In der zweiten Maiwoche erlebte Deutschland einen neuen "Solarrekord". Am Dienstag (14. Mai) wurden um 13 Uhr knapp 47,1 GW Solarstrom in das öffentliche Netz eingespeist. Das geht aus Daten des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesystem ISE hervor. Hinzu kommen nochmal etwa 4,1 GW an eigenverbrauchtem Solarstrom, wie Bruno Burger, Leiter der Plattform Energy-Charts am Fraunhofer-Institut ISE in einem Post auf der Plattform X (ehemals Twitter) erklärte. Der bisherige Rekordwert hatte bei 40 GW im Mai des abgelaufenen Jahres gelegen. Auch am Montag und Sonntag zuvor war die Solareinspeisung bereits ungewöhnlich hoch gewesen.
Auf dem Strommarkt sorgte dies für niedrige Preise und zahlreiche Negativpreisstunden. Der Day-Ahead-Markt rutschte am Sonntag (12. Mai) über neun Stunden ins Minus, auf dem Intra-Day-Markt waren es sogar zehn Stunden. Wer noch am selben Tag Strom verkaufen wollte, musste in der Spitze über 500 Euro pro Megawattstunde draufzahlen. Auch in der darauffolgenden Woche kam es von Montag bis Mittwoch jeweils zu mindestens drei aufeinanderfolgenden Negativpreisstunden.
Zusätzlicher Solarstrom
Thomas Krings, Chef des Düsseldorfer Erneuerbarenhändlers Quadra Energy, ist von dieser Entwicklung nicht überrascht. Als einen Grund sieht er die über 20 GW an installierter Solarleistung, die Deutschland seit Beginn der Energiekrise zugebaut hat. "Die zunehmende Volatilität wirkt sich natürlich auf die Märkte aus. Neu ist, dass wir jetzt erstmals auch tagsüber an normalen Wochentagen Negativpreise sehen."
Auch Wetterprognosen spielten dabei eine zunehmend wichtige Rolle. So sei es am vergangenen Sonntag zu mehr Sonnenstunden gekommen, als ursprünglich vorhergesagt. "Der zusätzliche Solarstrom musste im Intra-Day-Markt vermarktet werden, das hat die Preise zusätzlich gedrückt", so Krings.
Kaum Export
Johannes Viehmann, Head of Trading von Next Kraftwerke spricht zudem von einer besonderen Situation im 2. Quartal 2024, "weil die französischen Kernkraftwerke eine gute Verfügbarkeit aufweisen und Wasserkraftwerke in Österreich und Frankreich viel Energie eingespeist haben."
Früher hat Deutschland viel Erneuerbaren-Strom in die Nachbarländer exportiert. Nun bauen die Niederlande, Belgien, Polen und auch Frankreich selbst viel erneuerbare Energien zu. Dadurch wird es schwierig, Abnehmer für den überschüssigen Solarstrom zu finden. "Frankreich ist zwischen Mai und August bereits gut versorgt, ebenso Österreich", sagt Viehmann. "Die werden weniger Strom abnehmen können, und wenn doch zu geringeren Preisen."
Fehlende Steuerbarkeit
"Gerade private Dachanlagen und Balkonkraftwerke können oftmals nicht abgestellt werden." ‒ Johannes Viehmann, Head of Trading, Next Kraftwerke
Die Häufung der Negativpreisstunden werde sich im Mai daher voraussichtlich fortsetzen, möglicherweise auch Juni. Erst im Herbst und Winter, wenn weniger Solarstrom verfügbar ist, wird sich die Situation wieder drehen.
Die hohe Solareinspeisung liegt dabei auch daran, dass die Steuerbarkeit bei vielen Solaranlagen im Vergleich zu Windanlagen geringer ist. "Gerade private Dachanlagen und Balkonkraftwerke können oftmals nicht abgestellt werden", betont Handelsexperte Viehmann. Um gegen Negativpreise vorzugehen, würden die Vermarkter um Abschaltungen nicht herumkommen. Next Kraftwerke hat daher Ende letztes Jahres auch einen Bonus für Solaranlagen eingeführt, die sich im Falle eines Überangebots an Strom im Netz abregeln lassen.
Förderung bleibt wichtig
"Mit dem aktuellen Strompreisniveau ist eine marktbetriebene Finanzierung von Solaranlagen kaum möglich." ‒ Thomas Krings, Geschäftsführer, Quadra Energy
Unter den negativen Preisen leiden vor allem Anlagenbetreiber. Zwar erhalten sie weiterhin die Vergütung über die Marktprämie. Doch die Abhängigkeit von der Förderung über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) verfestigt sich. Ein Abbau der EEG-Förderung, wie kürzlich von der FDP vorgeschlagen, rückt so in weite Ferne. "Mit dem aktuellen Strompreisniveau ist eine marktbetriebene Finanzierung von Solaranlagen kaum möglich", betont Quadra-Manager Krings.
Die Förderung bleibe für Solaranlagen wichtig, meint auch Next-Kraftwerke-Handelschef Viehmann. Förderfreie Anlagen wie der Energiepark Witznitz werde es vermutlich erst ab einer gewissen Größe und mit Absicherung über Corporate PPAs (CPPAs) geben. "Viele kleine und mittlere Anlagen würden ohne die Förderung vermutlich nicht mehr gebaut."
Ausbau von Stromspeichern
Neben der Flexibilisierung des Verbrauchs schlägt Krings daher auch den Ausbau von Stromspeichern vor. "Und zwar so schnell wie möglich und so viele wie möglich. Sonst bekomme ich Bauchschmerzen."
Auch der Energieversorger Eon hält Speicherlösungen für ein wichtiges Mittel. Als Beispiel nennt eine Unternehmenssprecherin etwa Batteriespeicher der Eon-Tochter Bayernwerk, die größtenteils in einem Multi-Use-Case aus Primärregelleistung, Intradayvermarktung und vermiedenen Netzentgelten betrieben werden. Auf der anderen Seite hält der Energieversorger die Flexibilisierung des Verbrauchs ebenfalls für entscheidend und will dies unter anderem mit dynamischen Taifen und bidirektionalem Laden von E-Autos erreichen.
Rekord von Negativpreisen
Experten gehen davon aus, dass der deutsche Strommarkt 2024 einen neuen Rekord bei der Anzahl und bei der Ausprägung von Negativpreisen erleben wird. Dieser Einschätzung schließt sich auch Quadra-Chef Krings an. Eine Trendumkehr ist bislang nicht abzusehen. (jk)
Hinweis: Der Artikel wurde um die Einschätzung von Eon ergänzt.
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