Eigentlich läuft es gut für die Speicherbranche in Deutschland. Doch tausende Gigawatt an Netzanschlussanfragen für Großbatteriespeicher haben bei Netzbetreibern und Politik die Warnung vor einem "Batterie-Tsunami" ausgelöst. Projektierer wie das deutsch-norwegische Unternehmen Eco Stor halten dagegen: Was als Tsunami beschrieben werde, sei vor allem eine Welle von Interessenbekundungen – und zugleich Folge eines Strukturproblems der Energiewende, das zu lange aufgeschoben wurde.
Im Gespräch mit der ZFK skizziert Eco-Stor-Geschäftsführer Georg Gallmetzer die aktuelle Gemengelage als Zieldreieck aus Systembetreibbarkeit, Netzdienlichkeit und finanzieller Tragfähigkeit von Speicherprojekten. Dieses Spannungsfeld müsse aufgelöst werden, wenn Batteriespeicher vom Störfaktor zum integralen Bestandteil des Stromsystems werden sollen. "Systembetreibbarkeit ist nicht verhandelbar", sagt Gallmetzer.
Speicher dürften Netzbetrieb und Frequenzstabilität nicht gefährden, sondern müssten Teil der Lösung sein. Eco Stor gehört zu den größten Projektierern für Großbatteriespeicher in Deutschland und hat selbst bereits mehrere Anlagen jenseits von 100 Megawatt Leistung angekündigt.
Blindflug im Verteilnetz bei Batteriespeichern
Ein zentraler Konflikt verläuft derzeit zwischen Speicherentwicklern und Verteilnetzbetreibern. Viele Netzbetreiber – Gallmetzer nennt exemplarisch Eon-Töchter wie Bayernwerk – reagierten auf die Dynamik neuer Speicher mit stark restriktiven Anschlussbedingungen: harte Leistungsbegrenzungen, starre Zeitfenster, sehr langsame Rampen.
Verteilnetzbetreiber sorgen für Spannungshaltung, Lastfluss und Engpassmanagement und sind damit direkt betroffen, wenn neue Großspeicher angeschlossen werden. In Summe brächten starre Vorgaben derzeit jedoch Projekte wirtschaftlich zum Scheitern. Eco Stor habe deshalb selbst bereits ein 100-Megawatt-Projekt in Bayern aufgeben müssen.
Der Kern des Problems liege weniger im Speicher selbst als in der Art der Netzführung, argumentiert Gallmetzer. Verteilnetze würden heute überwiegend "nach hinten" gefahren: Engpässe werden aus gemessenen Vergangenheitswerten abgeleitet.
Für hochdynamische Anlagen wie Batteriespeicher bedeute das aus Sicht der Netzbetreiber Blindflug – und damit Angst. Abhilfe könne nur eine vorausschauende Engpassplanung mit Planwertverfahren wie sie im Übertragungsnetz längst Standard sei schaffen. Dort seien auch steile Leistungsgradienten – also schnelle Änderungen bei der Wirkleistung – beherrschbar.

Wie FCAs Batteriespeicher netzdienlich machen
Als Brücke zwischen alter und neuer Welt sieht der Speicherunternehmer wie auch andere in der Branche derzeit flexible Anschlussvereinbarungen (im Englischen Flexible Connection Agreements), kurz FCAs. Stadtwerke und kommunale Netzbetreiber können mit FCAs individuelle Anschlussbedingungen für Speicher festlegen, um Netzstabilität zu sichern, ohne Investitionsanreize der Projektierer zu gefährden.
Jede Leitplanke wirkt kumulativ auf den Business Case.
Sie sollen klare Leitplanken für Speicher definieren – etwa Rampenregeln oder verpflichtendes Verhalten in kritischen Netzsituationen – ohne das Geschäftsmodell zu zerstören. Gallmetzer verweist auf Projekte wie im südschleswigschen Bollingstedt, bei denen sich Eco Stor als Speicherbetreiber freiwillig verpflichtet hat, bei PV-Spitzen gezielt Strom zu laden. Das reduziere Netzausbaubedarf sofort und wirke wie ein "virtueller Netzausbau".
Der Preis dafür liege bei rund zwei Prozent Erlöseinbußen – verkraftbar, solange die übrigen Rahmenbedingungen stimmen, argumentiert der Unternehmer. Problematisch werde es dort, wo Netzbetreiber Netzdienlichkeit primär prohibitiv definierten. "Jede Leitplanke wirkt kumulativ auf den Business Case", warnt Gallmetzer. Wer alle Risiken auf Speicher abwälze, töte am Ende die Investitionsbereitschaft.
Batterie-Tsunami? Was Netzanschlussanfragen wirklich bedeuten
Auch den viel zitierten Batterie-Tsunami relativiert der Eco-Stor-Chef deutlich. Anschlussanfragen seien nicht gleichzusetzen mit Realisierungsabsichten. Wie bei einem ausverkauften Konzert stünden einer großen Zahl von Interessenten nur wenige reale Projekte gegenüber. Nach Einschätzung Gallmetzers werden von den derzeit kursierenden mehreren Tausend Gigawatt (GW) Anfragen am Ende 50 bis maximal 100 GW gebaut – mehr brauche das System auch nicht.
Auch die von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) angekündigte Novelle der Kraftwerks-Netzanschlussverordnung (KraftNAV) und verschärfte Qualitäts- und Zahlungsmeilensteine sorgten bereits für eine Marktbereinigung. Demnach soll für Großbatteriespeicher ab einer gewissen Größe künftig nicht mehr das sogenannte Windhundprinzip gelten, sondern Netzbetreiber sollen qualitative Aspekte miteinbeziehen, wie Projektreife oder die tatsächliche Realisierungsabsicht.
Es bleiben die Harten im Garten.
Viele Marktakteure erwarten, dass einige Speicherprojektierer solche Bedingungen, etwa finanzielle Vorleistungen, nicht erfüllen können werden – mit Folgen für die Anzahl der Marktteilnehmer. Die Phase des "Wilden Westens", in der Netzkapazitäten spekulativ gesichert wurden, sei daher vorbei, so Gallmetzer. "Es bleiben die Harten im Garten."
Dynamische Netzentgelte: Anreize für systemdienliche Speicher
Große Bedeutung misst Eco Stor dem Verfahren der Bundesnetzagentur zu dynamischen Netzentgelten bei. Richtig ausgestaltet, könnten sie Speicher dazu anreizen, system- und netzdienlich zu fahren und zugleich volkswirtschaftliche Kosten zu senken – etwa durch geringeren Redispatch, niedrigere EEG-Kosten und abgeflachte Preisspitzen am Strommarkt.
Sorgen bereitet der Branche jedoch der Zeitplan. Wenn neue Netzentgeltmodelle erst kurz vor 2029 kommuniziert werden, drohe eine mehrjährige Investitionslücke. Speicherprojekte hätten Vorlaufzeiten von drei bis vier Jahren. Das Speicherunternehmen fordert deshalb Übergangsregelungen, um einen faktischen Ausbaustopp zu vermeiden.
Am 30. Januar hat die Bundesnetzagentur zum Expertenaustausch über Speichernetzentgelte im Rahmen der Agnes-Festlegung geladen. Dann dürfte die Branche genau zuhören, wie sich die Rahmenbedingungen für neue Projekte ändern.
Auch unter Wirtschaftsministerin Reiche steht die Speicherpolitik derzeit vor einer Richtungsentscheidung. Für Gallmetzer ist klar: Deutschland braucht keine neue Technologieoffensive, sondern Vertrauen, klare Regeln und intelligente Übergänge. Gelingt das, könnten Batteriespeicher nicht nur den Tsunami entschärfen, sondern zu einem zentralen Stabilitätsanker der Energiewende werden.






