Der BDEW treibt die Standardisierung im Verteilnetz voran. (Symbolbild)

Der BDEW treibt die Standardisierung im Verteilnetz voran. (Symbolbild)

Bild: © Bernd Weißbrod/dpa

Der Energiebranchenverband BDEW hat erstmals einen bundesweiten Musterwortlaut für die technischen Anschlussbedingungen (TAB) von Kundenanlagen in der Mittelspannung veröffentlicht. Das neue Dokument soll Netzanschlussprozesse vereinheitlichen und sowohl Netzbetreibern als auch Anlagenbetreibern mehr Rechtssicherheit bieten.

Die Initiative kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Debatte um Netzanschlüsse politisch hochkocht – nicht zuletzt durch das geleakte "Netzanschlusspaket" aus dem Bundeswirtschaftsministerium. Neben vielen guten Ansätzen bleiben aber noch Fragen für Stadtwerke offen.

Entlastung für Netzbetreiber: Wegfall der Begründungspflicht

Für Verteilnetzbetreiber und Stadtwerke liegt der größte Vorteil auf der Hand: Wer den BDEW-Musterwortlaut nutzt, muss die darin enthaltenen Ergänzungen zu den technischen Anschlussregeln des VDE (FNN) nicht mehr begründen. Diese Begründungspflicht hatte der Gesetzgeber 2024 mit § 19 Abs. 1a des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) eingeführt.

BDEW-Hauptgeschäftsführerin Kerstin Andreae betont, der Musterwortlaut sei angesichts der Vielzahl von Netzanschlussbegehren insbesondere von Schnellladestationen, Batteriespeichern und Erzeugungsanlagen ein wichtiger Schritt zu deutschlandweit standardisierten Netzanschlussbedingungen.

Der Musterwortlaut gilt allerdings nicht verpflichtend. Wer eigene TAB erstellt oder darüber hinausgehende Ergänzungen vornimmt, bleibt begründungspflichtig. Das Dokument muss auf der eigenen Website und über VNBdigital zugänglich sein.

Harmonisierung für bundesweit aktive Anlagenbetreiber

Besonders bundesweit tätige Betreiber von Schnellladestationen, Batteriespeichern oder Erneuerbaren-Anlagen profitieren von der Standardisierung. Bisher sahen sich Projektierer bei den mehr als 800 deutschen Verteilnetzbetreibern mit unterschiedlichen Anforderungen konfrontiert.

Der Musterwortlaut schafft nun einheitliche Bedingungen – etwa eine verbindliche Rückmeldefrist von zehn Werktagen oder die Vorgabe eines Leistungsschalters ab einer Transformator-Bemessungsleistung von einem Megavoltampere (MVA). Die Eigentumsgrenze liegt nun einheitlich am Kabelendverschluss.

Doch nicht alle Fragen sind geklärt. Stadtwerke, die selbst als Anlagenbetreiber auftreten, müssen weiterhin viele Details bilateral klären. Die Errichtung eines zweiten Mittelspannungsanschlusses auf einem Grundstück bleibt Verhandlungssache. Beim Baukörper der Übergabestation oder dem Isolationsmedium der Schaltanlage gibt der Musterwortlaut keine konkreten Materialien vor.

Netzanschluss als Engpass der Energiewende

Die BDEW-Initiative fällt in eine Zeit, in der der Netzanschluss zum zentralen Engpass der Energiewende geworden ist. Das geleakte "Netzanschlusspaket" von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche sieht vor, in kapazitätslimitierten Netzgebieten den Anschlussvorrang für Erneuerbare faktisch auszuhebeln. Neuanlagen würden dort bis zu zehn Jahre keine Entschädigung bei Abregelungen erhalten.

Zudem sollen Anlagenbetreiber über Baukostenzuschüsse stärker an Netzausbaukosten beteiligt werden. Die Branche reagierte alarmiert: Die Energiegenossenschaft Green Planet Energy sprach von einem "Frontalangriff auf die Energiewende", selbst RWE-Chef Markus Krebber kritisierte kürzlich das Vorhaben.

BDEW-Chefin Andreae kündigte an, notfalls "auf die Barrikaden" zu gehen – schon allein wegen der zu kurz bemessenen Konsulationsfrist. In diesem Klima wirkt der TAB-Musterwortlaut wie ein Versuch, wenigstens auf technischer Ebene für Verlässlichkeit zu sorgen. Er kann Prozesse beschleunigen – die großen politischen Fragen um Anschlussvorrang und Kostenbeteiligung aber löst er nicht.

Was noch aussteht

Der Musterwortlaut ist als "erste Version" deklariert. Weitere Harmonisierungen sollen in künftigen Überarbeitungen folgen. Zudem wird 2026 eine novellierte TAR Mittelspannung des Expertenforums VDE FNN erwartet, an die der Musterwortlaut angepasst werden muss.

Ob die Standardisierung tatsächlich zur Beschleunigung von Netzanschlüssen führt, wird sich zeigen – gerade vor dem Hintergrund der politischen Unsicherheiten bleibt die Skepsis groß.

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