Auf der E-world 2026 zählte die Digitalisierung der Verteilnetze zu den prägenden Themen. Insbesondere die Frage, wie viele Ortsnetzstationen tatsächlich mit Sensorik und Kommunikationstechnik ausgestattet werden sollten, wird in der Branche neu diskutiert.
In den vergangenen Jahren verfolgten zahlreiche Netzbetreiber einen selektiven Ansatz: 20 bis 30 Prozent der Stationen sollten digitalisiert, der Rest über Simulationen oder digitale Zwillinge abgebildet werden. Dieses Zielbild gerät zunehmend ins Wanken.
Oliver van der Mond, Mitgründer und CEO des Anbieters Lemonbeat, beobachtet eine strategische Verschiebung. "Langfristig wird jede Ortsnetzstation digital sein", sagt er im Gespräch mit der ZFK. Seine Einschätzung spiegele die Diskussionen wider, die sein Unternehmen mit Netzbetreibern führe. Auch andere Marktteilnehmer berichten von einer steigenden Nachfrage nach Lösungen für die Niederspannungsebene.
Mehr Transparenz im Niederspannungsnetz
Hintergrund ist die wachsende Komplexität in den Verteilnetzen. Photovoltaikanlagen (PV-Anlagen), Wärmepumpen und Ladepunkte für Elektrofahrzeuge erhöhen die Dynamik auf der Niederspannungsebene. Während Hoch- und Mittelspannung in der Regel bereits umfassend überwacht werden, fehlt es im Ortsnetz vielerorts an kontinuierlichen Echtzeitdaten.
Klassische Smart-Meter-Gateways sind regulatorisch auf sichere Messwertübertragung ausgelegt, jedoch nicht primär für eine netztechnische Überwachung im Sekunden- oder Millisekunden-Takt. Für netzbetriebliche Fragestellungen – etwa Phasenungleichgewichte, lokale Überlastungen oder Blindleistungsflüsse – setzen viele Betreiber daher auf zusätzliche Sensorik in den Stationen.
Nach Darstellung van der Monds zeigen Praxiserfahrungen, dass reale Messwerte aus den Stationen "mehr nützliche Werte liefern, als viele vorher angenommen haben". In Gesprächen mit Netzbetreibern gehe der Trend daher eher in Richtung 50 bis 60 Prozent Ausstattungsgrad. Eine flächendeckende Vollausstattung sei noch kein Branchenstandard, werde aber zunehmend als langfristige Perspektive diskutiert – auch über 2030 hinaus im Zuge von Ersatzinvestitionen.
Viele Netzbetreiber möchten eigentlich vermeiden, aktiv nach 14a eingreifen zu müssen.

§ 14a EnWG erhöht den Handlungsdruck
Als Beschleuniger gilt § 14a EnWG. Die Regelung verpflichtet Netzbetreiber, steuerbare Verbrauchseinrichtungen im Engpassfall temporär zu steuern. "Viele Netzbetreiber möchten eigentlich vermeiden, aktiv nach 14a eingreifen zu müssen", sagt van der Mond. Ziel sei es, Engpässe frühzeitig zu erkennen und durch netzbetriebliche Maßnahmen zu entschärfen.
Dazu sind detaillierte Kenntnisse der Netzzustände erforderlich. In Regionen mit starkem PV-Zubau – etwa in Teilen Bayerns – sei der operative Druck bereits vor Inkrafttreten der Neuregelung hoch gewesen, so seine Einschätzung. Die Regulierung verschärfe die Anforderungen an Transparenz und Reaktionsfähigkeit zusätzlich.
Branchenweit wird jedoch betont, dass Digitalisierung den Netzausbau nicht ersetzt. Sie kann Investitionen zielgerichteter machen, Lastflüsse besser prognostizieren und Eingriffe reduzieren – strukturelle Engpässe lassen sich damit allein nicht auflösen.
Technische Herausforderungen im Bestand
Die Digitalisierung erfolgt derzeit in der Regel als sogenannter Retrofit. Bestehende Ortsnetzstationen und Kabelverteilerschränke werden mit Mess- und Kommunikationstechnik nachgerüstet. In Deutschland existieren mehrere Millionen solcher Anlagen. Begrenzter Bauraum gilt als eines der zentralen Hemmnisse.
Vor diesem Hintergrund brachte Lemonbeat vor rund drei Jahren eine kompaktere Hardwarevariante auf den Markt, die speziell für enge Einbausituationen konzipiert wurde. Ziel war es, auch solche Stationen digitalisieren zu können, die bislang als schwer zugänglich galten.
Vergleichbare Lösungen entwickeln auch andere Anbieter, der Markt ist entsprechend vielfältig – von klassischen Fernwirkherstellern über Automatisierungsspezialisten bis hin zu reinen Digitalisierungsanbietern. Welche Technologie zum Einsatz kommt, hängt von der jeweiligen Netzstrategie, der IT-Architektur und den Sicherheitsanforderungen ab.
Cybersicherheit als Grundvoraussetzung
Mit der europäischen NIS2-Richtlinie und den Vorgaben des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik steigen die Anforderungen an die IT-Sicherheit weiter. Für kritische Infrastrukturen gelten strenge Maßstäbe bei Entwicklung, Zertifizierung und Betrieb von Komponenten.
Van der Mond geht davon aus, dass hohe Sicherheitsstandards mittelfristig zum Marktstandard werden. Der wesentliche Aufwand liege in Entwicklung und Zertifizierung; unterschiedliche Sicherheitsniveaus seien wirtschaftlich kaum sinnvoll darstellbar. Unabhängig vom Anbieter gilt: Je stärker die Ortsnetzebene digital vernetzt wird, desto wichtiger sind durchgängige Sicherheitskonzepte.



