Marco Krasser leitet die SWW Wunsiedel (Oberfranken, Bayern).

Bild: © SWW Wunsiedel

Blauer Wasserstoff gilt manchen in der Energiewirtschaft als unverzichtbar, um schnell die Verbreitung von Wasserstoff zu ermöglichen. Während die alte Bundesregierung vor allem auf grünen Wasserstoff setzte, kündigt sich unter der neuen Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) ein Strategiewechsel an. Auch Stimmen aus der Kommunalwirtschaft, wie Rheinenergie-Chef Andreas Feicht, dürften dies begrüßen. Doch es gibt auch andere Meinungen, etwa in Wunsiedel, wo die örtlichen Stadtwerke schon früh in einen eigenen Elektrolyseur investiert haben.

Gastkommentar von
Marco Krasser,
Geschäftsführer
Stadtwerke Wunsiedel und Zukunfts-Energie Nordostbayern (Zenob)

Blau klingt fast wie grün

Irgendwie sauber, ökologisch, nachhaltig. Das aber ist der aus Erdgas gewonnene blaue Wasserstoff keineswegs. Er beendet weder die Abhängigkeit von fossilen Energien, noch ist sein Herstellungsprozess wirklich klimaneutral. Deshalb sollte das Motto lauten: Massiv investieren in grünen Wasserstoff, regenerative Stromerzeugung und Speichertechnologien.

Erdgas besteht vor allem aus Methan, das die chemische Formel CH4 hat. Da liegt es nahe, daraus Wasserstoff, H2, zu gewinnen. Möglich ist das mittels der sogenannten Dampfreformierung, bei der Erdgas mit Wasserdampf unter Druck und bei hohen Temperaturen reagiert.

Neben dem erwünschten H2 fällt dabei auch das Klimagas CO2 an. Entweicht das einfach in die Atmosphäre, sprechen wir von grauem Wasserstoff. Wird das CO2 mittels Carbon Capture and Storage (CCS) dauerhaft gespeichert oder industriell weiterverarbeitet, bezeichnen wir den Wasserstoff als blau.

Nicht wirklich dekarbonisiert

Blauer Wasserstoff gilt als dekarbonisiert. Das CO2 gelangt in salzführende Gesteinsschichten, in Gas- oder Öllagerstätten. Dort soll es auf ewig verweilen und damit unser Klima nicht weiter anheizen. Allerdings ist erstens nichts für ewig, zweitens CCS energieaufwendig, drittens wird nicht das gesamte CO2 verpresst und viertens fehlen die Kapazitäten für große Mengen davon.

Ein fünfter Punkt sind die klimaschädlichen Emissionen an CO2 und Methan bei der Förderung und dem Transport von Erdgas. In Wahrheit handelt es sich daher eher um blaugrauen Wasserstoff.

Speicherproblem nicht gelöst

Zudem löst blauer Wasserstoff nicht das Problem der Endlichkeit fossiler Energien und auch nicht das der nötigen Speicherung volatiler Energie aus Wind und Sonne. Beides tut der grüne Wasserstoff, der mit regenerativem Strom erzeugt wird, wenn davon zu viel vorhanden ist und für eine spätere Verwendung gespeichert werden kann.

Viel besser als eine Fokussierung auf blauen Wasserstoff ist deshalb der parallele Ausbau der Erzeugung regenerativen Stroms, der Elektrolyseanlagen für die Herstellung grünen Wasserstoffs und der diversen Möglichkeiten für dessen Speicherung sowie auch der des Stroms in großen Batterien. Die Kapazitäten für die CCS-Technologie sollten sinnvollerweise genutzt werden, um beim Verbrennen von Erdgas anfallendes CO2 zu verpressen.

Praxisnaher Ansatz

All das hat auch den Hintergrund, dass die Industrie derzeit nicht in der Lage ist, Wasserstoff in großem Maßstab direkt zu verarbeiten. Wie in der Energiewirtschaft im Allgemeinen müssen wir auch in Sachen Wasserstoff einen gesamtheitlichen, praxisnahen, lösungsorientierten Ansatz verfolgen.

In Wunsiedel setzen wir deshalb auf die oben erwähnten Strategien: den Bau weiterer PV-Anlagen und Windparks, die Produktion grünen Wasserstoffs und Mega-Batterien. Blauer Wasserstoff würde lediglich die Abkehr von den Fossilen verzögern und damit die Realisierung der einzigen Energiezukunft vertagen, die enkelverträglich ist.

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