Von Julian Korb
Hohe Strompreise und die wachsende Nachfrage nach klimafreundlicher Energie treiben den Ausbau von Photovoltaik weiter voran. Doch obwohl technisch vieles bereits möglich ist – etwa mit Speichern, die sich nach Börsenpreisen richten –, wächst in der Branche die Sorge: Komplizierte Vorgaben und schleppende Digitalisierung könnten die Energiewende ausbremsen. "Wir könnten die Energiesteuerung für den Kunden sofort optimieren", sagt der Geschäftsführer des Leipziger Unternehmens Energiekonzepte Deutschland (EKD), Timo Sillober, der "Deutschen Presse-Agentur".
Doch regulatorisch sei das bislang nicht vorgesehen. Seine Firma hat sich auf die Kombination aus Photovoltaik, Speichern und sogenannter intelligenter Steuerung spezialisiert. Das Geschäftsmodell: Strom wird dann gespeichert oder genutzt, wenn er besonders günstig ist – etwa nachts, wenn der Börsenstrompreis niedrig oder sogar negativ ist.
Verschenkter Strom
Ähnlich sieht das Philipp Schröder, CEO und Mitgründer des Solarunternehmens 1Komma5Grad. "Derzeit verschenkt Deutschland überschüssigen, sauberen Strom aus Wind und Sonne regelmäßig ins Ausland. Später kaufen wir dann Strom zu hohen Preisen wieder zurück, wenn Sonne und Wind nicht verfügbar sind. Das ist wirtschaftlicher Irrsinn."
Erst kürzlich hat das Hamburger Unternehmen einen Speicher vorgestellt, der vollautomatisch immer dann Strom kauft, wenn der Preis an der Strombörse besonders gering ist und den Strom später dem Kunden zur Verfügung stellt. Die Batterie verkauft aber auch Strom, wenn der Börsenstrompreis besonders hoch ist. Laut Schröder lohne sich dies für Kunden bereits jetzt. Die Situation könne sich aber durch bereits geplante Netzentgeltänderungen und gesetzliche Flexibilisierung weiter verbessern.
Fehlende regionale Steuerung
Kritik am regulatorischen Rahmen kommt aber auch aus der Wissenschaft. "Die Geschwindigkeit des sogenannten Smart-Meter-Rollouts in Deutschland ist insbesondere im internationalen Vergleich mehr als peinlich", sagt Jens Schneider, Professor für vernetzte Energiesysteme an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) in Leipzig.
Als größtes Problem sieht der Forscher den fehlenden zeitlich und räumlich veränderlichen Preisanreiz. Der Smart-Meter-Rollout bezeichnet die schrittweise Einführung und den Einbau intelligenter Stromzähler. Ziel ist es, die Stromversorgung digitaler, effizienter und transparenter zu machen.
Schneider verweist dabei nicht nur auf die Photovoltaik, sondern auch auf das Zusammenspiel mit anderen Technologien wie Windkraft. Durch die einheitliche Strompreiszone in Deutschland würden falsche Anreize gesetzt, kritisiert Schneider. "Ist der Strompreis niedrig, wenn im Norden der Wind weht, so werden Elektroautobesitzer und Wärmepumpenbetreiber im Süden ihren flexiblen Stromverbrauch steigern" – auch wenn der Strom aufgrund fehlender Netzinfrastruktur dort gar nicht ankommt.
Die Konsequenz: Windkraftanlagen im Norden müssen abgeregelt und entschädigt werden, während im Süden teure Gaskraftwerke ans Netz gehen. Schneider fordert deshalb eine Preiskomponente, die die regionale Netzverfügbarkeit widerspiegelt: "Nur dann kann der Markt die richtigen Lösungen finden."
Streit um einheitliche Stromgebotszone
Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWK) verweist dagegen auf Fortschritte beim Rollout: "Fakt ist, dass die Bundesregierung mit dem Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende einen neuen, bürokratieärmeren und damit wesentlich einfacheren Rechtsrahmen geschaffen hat."
Nach Angaben der Bundesnetzagentur seien inzwischen rund 14 Prozent der Haushalte und Betriebe, bei denen ein intelligenter Stromzähler verpflichtend ist, entsprechend ausgestattet – dies sei ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Vorjahr. Auch bei der Frage nach regional unterschiedlichen Strompreisen sieht das Ministerium derzeit keinen Handlungsbedarf.
In einem Grundsatzpapier vom August 2024 lehnte es eine Aufteilung der einheitlichen Stromgebotszone ausdrücklich ab. Die Vorteile eines gemeinsamen Marktes – etwa ein reger Stromhandel und stabile Preise für Verbraucher und Industrie – seien laut BMWK größer als mögliche Effizienzgewinne durch regionale Preissignale. Stattdessen verweist das Ministerium auf bereits eingeführte regionalisierte Netzentgelte: Bundesländer mit viel Wind- oder Solarstrom würden schon heute von niedrigeren Netzgebühren profitieren.
Ähnlich sieht es die voraussichtlich künftige Bundesregierung. Auch im Koalitionsvertrag von Union und SPD steht, dass an einer einheitlichen Stromgebotszone festgehalten wird.
Mieterstrom: Umsetzung zu komplex
Wie schwierig der Einsatz moderner Technik auch jenseits der Strompreisgestaltung sein kann, zeigt derweil ein weiteres Beispiel aus der Praxis: EKD-Chef Sillober berichtet von Problemen beim sogenannten Mieterstrom. Zwar ermögliche das bestehende Modell es, den auf einem Mehrparteienhaus erzeugten Solarstrom direkt an die Mieter weiterzugeben – doch die Umsetzung sei zu komplex.
Der Vermieter werde durch die Vorschriften automatisch zum Stromanbieter – samt aller Pflichten, kritisiert Sillober. "Das macht einfach niemand, weil es sich durch den Mehraufwand nicht lohnt." Vertreter aus der Mieterstrombranche hatten zuletzt hingegen von einem zunehmenden Interesse berichtet.
Trotz solcher Hürden sei die Nachfrage nach Photovoltaikanlagen weiterhin stabil, betont EKD. Für den weiteren Ausbau komme es aber auch auf politische Verlässlichkeit an. "Wir brauchen ein stetig berechenbares System, in dem die Menschen ihre Investitionsentscheidungen an Stabilität ausmachen können", betont Sillober. (Mit Material der Deutschen Presse-Agentur)
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