Strom

Erdkabel-Befürworter sehen sich nach Berlin-Anschlag bestätigt

Der Brandanschlag auf das Berliner Stromnetz lässt Zehntausende Haushalte ohne Strom. Politiker und Netzbetreiber diskutieren, wie Netze künftig sicherer gestaltet werden können.
06.01.2026

Ein Arbeiter bei der Verlegung eines Erdkabels für die geplante Hochspannungsleitung "Suedlink". (Symbolbild)

Von Julian Korb

Der aktuelle Stromausfall im Südwesten Berlins hat die ohnehin kontroverse Debatte um den künftigen Netzausbau neu entfacht. Nach einem Brandanschlag auf Teile der Strominfrastruktur waren zeitweise rund 45.000 Haushalte ohne Elektrizität, zehntausende davon über mehr als einen Tag. Am Dienstag waren immer noch knapp 25.000 Haushalte und rund 1120 Gewerbekunden ohne Strom. Für Befürworter einer stärkeren Erdverkabelung ist das Ereignis ein weiteres Argument dafür, Sicherheitsaspekte im Netzausbau höher zu gewichten als bislang.

Prominent äußerte sich die SPD-Bundestagsabgeordnete und energiepolitische Sprecherin ihrer Fraktion, Nina Scheer. Der Anschlag zeige, so Scheer, die "wachsende zivilisatorische Verwundbarkeit" moderner Gesellschaften gegenüber Angriffen auf die Stromversorgung.

Eine Netzausbauplanung, die primär über Kosten argumentiere und daraus ein "pro Freileitung" ableite, greife zu kurz, wenn dabei die Sicherheit der Versorgung leidet, so die Fachpolitikerin. Erdverkabelung müsse dort Vorrang haben, wo sie Anschläge erschwere und volkswirtschaftliche Folgekosten von Stromausfällen vermeiden könne.

Mehrkosten bei Erdkabel

Tatsächlich ist die Kostenfrage bislang eines der stärksten Argumente gegen Erdkabel. Je nach Spannungsebene und Trassenführung liegen die Investitionskosten deutlich über denen von Freileitungen. Kritiker verweisen zudem auf aufwendigere Reparaturen im Störungsfall.

Befürworter halten dagegen, dass diese Rechnung unvollständig sei: Schäden durch längere Stromausfälle, Produktionsausfälle in der Industrie oder Risiken für kritische Infrastrukturen wie Krankenhäuser, Telekommunikation oder Wasserversorgung würden in klassischen Kosten-Nutzen-Analysen oft nicht oder nur unzureichend berücksichtigt.

Mit der fortschreitenden Elektrifizierung und Digitalisierung verschärft sich diese Argumentation. Strom wird nicht nur für Haushalte und Industrie immer wichtiger, sondern auch für Wärmepumpen, Ladeinfrastruktur, Wasserstofferzeugung oder digitale Anwendungen von Telemedizin bis Justiz. Je stärker diese Bereiche vom kontinuierlichen Stromfluss abhängen, desto größer werden die Folgen von Unterbrechungen – und damit auch der politische Druck, vermeidbare Risiken zu reduzieren.

Netzbetreiber sehen Grenzen

Dass selbst umfassende Schutzmaßnahmen an Grenzen stoßen können, macht eine Stellungnahme der Hamburger Energienetze deutlich. Der städtische Netzbetreiber verweist zwar auf ein eigenes, zuletzt überprüftes Schutzkonzept sowie auf Notstromaggregate und rund um die Uhr verfügbare Reparaturteams.

Gleichzeitig räumt das Unternehmen aber ein, dass bei "hohem Maß an krimineller Energie" eine vollständige Absicherung aller Anlagen kaum möglich sei. Auch dies könnte von Erdkabel-Befürwortern als Hinweis gewertet werden, dass weniger exponierte Infrastruktur langfristig mehr Resilienz bieten kann.

Lesen Sie hier mehr dazu: Stromausfall in Berlin: Reparatur verzögert sich – Debatte um Schutzkonzepte

Weitere Netzbetreiber aus dem Nordwesten Deutschlands betonen ähnliche Punkte:  Der Übertragungsnetzbetreiber Tennet weist auf umfassendes Risikomanagement und enge Abstimmung mit Sicherheitsbehörden hin, während die Oldenburger EWE Netz auf die Vorteile unterirdischer Leitungen verweist, die einen hohen Schutz gegen äußere Einflüsse böten.

Die Verteilnetzbetreiber Wesernetz und Avacon Netz wiederum betonen, dass ringförmige Netzstrukturen, Notfallpläne und mobile Reparaturteams Ausfälle zwar begrenzen, einen längeren Stromausfall aber nicht vollständig verhindern könnten.

Sicherheitspolitik gewinnt an Bedeutung

Der Berliner Anschlag dürfte die Diskussion damit weiter zuspitzen. Während Netzbetreiber und Regulierer weiterhin auf Wirtschaftlichkeit und technische Machbarkeit verweisen, fordern Politiker wie Nina Scheer eine erweiterte Perspektive: Sicherheit der Stromversorgung als zentraler Bestandteil der Daseinsvorsorge – und damit als Kriterium, das im Zweifel schwerer wiegen müsse als niedrigere Ausbaukosten.

Ob sich dieser Ansatz in künftigen Netzausbauentscheidungen durchsetzt, bleibt offen. Klar ist jedoch: Die Frage "Erdkabel oder Freileitung" wird nach Berlin nicht mehr nur technisch und ökonomisch, sondern zunehmend sicherheitspolitisch geführt. (Mit Material der Deutschen Presse-Agentur)