Friedrich Merz (rechts), Fraktionsvorsitzender der Union und CDU-Bundesvorsitzender, und Carsten Linnemann, CDU Generalsekretär, haben ihre Handschrift im Koalitionsvertrag hinterlassen.

Friedrich Merz (rechts), Fraktionsvorsitzender der Union und CDU-Bundesvorsitzender, und Carsten Linnemann, CDU Generalsekretär, haben ihre Handschrift im Koalitionsvertrag hinterlassen.

Bild: © Michael Kappeler/dpa

Von Julian Korb

Kosteneffizienz war im Wahlkampf vor allem bei der Union das Stichwort, wenn es um die künftige Energiepolitik geht. Das Wort findet sich nun auch im Koalitionsvertrag wieder. Bei der Energiewende unnötige Kosten zu sparen, fordern auch zahlreiche Unternehmen aus der Energiebranche.

Der Koalitionsvertrag widmet sich dem Thema Kosteneinsparung, etwa beim Ausbau und der Modernisierung der Netze, was "kosteneffizient vorangebracht" werden soll, ebenso der Ausbau der Windkraft. Einzelne Stellen könnten den Ausbau von Windkraftanlagen allerdings umherwirbeln und ungewünschte Nebeneffekte erzeugen.

Ausgleich für Schwachwind-Standorte

So heißt es im Kapitel zur Windenergie. "Wir überprüfen das Referenzertragsmodell auf Kosteneffizienz unter anderem hinsichtlich unwirtschaftlicher Schwachwind-Standorte." Was als einfache Kostensparmaßnahme daherkommt, könnte in der Praxis enorme Folgen haben.

Denn aktuell erhalten weniger windstarke, auch windhöffig genannte, Standorte einen Vergütungszuschlag. Hintergrund ist, dass sich Windkraftprojekte sonst fast nur in windstarken Flächen in Norddeutschland lohnen würden. Würde die Bundesregierung diesen regionalen Zuschlag nun kürzen oder sogar streichen, stünden zahlreiche Projekte in Süddeutschland vor dem Aus.

Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten. "Bei der Windkraft riskiert die künftige Bundesregierung einen erneuten Einbruch der Windbranche im Süden", sagte die baden-württembergische Umwelt- und Klimaministerin Thekla Walker (Grüne) der "Schwäbischen Zeitung". Der regionale Ausgleich habe sich bewährt.

"Denn für Netzstabilität und geringere Netzausbaukosten brauchen wir überall Windkraft", so die Ministerin weiter. Die Pläne im schwarz-roten Koalitionsvertrag nannte sie "energie- und wirtschaftspolitisch unverantwortlich".

Experten raten zu Windkraft

Dass Windkraft an Land auch aus energieökonomischer Sicht durchaus Sinn macht, zeigte jüngst auch eine Studie der Energieberatungen Aurora Energy Research und Consentec – beauftragt vom Energiekonzern EnBW. Während die Analysten der künftigen Bundesregierung dazu rieten, die Ausbauziele bei der Photovoltaik zu drosseln, empfahlen sie für Windanlagen einen unverändert kräftigen Zubau.

Denn der ungleiche Ausbau von Erneuerbaren, vor allem von Windanlagen, führt bereits jetzt zu Verwerfungen im Stromsystem. So müssen im Norden oft Windkraftanlagen abgeschaltet werden, weil zu viel Strom ins Netz eingespeist wird, während im Süden steuerbare Kraftwerke hochgefahren werden, um den Bedarf zu decken und das Stromnetz zu stabilisieren.

Ein Effekt, der durch die bundesweite Strompreiszone noch verstärkt wird. Der renommierte Energieökonom und Hochschulprofessor Lion Hirth machte am Wochenende auf Linkedin auf eine absurde Entwicklung aufmerksam: Weil Deutschland die einheitliche Gebotszone hat, werden deutschlandweit Erneuerbaren-Anlagen abgeregelt, wenn die Strompreise an der Börse ins Negative rutschen. Dies geschieht auch bei Anlagen in Süddeutschland, obwohl dort lokal nicht genügend Strom produziert wird.

Die Folge: Die Übertragungsnetzbetreiber fahren gleichzeitig Gas- und Kohlekraftwerke hoch, um die Netze zu stabilisieren. Das verursacht zusätzliche Kosten über den sogenannten Redispatch und führt zu einem geringeren Anteil von Erneuerbaren an der Stromproduktion, als eigentlich möglich wäre. Gleichzeitig steigt auch der Anteil an importiertem Strom, was ebenfalls höhere Stromkosten zur Folge hat.

Fraglicher Kostencheck

Ob der im Koalitionsvertrag festgehaltene "Kostencheck" an dieser Stelle zu geringeren Kosten führt, ist daher fraglich. Denn auch die Alternativen zu einem Windausbau im Süden sind teuer. Etwa ein verstärkter Ausbau von Stromautobahnen, um große Mengen Windstrom aus dem Norden in den Süden zu transportieren. Die von EnBW beauftragte Aurora-Studie zeigte jüngst erst wieder deutlich, wie viel günstiger die Energiewende ausfiele, würde der Netzausbau auf das Minimum begrenzt.

Und auch der Zubau von steuerbaren Kraftwerken im netztechnischen Süden dürfte viele Milliarden Euro kosten. Zumal noch unklar ist, ob die Bundesregierung hier alles auf Wasserstoff setzen will, oder auch CO₂-Abscheidung bei Kraftwerken eine Rolle spielen soll. Klar ist: Für beide Varianten bräuchte es milliardenschwere Investitionen in Pipelines.

Neues Flächenziel

Auch an anderer Stelle könnten die Koalitionäre den Windausbau ausbremsen. So heißt es im Kapitel zur Windkraft weiter, dass die Flächenziele für die Windenergie im Jahr 2032 evaluiert werden sollen. In den Koalitionsverhandlungen sickerte durch, dass Union und SPD statt eines Flächenzieles über ein sogenanntes Ökostromziel debattierten. Statt pauschal zwei Prozent der Landesfläche für Windkraftprojekte auszuschreiben, könnten Bundesländern dann individuell entscheiden, mit welcher Technologie Ausbauziele erreicht werden sollen. So stellte sich etwa Sachsens Infrastrukturministerin Regina Kraushaar (CDU) hinter die Forderung.

In der Erneuerbaren-Branche kommt der Vorschlag schlecht an. Das Zwei-Prozent-Ziel habe zu einer deutlich erhöhten Flächenverfügbarkeit geführt, kommentierte etwa Claus Urbanke, Vize-Deutschlandchef für das Wind-, Solar- und Speichergeschäft beim norwegischen Energiekonzern Statkraft. "Unter anderem dadurch sind die Pachtpreise für Land wieder etwas gesunken, was sich am Ende dämpfend auf die Stromkosten auswirkt!" Eine Abkehr vom Zwei-Prozent-Ziel würde für Planungsträger zu erneuter Unsicherheit führen.

Stabilität bei Solarenergie

Wenig ändern soll sich hingegen bei der Solarenergie. Die Förderung soll "in Verbindung mit Speichern" und "systemdienlich" ausgestaltet werden. Dafür sollen neue Anreize für eine "netz- und systemdienliche Einspeisung" gesetzt werden. Für Parkplatz-, Agri- und Floating-PV – also Technologien, die Flächen doppelt nutzen – soll es sogar Erleichterungen geben. In einem Thesenpapier hatte sich der Stadtwerkeverband VKU zuletzt dafür ausgesprochen, die Förderung von Agri-PV-Projekten einzustellen. Der Grund: Die Technologie ist besonders teuer.

Zudem gibt es in der Branche schon länger Forderungen, die staatliche Förderung von gerade privaten Aufdachanlagen einzustellen. Eon-Chef Leo Birnbaum etwa setzt sich dafür ein. Der Hintergrund: Dachsolaranlagen speisen meist ungesteuert in die Stromnetze ein und sind verglichen mit Freiflächenanlagen ineffizient.

Auf der anderen Seite genießen Dach-PV-Anlagen unter allen Erneuerbaren-Technologien die höchste Akzeptanz in der Bevölkerung. Das dürfte auch der Grund sein, warum sich CDU, CSU und SPD vorerst nicht an die EEG-Förderung herantrauen. Auch den Schritt zu mehr Systemdienlichkeit hatte die rot-grüne Minderheitsregierung zum Ende der Wahlperiode bereits angestoßen.

Mehr zum Koalitionsvertrag aus dem ZfK-Archiv:

Merz-Vorstoß: Erster Krach um Kraftwerksstrategie bahnt sich an

Möglicher Habeck-Nachfolger: Für welchen Energiekurs Jens Spahn steht

Wie die Großen der Stadtwerke-Welt auf den schwarz-roten Energiekurs blicken

Möglicher Habeck-Nachfolger: Für welchen Energiekurs Linnemann steht

Koalitionsvertrag steht: Der neue Energiekurs von Merz, Klingbeil und Co.

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper