Das Stromhandelsdefizit Deutschlands ist auf dem höchsten Stand seit Jahren. Waren es im gesamten Jahr 2023 noch -11,7 Terawattstunden (TWh), sind es im laufenden Jahr derzeit -14,2 TWh. Das geht aus Zahlen der Übertragungsnetzbetreiber vom Dienstag (23. Juli) hervor.
Allein im Juni kam auf eine exportierte Strommenge von 3,7 TWh ein Import von 7,6 TWh. Der Saldo lag damit bei -3,9 TWh. Bei einem mittleren Importpreis pro Megawattstunde (MWh) von rund 58 Euro und einem Exportpreis von rund 50 Euro steht so am Ende ein Exportsaldo von rund -252 Mio. Euro, wie Zahlen der Bundesnetzagentur (BNetzA) belegen.
Exporte gehen zurück
Damit verfestigt sich ein Trend. 2023 hatte Deutschland erstmals seit langem wieder mehr Strom im Ausland gekauft als exportiert. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum legten die Importe nochmal um rund 27 Prozent zu, während die Exporte um 12 Prozent zurückgingen.
Kritiker führen die Entwicklung auch auf die Abschaltung der letzten Atomkraftwerke in Deutschland zurück. Was dafür spricht: 2022 – also vor dem Atomausstieg – hatte der Stromhandelsüberschuss mit rund 27 TWh noch ein Allzeithoch erreicht.
Habeck versteht Debatte nicht
Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) spielte die Debatte um Stromimporte kürzlich herunter. Das Defizit betrage gerade einmal rund 2 Prozent des Bruttostromverbrauchs, so der Politiker. Tatsächlich lag es Anfang 2024 schon bei fünf Prozent und hat sich seitdem weiter erhöht.
Auch die Bundesnetzagentur wiegelt ab und vertritt den Standpunkt, dass Deutschland über ausreichend Erzeugungskapazität verfügt, um den Strombedarf jederzeit auch ohne Importe zu decken. Die hohe Importquote liege demnach daran, dass der Strom im Ausland teilweise günstiger sei.
Sonderfall Epex Spot
Tatsächlich zeigte dies auch ein Vorfall an der Epex Spot am 25. Juni. Aufgrund eines technischen Fehlers hatte die Kurzfrist-Strombörse die einzelnen mitteleuropäischen Märkte voneinander entkoppelt und ländereigene Auktionen durchgeführt. Dadurch wurde Deutschland im Stromhandel de facto wie eine Insel behandelt. Das Ergebnis: Die Preise schossen im Schnitt auf fast 500 Euro pro MWh und in der Spitze auf über 2000 Euro hoch – zu Lieferausfällen kam es allerdings nicht.
Dennoch dürfte die Kritik an den hohen Stromimporten zunehmen. In Deutschland sind es vor allem Stimmen aus der Union und aus der AfD, die den Ausstieg aus der Atomkraft kritisieren und eine deutsche Stromabhängigkeit fürchten.
Gedankenspiele in Frankreich
Auch Frankreichs extremer Rechter sowie der extrem linken La France Insoumise um Jean-Luc Mélenchon sind Stromlieferungen ins europäische Ausland ein Dorn im Auge. Beide Parteien spielen immer wieder mit dem Gedanken, den französischen Strommarkt vom europäischen Markt abzukoppeln. Rechtlich dürfte dies allerdings schwierig werden. Außerdem ist Frankreich selbst – gerade im Winter – von Stromimporten abhängig.
Frankreich ist neben Dänemark der größte Stromlieferant für Deutschland. Gerade Frankreich liefert deutlich mehr Strom an Deutschland als umgekehrt. Der Exportsaldo 2024 ist derzeit mit rund -7,7 TWh besonders groß. Kritiker weisen zudem darauf hin, dass Frankreich Strom vor allem in Kernkraftwerken erzeugt. Der Anteil des Atomstroms liegt im westlichen Nachbarland bei über zwei Dritteln.
Stromerzeugung geht zurück
Die Debatte über Stromimporte dürfte aber auch aus einem anderen Grund so schnell nicht enden. Denn die Kehrseite des negativen Exportsaldo ist auch, dass immer weniger Strom in Deutschland erzeugt wird. Im aktuellen Kalenderjahr 2024 wurden in Deutschland bis Ende Juli rund 243 TWh Strom erzeugt.
Im Vorjahr waren es im gleichen Zeitraum noch rund 255 TWh gewesen und 2022 sogar rund 284 TWh. Damit findet auch weniger Wertschöpfung im Inland statt. (jk)
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