Von Julian Korb
Immer mehr Steckersolargeräte – auch Balkonkraftwerke genannt – gehen in Deutschland in Betrieb. Noch im Juni dürften bei der Bundesnetzagentur mehr als eine Million Steckersolargeräte registriert sein, schätzt der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW-Solar). Der Verband geht davon aus, dass die Millionen-Marke inzwischen überschritten wurde, da zahlreiche Nachmeldungen erfahrungsgemäß erst mit einigen Wochen Zeitverzug bei der Netzagentur eingehen.
Nach Schätzungen der Plattform Energy Charts am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE war die Eine-Million-Marke sogar bereits Ende Mai überschritten. Energy Charts zählt dabei alle Gebäudeanlagen mit einer Modulleistung von weniger als zwei Kilowattpeak (kWp) oder 2000 Wattpeak (Wp) hinzu. Bei Steckersolargeräten im engeren Sinne ist die Einspeiseleistung am Wechselrichter auf 800 Watt begrenzt.
Hohe Dunkelziffer
Laut Leonhard Probst, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer-Institut ISE und Leiter von Energy Charts, sind aktuell insgesamt rund 1,1 Millionen solcher Kleinstanlagen mit Photovoltaik (PV) installiert. Diese kommen auf eine maximale Leistung von mehr als einem Gigawattpeak (GWp).
Eine Studie der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW Berlin) im Jahr 2022 hat allerdings ergeben, dass die Anmeldequote bei Balkonkraftwerken bei unter 50 Prozent lag. Wie Energieexperte Probst bei Linkedin ausführt, dürfte die Dunkelziffer etwa zwei- bis dreimal höher liegen.
Bis zu 10 Prozent des Verbrauchs
Demnach läge die installierte Leistung von Kleinst-Photovoltaik-Anlagen bereits bei etwa 2,5 GWp. Bei einer durchschnittlichen Produktion von 800.000 Kilowattstunden (kWh) pro Jahr ergebe sich eine jährliche Energiemenge von 2 Terawattstunden (TWh). Vieles davon gehe allerdings direkt in den Selbstverbrauch, so Probst weiter.
Bei einem Stromverbrauch privater Haushalte von derzeit etwa 130 TWh pro Jahr würden Balkonsolaranlagen derzeit rund 1,5 Prozent davon decken. Mittelfristig ist laut dem Experten eine Deckung von 10 Prozent des Haushaltsverbrauchs allein durch Balkonkraftwerke möglich.
Boom dürfte anhalten
Ein Ende des Booms für Balkonkraftwerke ist weiterhin nicht in Sicht. Laut einer durch den Solarverband BSW-Solar beauftragten Studie planen in diesem Jahr acht Prozent der Befragten die Anschaffung eines Steckersolargerätes. Weitere neun Prozent können sich dies zu einem späteren Zeitpunkt vorstellen.
Allein zwischen Jahresbeginn und Ende April 2025 wurden rund 135.000 neue Geräte in Betrieb genommen – das entspricht einem Plus von 36 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres. Die Leistung der in diesem Zeitraum neu installierten Balkonkraftwerke stieg sogar um rund 75 Prozent.
Steckersolargeräte unterscheiden sich von klassischen Photovoltaikanlagen insbesondere dadurch, dass die Leistung der Solarmodule und die Anschlussleistung des Wechselrichters begrenzt ist. Die Modulleistung eines Steckersolargeräts darf laut dem deutschen Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) maximal 2000 Watt und die Anschlussleistung am Wechselrichter maximal 800 Watt betragen.
Balkonkraftwerke nur ohne Speicher
Eine Registrierung im Marktstammdatenregister der Bundesnetzagentur ist innerhalb eines Monats Pflicht. Die Anmeldung beim Netzbetreiber ist im vergangenen Jahr im Rahmen des Solarpakets entfallen.
Allerdings gelten nur Geräte ohne Batteriespeicher als Steckersolargeräte. Systeme mit Speicher müssen hingegen zurzeit noch von einer Elektrofachkraft installiert und zusätzlich auch beim Netzbetreiber angemeldet werden.
Wer sein Balkonkraftwerk nicht anmeldet, muss grundsätzlich mit einem Bußgeld in dreistelliger Höhe rechnen. Der Netzbetreiber ist auch berechtigt, die Anlage wieder vom Netz zu trennen. Bislang sind aber keine Fälle bekannt, in denen die Bundesnetzagentur eine Strafe ausgesprochen hat.
Amortisation in wenigen Jahren
Anders als Dachsolaranlagen erhalten Balkonkraftwerke keine Einspeisevergütung. Überschüssiger Strom wird entgeltfrei ins Netz eingespeist.
Laut einer aktuellen Analyse des Vergleichsportals Verivox kann sich die Anschaffung eines Balkonkraftwerks derzeit nach zweieinhalb bis fünf Jahren amortisiert haben. Die größten Erträge sind demnach zu erwarten, wenn der Balkon nach Süden ausgerichtet ist.
Nach einer Umfrage von Verivox haben bereits 9 Prozent der Befragten eine Balkon-PV-Anlage. 17 Prozent planen, eine solche anzuschaffen. Die restlichen Befragten hatten für ein Balkonkraftwerk keinen Platz, zweifelten an der Wirtschaftlichkeit oder wollten grundsätzlich kein Steckersolargerät.
Die alte Ampel-Koalition hat die Nutzung von Balkonkraftwerken deutlich vereinfacht. Etwa, indem sie eine Erlaubnispflicht durch Vermieter und Wohnungseigentümer für Balkon-PV-Anlagen eingeführt hat. Die ursprüngliche Initialzündung für den Boom der Anlagen waren aber die hohen Strompreise nach Beginn des Ukraine-Krieges. (Mit Material der Deutschen Presse-Agentur)
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