Mit den Netzentgelten werden Bau und Betrieb von Stromleitungen, Masten und Umspannwerken finanziert, aber auch die Kosten für Notmaßnahmen bei Netzengpässen gedeckt.

Mit den Netzentgelten werden Bau und Betrieb von Stromleitungen, Masten und Umspannwerken finanziert, aber auch die Kosten für Notmaßnahmen bei Netzengpässen gedeckt.

Bild: © Patrick Daxenbichler/AdobeStock

Von Julian Korb

Die Bundesnetzagentur steht von verschiedenen Seiten unter Druck. Dass die Reform der Netzregulierung kein Selbstläufer wird, war abzusehen. Doch die harte Kritik der Netzbetreiber dürfte auch die erfahrene Bonner Behörde um Chef Klaus Müller überrascht haben.

Nun mischt sich auch eine Unternehmensallianz – vor allem von Solar-, Speicher- und Mobilitätsunternehmen – in die Debatte ein. Der Tenor: Der Aufschlag der Netzagentur geht nicht weit genug. Laut den Branchenstimmen braucht es dringend mehr Signale für Flexibilität, um die Netzkosten tatsächlich zu senken und nicht nur breiter zu verteilen.

Vorhandene Flexibilität nutzen

"Die Netzentgelte steigen, weil in Zeiten von viel Wind oder Sonne Strom oft weit transportiert werden muss, um einen Abnehmer zu finden", sagt Philipp Schröder, Unternehmenschef und Mitgründer des Hamburger Energieanbieters 1Komma5Grad. Gleichzeitig steige die Zahl dezentraler Verbraucher wie Wärmepumpen oder E-Autos, die sich bisher nicht an Stunden mit hoher Netzauslastung ausrichten würden. "Ziel muss es sein, diese beiden Pole aufeinander abzustimmen – und so die Netzentgelte zu senken."

Bevor über eine Umverteilung gesprochen würde, müsse aber zunächst das vorhandene Flexibilitätspotenzial einbezogen werden. "Dann können wir die anvisierten Ausbaukosten von 700 Milliarden Euro über kluge Anreize reduzieren." Damit bezieht sich Schröder auf Zahlen des Bundesrechnungshofes aus dem Jahr 2024, wonach der Ausbau der Übertragungs- und Verteilnetze bis 2045 nochmal mehr Geld verschlingen könnte, als bislang angenommen.

Mit dem Begriff "Umverteilung" spielt Schröder zudem auf eine weitere Debatte an. Die Bundesnetzagentur hatte kürzlich einen Vorschlag gemacht, wie Stromeinspeiser, also etwa Wind- und Photovoltaik-Anlagen, aber auch Biogasanlagen und Speicher, stärker in die Finanzierung der Netzkosten einbezogen werden können. Rechtsanwältin Ines Zenke hatte dies im ZfK-Interview als "folgerichtig" bezeichnet. Stimmen aus der Erneuerbarenbranche hatten den Vorschlag jedoch stark kritisiert.

Umstritten ist etwa die Frage, inwiefern sogenannte Einspeiseentgelte dazu beitragen, die Netzkosten zu senken. Kritiker argumentieren, dass solche Zusatzbelastungen auf die Stromkunden abgewälzt würden. In der Speicherbranche wird sogar vor einem Ende des marktlichen Speicherhochlaufs gewarnt.

Nur Anschlusskosten subventionieren

In dem Positionspapier "Flexibel ist das neue solidarisch" sprechen sich Unternehmen wie 1Komma5Grad, Enpal, Octopus Energy, Sonnen und The Mobility House nun für eine grundlegendere Reform der Netzentgelte aus. Die derzeitige Netzentgeltstruktur wird nach Ansicht der Unterzeichner den Herausforderungen einer zunehmend dezentralen und digitalisierten Energieversorgung nicht gerecht. Ziel müsse es sein, die Kosten des Netzausbaus so gering wie möglich zu halten, ohne den Ausbau erneuerbarer Energien oder neuer Lasten wie Wärmepumpen und Elektroautos zu bremsen.

Die Unterzeichner des Papiers fordern dabei vor allem, Verursachergerechtigkeit und die Identifikation der Kostentreiber in Bezug auf Ort und Zeit der Netznutzung in den Mittelpunkt stellen. Zudem soll Flexibilität im Stromverbrauch honoriert werden, um das Netz zu entlasten und die Systemkosten zu senken. Dabei soll die Bundesnetzagentur netzdienliches Verhalten durch ein dynamisches Netzentgelt anreizen, ohne durch Privilegierungen einzelner Verbraucher verzerrt zu werden. "Dynamische Netzentgelte senken Kosten – und schaffen Anreize für eine smarte Energienutzung, ohne die Stromnetze zu überlasten", sagt Bastian Gierull, Deutschlandchef von Octopus Energy. "Der Bedarf an kostspieligem Netzausbau wird minimiert."

Die Reform soll dabei auf drei klar abgrenzbaren Kostenblöcken basieren: Zukunftsinvestitionen, Netzbetriebskosten und historische Kosten. Diese könnten jeweils unterschiedlichen Systematiken unterliegen, um die richtigen Anreize zu setzen. Neue Investitionen sollen über dynamische Netzentgelte finanziert, Betriebskosten sollen den Verursachern zugeordnet und historische Kosten könnten über einen zeitlich variablen Anschlusspreis in Euro pro Kilowatt bepreist werden. Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt sollten dabei ausschließlich für Anschlusskosten an das bestehende Netz genutzt werden, um die Anreizwirkung von dynamischen Netzentgelten nicht zu unterlaufen. Heißt: keine staatlichen Zuschüsse für den neuen Ausbau von Netzen.

In ihrem Koalitionspapier hat sich die neue Bundesregierung vorgenommen, die Netzentgelte zu senken. CDU-Energie- und Umweltexperte Andreas Jung betonte am Mittwoch bei der BBH-Jahreskonferenz 2025 in Berlin, dass das Thema weiterhin Priorität genießt. "Wir haben konkrete Energieentlastungen beschlossen, die müssen in dieser Zeit auf den Weg gebracht werden. Das betrifft die Senkung der Stromsteuer und die Entlastung bei den Netzentgelten." Bis das gesamte Paket greife, werde es allerdings bis Anfang Januar 2026 dauern.

In der Energiewirtschaft herrscht jedoch weitgehendes Einverständnis darüber, dass staatliche Zuschüsse keine strukturellen Reformen ersetzen. "Wir können Kosten heruntersubventionieren, das geht aber nicht auf Dauer", sagte etwa Andreas Feicht, Vorstandsvorsitzender der Kölner Rheinenergie, bei der BBH-Jahreskonferenz. Feicht nannte als wesentlichen Kostenhebel dabei, die Netze nur so weit auszubauen, wie es der Verbrauch auch erforderlich mache.

Keine einzelnen Verbraucher privilegieren

Unternehmen wie 1Komma5, Enpal oder auch GP Joule betonen derweil andere Hebel. So kritisiert das gemeinsame Papier der Unternehme die derzeitige Praxis, bestimmte Technologien oder Kundengruppen zu privilegieren, da dies die Flexibilität im Strommarkt hemmt und Fehlanreize setzt. Stattdessen wird ein System vorgeschlagen, das Flexibilität fördert und gleichzeitig die Kosten für alle Nutzer gerecht verteilt.

Die Autoren betonen, dass die Diskussion um Netzentgelte nicht mit anderen Zielen wie Verteilungsgerechtigkeit oder der Behandlung spezifischer Technologien vermischt werden sollte. "Wer die Netzausbaukosten senken will, muss klare Preisanreize setzen, das Netz zur richtigen Zeit zu nutzen", erläutert Fabian Hafner, Head of Regulatory & Public Affairs bei 1Komma5Grad. "Das kann für manche Netznutzer im Geldbeutel spürbar werden, wenn sie sich nicht anpassen." Dies dürfe jedoch kein Grund sein, vor Preissignalen zurückzuschrecken. "In Härtefällen kann man hier aber natürlich politisch gezielt unterstützen."

Die Debatte, inwiefern etwa energieintensive Betriebe weiterhin von Netzentgeltprivilegien profitieren können, wird seit Monaten intensiv geführt. So werden Unternehmen, die viel Strom verbrauchen, heute über die sogenannte 7000-Stunden-Regel zu einem gleichmäßigen Stromverbrauch angereizt. Auf Stromengpässe oder -überschüsse können sie nicht reagieren, ohne ihre Netzentgeltrabatte zu verlieren. Befürworter dieser Regelung argumentieren, dass viele Betriebe ihren Stromverbrauch nicht flexibilisieren können und ohne die Rabatte an Wettbewerbsfähigkeit verlieren.

Branchenstimmen bezweifeln aber, ob die Anreizregulierung der richtige Ort ist, um solche Industriepolitik zu betreiben. Florian Bieberbach, Chef der Stadtwerke München, nahm dazu bei der BBH-Jahrenskonferenz Stellung. "Wir müssen Fehlanreize im System minimieren." Die Frage sei, wie es zu einem ineffizienten System in Deutschland gekommen sei. "Die Annahme von Wirtschaftsministerin Reiche, dass Klimaschutz zu sehr priorisiert wurde, teile ich nicht. Ich glaube, wir haben zu viele ganz andere Ziele mit der Energiepolitik verfolgt, etwa Strukturpolitik, Industriepolitik." Aus diesen Zielen heraus sei das System so teuer geworden, nicht wegen des Klimaschutzes.

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