Blackout-Nachspiel: Warum Spanien wieder stärker auf Gaskraftwerke setzt

Die Stromerzeugung aus Gaskraftwerken hat in Spanien zuletzt wieder an Bedeutung gewonnen. (Symbolbild)
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Von Julian Korb
Erst kürzlich hat der Verband der europäischen Übertragungsnetzbetreiber, Entso-e, einen Zwischenbericht zum Blackout auf der iberischen Halbinsel im April vorgelegt. Darin enthalten: eine genaue Chronik der Vorgänge, die zu einem massiven, landesweiten Stromausfall geführt haben.
Obwohl der genaue Auslöser des Blackouts weiterhin unklar ist, haben die spanischen Energieunternehmen aber wohl Konsequenzen für den Betrieb des Stromsystems gezogen. Eine Folge: Der Stromerzeugungsmix wurde angepasst.
Deutlich mehr Gas verbraucht
Spanien verbrennt demnach seit dem Blackout mehr Gas zur Stromerzeugung, wie der spanische Gasnetzbetreiber Enagas am Dienstag mitteilte. Dies habe zu einem Anstieg der gesamten Gasnachfrage des Landes geführt. Das Gas diene demnach "als Verstärkung für die Sicherheit der Stromversorgung".
Der Gesamtbedarf Spaniens an Erdgas und Exporten belief sich Enagas zufolge in den ersten neun Monaten des Jahres 2025 auf 267,6 Terawattstunden (TWh) – eine Steigerung um knapp 7 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Die Gasnachfrage zur Stromerzeugung stieg in den ersten neun Monaten des Jahres insgesamt sogar um fast 37 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Zudem exportierte Spanien mehr Erdgas, vor allem ins benachbarte Frankreich, das mehr Gas benötigte, um seine unterirdischen Speicher zu füllen und seine Regasifizierungsterminals in Betrieb zu halten, so der Gasnetzbetreiber weiter.
Erneuerbare gedrosselt
Auch mit Blick auf den Stromerzeugungsmix fallen die Unterschiede auf: So erzeugten Gaskraftwerke in diesem Sommer rund 22 Prozent des Stroms in Spanien. Im Vorjahressommer waren es nur 17 Prozent gewesen. Gleichzeitig sank der Erneuerbaren-Anteil von 58 auf 55,5 Prozent.
Mit Blick auf den Herbst sind die Änderungen sogar noch deutlicher. Gaskraftwerke lieferten im laufenden Jahr knapp 25 Prozent des Stroms, während es im Vorjahreszeitraum nur knapp 20 Prozent gewesen waren. Seit Ende 2021 betreibt Spanien keine Kohlekraftwerke mehr, sodass der Strom im Wesentlichen in Wind- und Photovoltaik-Anlagen, sowie Gaskraftwerken und durch Kernenergie erzeugt wird.
Kernenergie verliert an Bedeutung
Interessant ist auch, dass der Anteil der Kernkraftwerke ebenfalls leicht auf knapp 22 Prozent sank. Derzeit hat Spanien noch sieben Atomkraftanlagen in Betrieb, in dem Land tobt jedoch eine politische Debatte um die Zukunft der Technologie. Kernkraft-Befürworter wie die rechtspopulistische Vox-Partei argumentieren, Atomanlagen trügen zur Versorgungssicherheit bei.
Tatsächlich gehörten die Kernkraftwerke in Spanien zu den ersten Anlagen, die im Blackout abschalteten und sie konnten auch erst als welche der letzten wieder hochgefahren werden. Kernkraftwerke sind zudem nicht schwarzstartfähig. Das heißt, sie benötigen für den Wiederanlauf eine externe Stromversorgung.
Übergang oder langfristiger Strategiewechsel?
Der spanische Übertragungsnetzbetreiber Red Electrica (REE) hat bislang nicht offiziell bestätigt, dass es einen Strategiewechsel hin zu mehr Gaskraftwerken gab. Das Unternehmen erklärte, es sei Sache des Marktes, wie sich der Strommix zusammensetzt. Als Übertragungsnetzbetreiber stelle man jedoch sicher, "dass das Marktergebnis mit der Versorgungssicherheit vereinbar" sei.
Nach dem Blackout hatte REE bereits bekanntgegeben, zusätzliche Kraftwerke mit synchroner Stromerzeugung einzusetzen, um Spannungs- und Frequenzkontrollen im System sicherzustellen. Dabei handelt es sich in der Regel um konventionelle Kraftwerke wie etwa Gasturbinen- oder Gas-und-Dampf-Kombikraftwerke (GuD-Kraftwerke) – und nicht um Wind- oder Solarparks.
REE hatte nach dem Stromausfall zudem bestritten, dass es dem spanischen Netz wohl an sogenannter Trägheit aus synchronen Generatoren gefehlt hatte, um Spannungsschwankungen auszugleichen. Vielmehr zeigen Untersuchungen sowohl des Netzbetreibers als auch des Verbandes Entso-e, dass im Vorfeld des Blackouts auch konventionelle Kraftwerke bei der Spannungsbeherrschung versagt hatten.
REE hatte in dem Bericht nach dem Blackout darauf hingewiesen, dass das Problem weniger in mangelnder konventioneller Erzeugung, sondern in der dynamischen Reaktion der Anlagen auf Überspannung zu finden sei. Als Folge gilt seit dem 20. Oktober im spanischen Netz ein geändertes Betriebsverfahren, das mehr Kraftwerke als bislang dazu verpflichtet, an der Spannungsregelung mitzuwirken.
Ob der neue Strommix langfristig eine Strategie-Wende hin zu mehr fossiler Stromerzeugung darstellt, oder lediglich eine Übergangslösung, ist aktuell noch offen. Das neue Betriebsverfahren ist auf maximal drei Monate begrenzt.
Abschlussbericht im Frühjahr erwartet
Die spanische Regierung hält bislang ebenfalls an ihrem Erneuerbaren-Kurs fest. Im Juni hat sie allerdings ein Gesetzespaket verabschiedet, das mehrere Maßnahmen zur Stärkung des Stromsystems umfasst; etwa neue Verfahren, um die Netzspannung besser zu kontrollieren. Außerdem sollen mehr Energiespeicher und flexible Lasten angereizt werden. Erneuerbare sollen zudem effizienter ins Energiesystem integriert werden.
Der kürzlich veröffentlichte Zwischenbericht von Entso-e hatte ergeben, dass eine Kaskade von Abschaltungen bei Erzeugungsanlagen in Verbindung mit Spannungsanstiegen im Stromnetz zu dem Stromausfall geführt hatten. Eine übermäßige Spannung wird vorerst als wahrscheinlichste Ursache genannt.
Was die Überspannung ursprünglich ausgelöst hat, ist nach wie vor ungeklärt. Vermutungen, dass der Ursprung in einem Solarpark in Südspanien zu verorten ist, konnte die von Entso-e eingesetzte Expertenkommission bislang nicht bestätigen. Ein Abschlussbericht soll im ersten Quartal 2026 erscheinen und die Ergebnisse der Untersuchungen zur Ursache des Stromausfalls enthalten.

