Zum ersten Mal seit Jahren wird unter dem Strich wieder mehr Strom aus der Bundesrepublik exportiert als importiert. Im ersten Quartal lag die Netto-Exportmenge bei 2,6 Terawattstunden (TWh). Zur Einordnung: Das ist weniger als der halbe Netto-Stromexport, den Frankreich alleine im Januar 2026 hatte. Es entspricht etwa einem halben Prozent des deutschen Gesamtstromverbrauchs 2025.
Wie eine Trendwende wirken die Zahlen allemal. Grund genug, sich dem grenzübergreifenden Stromhandel im Detail zuzuwenden. Eine Analyse.
Wohin hat Deutschland exportiert?
Mit 3,85 TWh hat Deutschland im ersten Quartal am meisten Strom nach Österreich exportiert. Dahinter folgen eng gedrängt Tschechien mit 1,5 TWh, die Schweiz mit 1,4 TWh und Polen mit 1,1 TWh. Die Liste der Top-Einkäufer bleibt also relativ ähnlich zum Vorjahr. Bei den Werten handelt es sich jeweils um Nettobeträge, sie wurden also mit den Importwerten verrechnet. Die Daten stammen von der Bundesnetzagentur (BNetzA).
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Deutschland hat (netto) am meisten Strom aus Frankreich importiert. Mit 2,1 TWh ist das größte Nachbarland wieder Hauptstromlieferant Nummer eins.
Im vergangenen Jahr hatte Dänemark Frankreich überholt. Deutschlands nördlichster Nachbar lag im ersten Quartal mit 1,6 TWh auf Platz 2. Die Niederlande bleibt im Vergleich zum Ende des vergangenen Jahres unverändert auf Platz 3 – der Netto-Stromimport betrug im ersten Quartal 0,95 TWh.
Woher kam der Umschwung zum Nettoexporteur?
Die Erzeugungsbilanz aus dem ersten Quartal zeigt, dass im Vergleich zu den Vorjahren mehr Strom durch Gaskraftwerke erzeugt wurde. Die Erzeugung aus Kohle und erneuerbaren Anlagen blieb, ebenso wie der Verbrauch, auf einem ähnlichen Level wie in den letzten drei Jahren. Jenseits der deutschen Grenze sticht noch etwas ins Auge. Anders als in den letzten Jahren hat Norwegen mehr Strom importiert als exportiert.
Mit den großen Laufwasserkraftwerken gilt Norwegen eigentlich als klassischer Nettoexporteur. Alleine im Februar stiegen die Importe um 263 Prozent, laut Daten des Marktforschungsunternehmens IndexBox. Der größte Rückgang wurde im Bereich der Wassererzeugung verzeichnet – der Grund hierfür blieb zunächst unklar. Gleichzeitig stieg der Verbrauch im Bereich der privaten Haushalte erheblich, was auf tiefe Temperaturen zurückzuführen ist.
Wirft man einen Blick auf die Stromhandelsbilanzen der letzten Jahre, ist Deutschland seit 2023 klarer Stromimporteur gewesen. Zur Erinnerung: Am 1. April 2023 endete die zivile Nutzung von Kernenergie in Deutschland; ein Endlager für die Brennstäbe gibt es bis heute nicht. Doch ein weiterer Faktor spielt eine Rolle, wie Leonhard Gandhi vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE auf ZFK-Nachfrage erläuterte: "In der Vergangenheit hatte Deutschland vor allem sehr viel exportiert, weil die Erzeugung aus Kohlekraftwerken aufgrund einer sehr geringen Bepreisung der CO₂-Emissionen sehr wirtschaftlich war."
Heute könnten große Kohlemeiler, wie man sie im rheinischen Braunkohlerevier oder in der Lausitz findet, nur "bei sehr hohen Börsenstrompreisen kostendeckend betrieben werden". Ein Blick zurück zeigt: Vor 2017 kostete eine Tonne CO₂ meist weniger als zehn Euro. Durch einen stärkeren politischen Fokus auf die Bekämpfung des Klimawandels und die damit verbundenen Reformen stiegen die Preise. Gerade nach 2022 stiegen die Preise für Emissionszertifikate merklich. 2026 ist für den Preis ein Korridor zwischen 55 und 65 Euro vorgesehen. Rechnet man das Ganze mit der Menge CO₂, die pro erzeugter Megawattstunde (MWh) Kohlestrom entfällt, gegen, werden pro MWh zwischen etwa 50 und 60 Euro für die Zertifikate fällig.
Erneuerbare Energie als Exportgold des 21. Jahrhunderts?
Die gewünschte Wirkung von Maßnahmen – wie etwa der CO₂-Bepreisung – scheint zumindest im Energiebereich den gewünschten Effekt zu entfalten. War früher der billige Strom aus den Kohlekraftwerken exportwürdig, ist es heute der grüne Strom aus Wind, Wasser und Solar.
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Claudia Kemfert, Leiterin der Energieabteilung am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) sagte im Gespräch mit der ZFK: "Wenn viel Wind- und Solarstrom im System ist, sinken die Preise, und dann wird Strom automatisch exportiert. Deutschland exportiert Strom, wenn erneuerbare Energien viel liefern. Das ist ein ganz normaler Markteffekt, kein Politikwechsel."
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Gerade der starke Zuwachs bei der Windenergie habe den Anteil der erneuerbaren Energien im Gesamtstrommix deutlich erhöht. Im ersten Quartal lag dieser bei etwa 53 Prozent. Gandhi teilt die Sicht von Kemfert und fügte noch hinzu, dass der Export auch durch den stärkeren Zubau im Vergleich zu den Nachbarländern begründet sei.
Wie sieht die Zukunft des Stromhandels aus?
In Zukunft wird es bei einem Auf und Ab im grenzüberschreitenden Stromhandel bleiben, darin sind sich beide Expert:innen einig. "Die mittelfristige Entwicklung hängt insbesondere davon ab, ob der Zubau von erneuerbaren Energien mit dem steigenden Stromverbrauch aus E-Mobilität, Wärme und Industrie Schritt halten kann", prognostizierte etwa Gandhi.
Dass sich Im- und Exporte abwechseln, sei jedoch keineswegs ein Problem, "sondern Ausdruck eines funktionierenden europäischen Strommarkts", ordnete Kemfert ein. In der Vergangenheit wurde vor allem der Stromimport nach Deutschland immer wieder fälschlicherweise als Bollwerk gegen den Ausbau erneuerbarer Energien vorgebracht.
Im fossilen Bereich seien die Importquoten weitaus größer, gab Gandhi zu bedenken. Auch wenn der europäische Strommarkt aus seiner Sicht ein "großes Erfolgsmodell" sei, müsse jedes Land anstreben, in etwa so viel zu produzieren, wie verbraucht wird. "Hierfür ist in Deutschland aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte und des hohen Anteils an Industrieproduktion in der Wertschöpfung ein forcierter Ausbau von erneuerbaren Energien notwendig." Gerade der Zubau von Batteriespeichern würde in den kommenden Jahren besonders wichtig werden.
Aus Sicht von Kemfert sei ein weiterer Zubau schon alleine aus wirtschaftlicher Sicht geboten. Wenn man beim Ausbau der Erneuerbaren-Anlagen jetzt bremse, würde man eine wirtschaftliche Chance verspielen. "Wir brauchen einen Turbo, dann kann Deutschland langfristig auch wieder dauerhaft zum Stromexporteur werden", zieht Kemfert Resümee.



