Stefan Kapferer ist Vorsitzender der Geschäftsführung (CEO) beim Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz.

Stefan Kapferer ist Vorsitzender der Geschäftsführung (CEO) beim Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz.

Bild: © Christoph Soeder

Der Berliner Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz hat 2025 mehr Netzanschlüsse vergeben als je zuvor – und steht gleichzeitig vor einem wachsenden Engpassproblem. Das wurde bei der Jahrespressekonferenz des Unternehmens deutlich. CEO Stefan Kapferer mahnte: Das Netz könne nicht unbegrenzt wachsen, ohne dass die Politik stärker steuert, wer wo angeschlossen wird.

50Hertz hat im vergangenen Jahr insgesamt über 90 Anschlusszusagen erteilt. Darunter waren 26 Großbatteriespeicher mit rund 12 Gigawatt (GW) Leistung, 42 Solarparks mit knapp 17 GW sowie elf Windparks an Land mit knapp 3 GW. Hinzu kamen fünf Rechenzentren und zwei Elektrolyseure. Die Projekte sollen bis 2030 ans Netz gehen.

Ansturm auf Netzanschlüsse

Der Andrang reißt dabei nicht ab. Aktuell liegen dem Unternehmen weitere Anfragen für 140 Batteriespeicherprojekte mit rund 53 GW vor. Dazu kommen Rechenzentren und Elektrolyseure mit gut 10 GW Anschlussleistung.

Kapferer machte deutlich, dass das bisherige Prinzip – wer zuerst beantragt, wird zuerst angeschlossen – nicht mehr tragfähig ist. Zum 1. April führen die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber deshalb gemeinsam das sogenannte Reifegradverfahren ein. Es priorisiert Projekte nach ihrer Realisierungswahrscheinlichkeit statt nach dem Eingangsdatum des Antrags.

Kapferer: Politik muss Kontingente festlegen

Das neue Verfahren allein löst das Problem aber nicht, betonte Kapferer. Er forderte die Politik auf, verbindliche Mengenziele für einzelne Technologien festzulegen: "Das Reifegradverfahren kann nicht alles regeln. Die Politik muss den Mut haben, bestimmte Kontingente für einzelne Technologien festzulegen."

Als Beispiel nannte er Batteriespeicher: Die Anschlusszusagen, die alle vier Übertragungsnetzbetreiber gemeinsam bereits für den Zeitraum bis 2030 erteilt haben, übersteigen den im Netzentwicklungsplan für Mitte der 2030er Jahre angesetzten Bedarf. Weitere Batteriespeicher anzuschließen, bevor andere dringend benötigte Projekte realisiert sind, ergebe wenig Sinn.

Wenn in einer Region die Erzeugungskapazitäten aus Erneuerbaren bereits bei 150 bis 200 Prozent der Last liegen und die Netzkapazitäten ausgelastet sind, dann ist es richtig, den Erneuerbaren-Ausbau in anderen Regionen zu priorisieren.

Ausbau einer Höchstspannungsleitung im Netzgebiet von 50Hertz in OstdeutschlandBild: © 50Hertz

Kapferer sprach sich außerdem für eine regionale Differenzierung aus. Es sei nicht Aufgabe des Netzbetreibers, jedem Grundstückseigentümer einen Businesscase zu sichern: "Wenn in einer Region die Erzeugungskapazitäten aus Erneuerbaren bereits bei 150 bis 200 Prozent der Last liegen und die Netzkapazitäten ausgelastet sind, dann ist es richtig, den Erneuerbaren-Ausbau in anderen Regionen zu priorisieren." Ein Windpark, der – übertrieben formuliert – 70 Prozent des Jahres abgeregelt werden müsse, nütze auch dem Klimaschutz nichts, so Kapferer.

Baukostenzuschüsse für Einspeiser, wie sie die Bundesnetzagentur derzeit diskutiert, könnten dabei ein Steuerungsinstrument sein, sagte er. Sie würden nicht die Gesamtmenge begrenzen, aber Investoren in Regionen lenken, in denen Netzkapazitäten vorhanden sind. Derzeit gibt es solche Zuschüsse bereits für Netzverbraucher.

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Gaskraftwerke: Ein Drittel muss in den Norden

Ein weiteres zentrales Thema der Jahrespressekonferenz war die Kraftwerksstrategie der Bundesregierung. Im 50Hertz-Netzgebiet decken Braunkohle- und Steinkohlekraftwerke noch einen erheblichen Teil der gesicherten Leistung. 2025 gab es laut Kapferer 211 Zeitabschnitte – im Schnitt je 19 Stunden –, in denen der Erneuerbare-Anteil im Strommix unter 15 Prozent lag. In diesen Stunden sei das System auf steuerbare Kraftwerke angewiesen.

Die geplante Ausschreibung von 12 GW neuer steuerbarer Kapazitäten begrüßte Kapferer. Er pochte aber darauf, dass ein Drittel davon im sogenannten netztechnischen Norden entstehe – also unter anderem im Gebiet von 50Hertz. Ohne diese Kraftwerke fehle im Fall eines großflächigen Stromausfalls die Grundlage für einen schnellen Netzwiederaufbau: "Ohne sie besteht bei einem großflächigen Störfall die Gefahr einer verzögerten Wiederversorgung des Ostens."

Sicherheit kostet – und verlangsamt den Ausbau

Breiten Raum nahm das Thema Sicherheit ein. Nach dem Anschlag auf eine Stromleitung in Berlin-Lichterfelde Anfang Januar hat 50Hertz seine Schutzmaßnahmen ausgeweitet. Das umfasst verstärkte Kontrollen beim Personal – sogenannte Pre-Employment-Screenings –, Investitionen in physische Sicherheit und Cyberschutz sowie die Weiterentwicklung von Notfallplänen.

Kapferer warnte jedoch, dass diese Investitionen Geld kosten, das an anderer Stelle fehlt: "Wir werden einen Teil der Mittel auch für die Sicherheit einsetzen müssen. Das wird dazu führen, dass wir an der einen oder anderen Stelle beim Leitungsausbau langsamer vorankommen." Er forderte einen klaren regulatorischen Rahmen, der Sicherheitsinvestitionen planbar macht und finanziell anerkennt.

Erneuerbare stabil, Verbrauch stagniert

Die erneuerbaren Energien deckten 2025 rund 74 Prozent des Stromverbrauchs im 50Hertz-Netzgebiet – ein weiterer Schritt in Richtung des Unternehmensziels, bis 2032 den gesamten Verbrauch aus Erneuerbaren zu speisen. Die Windstromerzeugung ging leicht zurück auf 39 Terawattstunden (TWh), während die Solarstromerzeugung auf knapp 20 TWh stieg. Der Stromverbrauch lag bei gut 93 TWh – und damit nahezu auf Vorjahresniveau.

Beim Netzausbau meldete 50Hertz derweil Fortschritte: Mehr als 500 Kilometer neue Leitungen wurden 2025 genehmigt, die Projekte aus dem Energieleitungsausbaugesetz sind zu 98 Prozent fertiggestellt. Offshore befinden sich über 950 Kilometer Anbindungsleitungen in Planung.

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