Von Julian Korb
Wer in der Energiewirtschaft unterwegs ist, dürfte vom "Batterie-Tsunami" bereits gehört haben. Gemeint ist die große Anzahl von Speicherprojekten – vor allem große Stromspeicher – die bei den Netzbetreibern in Deutschland angemeldet sind. Von über 300 Gigawatt Anschlussleistung war zuletzt die Rede. Eine Flut von Speichern, kurz: ein Tsunami.
Und tatsächlich waren mehrere Großprojekte in der Presse. So nahmen die Deutsch-Norweger von Eco Stor im April im schleswig-holsteinischen Bollingstedt den bislang größten Batteriespeicher des Landes in Betrieb. Mit einer Leistung von gut 100 Megawatt liefert die Anlage eine Speicherkapazität von knapp 240 Megawattstunden und soll vor allem überschüssigen Windstrom zeitlich verschieben.
Bis zu 7 Gigawattstunden
Auch andere große Speicherprojektierer planen Projekte im dreistelligen Megawatt-Bereich, die in den nächsten Jahren ans Netz gehen sollen. Ein Blick auf aktuelle Ausbauzahlen macht aber deutlich, dass der Speicherzubau bisher eher ein auffrischendes Lüftchen ist.
Laut der Plattform Battery Charts waren zum 10. Juni gerade einmal Großspeicher mit einer gesamten Kapazität von 2,8 Gigawattstunden installiert. Bis Anfang 2028 sind demnach Stand jetzt Großspeicher mit knapp 7 Gigawattstunden geplant. Zu wenig, um angesichts der über 100 Gigawatt installierter Solarleistung deutliche Effekte zu erzielen.
So hat das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in einer Studie aufgezeigt, dass die Batteriespeicherkapazität in Deutschland bis 2030 auf 83 Gigawattstunden ausgebaut werden müsste, um die steigenden Anforderungen zu erfüllen. Das ist fast 200-mal so viel wie die derzeitige Kapazität.
Der Solarverband BSW-Solar hält lediglich eine Verfünffachung der Groß-Batteriespeicher-Kapazität bis 2026 für möglich. Das wären mehr als 10 Gigawattstunden (GWh) – aber bei weitem nicht ausreichend, um die steigenden Preisvolatilitäten am Strommarkt auszugleichen.
"Aktuell halten wir einen Zuwachs von weit über 1 Gigawatt für realistisch." – Timo Maier, Sungrow Europe
Vervielfachung der Kapazitäten
Dennoch heben Branchenstimmen das bislang hohe Tempo beim Ausbau von Großspeichern hervor. "Bei den Anschlussbegehren für Großbatteriespeicher von über 300 Gigawatt bei den Netzbetreibern sind viele Anfragen dabei, die nicht realistisch sind", sagt Timo Maier, Head of Utility Sales DACH beim Speicherhersteller Sungrow Europe. "Selbst, wenn nur 5-10 Prozent davon umgesetzt werden, sprechen wir von einer Vervielfachung der Speicherkapazitäten in Deutschland."
Sungrow geht nach eigenen Angaben davon aus, dass in Zukunft große PV-Anlagen zusammen mit Speichern entwickelt werden. "Aktuell halten wir einen Zuwachs von weit über 1 GW im Jahr für realistisch", so Maier weiter. "Wenn die Erfahrung im Markt größer wird, ist sogar ein Wachstum wie bei PV möglich."
Dass der Speicherzubau notwendig ist – darüber sind sich die meisten in der Branche einig. "Der 'große Speicher' ist bislang das Netz", sagt Frank Amend, Leiter Batteries Europe & Solar Deutschland beim schweizerischen Energiekonzern Axpo. "Allerdings stoßen wir hier mittlerweile auch an Grenzen, weil das Netz die PV-Erzeugung in sonnigen Mittagsstunden kaum noch bewältigen kann." Vor dem Hintergrund erscheine ein Ausbau von Großbatteriespeichern zwischen zwei und drei Gigawatt Leistung pro Jahr erforderlich, meint Amend.
Wirtschaftlichkeit derzeit gegeben
Zumal sich Speicher weiterhin wirtschaftlich rechnen. "Aktuell ist ein Speicher sehr profitabel, und es lassen sich an den meisten Tagen sehr schöne Spreads realisieren", sagt Claus Urbanke, Vizepräsident für Wind-, Solar- und Speicherentwicklung bei Statkraft. "Die Frage ist, wie lange das noch so bleibt."
Urbanke kann sich vorstellen, dass in der nächsten Dekade mehrere 10.000 Megawatt Speicherleistung hinzukommen. "Wenn das passiert, werden die Preisprofile wieder flacher." Der Speicherzubau hängt zudem auch vom Ausbau der erneuerbaren Energien sowie vom Zubau flexibler Gaskraftwerke ab und wie sich diese auf die Börsenstrompreise auswirkten.
Denn: Mit Ausnahme der Projekte, die einen Zuschlag in der Innovationsausschreibung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) erhalten, müssen sich Speicher ohne Förderung am Markt behaupten.
"Der Zubau von Großspeichern nimmt zu. Ist das ein Tsunami? Nein, eher eine erfrischende Brise." – Sven Nels, Baywa Re Energy Trading
Effekt auf den Strommarkt
Auch angesichts dieser wirtschaftlichen Unsicherheit verbleiben deshalb viele Projekte noch in der Planungsphase. "Der Zubau von Großspeichern nimmt zu. Ist das ein Tsunami? Nein, eher eine erfrischende Brise", sagt Sven Nels, Geschäftsführer der Handelstochter von Baywa Re. "Es gibt noch Investitionshemmnisse für Speicher, etwa im Baurecht oder beim Netzanschluss. Wenn da noch mehr Bewegung hereinkommt, dann hat das auf den Strommarkt auch Auswirkungen."
Den Effekt auf den Strommarkt hält aber auch Nels für begrenzt. "Ich denke nicht, dass der in den kommenden 3-4 Jahren geplante Zubau von Batteriespeichern auf Übertragungs- und Verteilnetzebene ausreicht, um die untertägigen Preisschwankungen zu verringern."
Der Grund: Die Ausbauzahlen vor allem bei der Photovoltaik sind weiterhin so hoch, dass es viel mehr Speicher bräuchte, um die Produktionsspitzen abzufangen. "Wenn wir weiterhin 15 Gigawatt an PV jährlich ausbauen, sind 2 Gigawatt an Speicherleistung vergleichsweise wenig", betont Nels.
Preise könnten weiter sinken
Immerhin: Was die Hardware-Preise betrifft, zeigt sich Maier von Sungrow vorsichtig optimistisch. "Wir hoffen, dass wir nicht die gleiche Achterbahnfahrt erleben wie im Modulgeschäft." Auch wenn ein massiver Preisverfall eher als unwahrscheinlich gilt. "Moderate Kostensenkungen pro Jahr erscheinen realistisch", so der Branchenexperte.
Unklarheiten sehen die Hersteller derweil noch bei der sogenannten Netzdienlichkeit der Speicher. "Wir erwarten, dass genau definiert wird, was Netzdienlichkeit bei Speichern und bei Wechselrichtern bedeutet", so Maier weiter. "Bislang ist der Begriff unklar. Dann wüsste die Branche auch genau, wohin es geht."
Definition der Netzdienlichkeit
So brauche es ein Signal für Batteriespeichersysteme, die netzdienlich agieren könnten. "In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass Speicher beim Abfangen von Blackouts unterstützen können."
Den ersten Schritt in diese Richtung haben zuletzt die Übertragungsnetzbetreiber gemacht. So soll es neue Ausschreibungen für Systemdienstleistungen geben, an denen sich auch Großspeicher beteiligen können.
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Für Aufsehen in der Branche sorgte kürzlich zudem das Pilotprojekt "Einspeisesteckdose" der Netzbetreiber Bayernwerk und LEW. Hier können sich interessierte Projektentwickler gezielt auf frei werdende Netzkapazitäten bewerben. Sieben Projekte erhielten in der ersten Runde einen Zuschlag. Den größten Speicher mit rund 80 Megawattstunden wird das Allgäuer Unternehmen Green Flexibility bauen.
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