Von Julian Korb
Große Kraftwerke erzeugen Strom und bringen diesen über Netze zu den Haushalten. Kunden verbrauchen diesen dann zu einem Festpreis. So sah die Energiewelt lange aus. Doch im abgelaufenen Jahr stammten bereits fast 60 Prozent des erzeugten und eingespeisten Stroms aus erneuerbaren Energien. Die Folge: Stromerzeugung und Strompreise schwanken viel stärker.
Die neue Bundesregierung will diese Schwankungen mit dem Neubau von Gaskraftwerken ausgleichen. Ein Allheilmittel dürfte dies aber nicht sein. "Die gesamte Erzeugungslücke wird nicht mit Gaskraftwerken geschlossen werden", zeigte sich Filip Thon, CEO der Eon-Vertriebstochter Eon Energie Deutschland, bei einer Pressekonferenz am Dienstag überzeugt. "Dafür braucht es auch andere Lösungen."

Der doppelte Verbrauch von München
Bei fast zwei Dritteln der Kunden des Energiekonzerns handelt es sich um Hausbesitzer. "Wir sehen in diesem Segment enormes Potenzial für Flexibilität", so Thon. Kunden könnten Geld sparen und zur Energiewende beitragen. "Das ist auch gut für das Energiesystem."
Auf Auftrag von Eon Energie hat die Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) untersucht, wie groß das Potenzial für einen flexiblen Stromverbrauch schon heute in privaten Haushalten wäre und wie sich das Potenzial bis 2030 voraussichtlich entwickelt. Das Ergebnis: Schon heute ließe sich ein Potenzial von über 15 Terawattstunden (TWh) pro Jahr heben. Zum Vergleich: Das ist etwa doppelt so viel, wie die Stadt München im Jahr verbraucht.
Im Jahr 2030 soll sich dieses Flexibilitätspotenzial laut Studie sogar auf über 30 TWh verdoppeln. Während heute noch sogenannte Mikroflexibilitäten wie Waschmaschinen, Wäschetrockner und Spülmaschinen die Hälfte des Potenzials ausmachen, sind es im Jahr 2030 vor allem Heimspeicher und Elektrofahrzeuge, die große Mengen an flexiblem Verbrauch ermöglichen.
Eon setzt auf flexible Tarife
Um diese Flexibilität zu heben, braucht es allerdings marktliche Anreize. Serafin von Roon, Managing Director bei der FfE und Studienleiter, sieht dafür drei Stellschrauben: digitale Steuerung, flexible Tarife und variable Netzentgelte. "Dafür müssen die Randbedingungen stimmen, vor allem der Smart-Meter-Rollout." Einschränkungen im Rollout und Belastungen im Stromnetz habe die Studie ausgeblendet.
Auch die Bekanntheit der nötigen Tarife ist bislang nicht immer gegeben. So wussten lediglich 44 Prozent der Befragten in einer Eon-Studie, was ein dynamischer oder ein flexibler Stromtarif ist. Variable Netzentgelte dürften noch weniger Haushalten bekannt sein.
Eon Energie will selbst vor allem auf flexible Tarife setzen. Im Gegensatz zu dynamischen Tarifen, bei denen Kunden den Preisschwankungen an der Börse vollständig ausgesetzt sind, übernimmt der Energieversorger bei flexiblen Tarifen einen Teil des Risikos. Ein Festpreis wird dazu mit einem Bonus kombiniert. "Das ist weniger risikoreich als ein dynamischer Tarif und das empfehlen wir daher auch", so Unternehmenschef Thon.
Fokus auf Pflicht-Rollout
In der Umsetzung sieht der Firmenlenker dabei noch Verbesserungsbedarf. Flexibilität müsse für Kunden so einfach wie möglich sein. "Ziel ist eine Plug-and-Play-Lösung, wo Sie nicht bei jeder Installation auch jemanden vorbeischicken müssen. Das erwarte ich von einem Energieversorger, das erwarte ich von uns."
Einen verschleppten Smart-Meter-Ausbau sieht Thon dabei für Eon nicht. Nach eigenen Angaben des Vertriebschefs hat der Essener Konzern bislang rund 600.000 Smart Meter verbaut. Der Pflichteinbau laufe aber insgesamt schleppend. Daneben würden wettbewerbliche Messstellenbetreiber den Hochlauf beim Einbau von Messegeräten auf Kundenwunsch unterstützen. Thon sieht darin aber keine Dauerlösung. "Wenn der Pflicht-Rollout komplett umgesetzt ist, brauchen wir keine wettbewerblichen Messstellenbetreiber mehr."
Nach Angaben des Unternehmenschefs hat Eon derzeit Kunden mit dynamischen und flexiblen Tarifen "im fünfstelligen Bereich". Insgesamt hat der Energiekonzern zwischen 13 und 14 Millionen Strom- und Gaskunden. Der Anteil dynamischer und flexibler Tarife ist bislang also gering. Das Interesse an solchen Tarifen steige laut Thon aber stark.
Mehr dazu aus dem ZfK-Archiv:
Intelligentes Laden – wer wie viel sparen kann
"Die Größe des Energieversorgers ist kein Indiz für einen erfolgreichen Rollout"
Netzentgelte: Unternehmen fordern von Bundesnetzagentur mehr Flexibilität



