Branchenexperten erwarten, dass künftig mehr Großwärmepumpen in der Fernwärme zum Einsatz kommen.

Branchenexperten erwarten, dass künftig mehr Großwärmepumpen in der Fernwärme zum Einsatz kommen.

Bild: © Christophe Gateau/dpa

Die Wärmewende in den Kommunen bekommt ein neues Betriebssystem. Weg von der dominierenden, grundlastorientierten Kraft-Wärme-Kopplung (KWK), hin zu flexiblen Erzeugungsportfolios, die sich am Strommarkt orientieren.

Die zentrale Frage lautet dabei nicht mehr, ob die Fernwärme elektrischer wird – sondern wie schnell und in welchem Zusammenspiel mit bestehenden Technologien. Das war der Tenor einer Diskussion beim Tag der Kommunen anlässlich der Energiefachmesse E-World 2026 in Essen.

Elektrifizierung in der Fernwärme nimmt zu

"Wärmenetze werden überall elektrifiziert werden", prognostizierte Andreas Görtz, Leiter des Kompetenzteams Erzeugung Strom & Wärme beim Beratungsunternehmen BET Consulting. Strombasierte Energieträger könnten demnach bis 2030 einen Anteil von 17 Prozent in der zentralen Wärmeversorgung erreichen.

Vor allem Großwärmepumpen auf Basis von Umweltwärme dürften dabei zur Schlüsseltechnologie werden. Laut Görtz dürften sie das Hauptmittel der Versorger sein, um die gesetzliche Vorgabe von 30 Prozent erneuerbarer Energien oder Abwärme in der Fernwärme ab 2030 zu erfüllen.

Die neuen Erzeugungsanlagen verändern auch die Einsatzlogik in den Netzen grundlegend. Künftig entscheidet der stündliche oder sogar viertelstündliche Strompreis über die Einsatzreihenfolge: Wärmepumpen und Power-to-Heat-Anlagen laufen in Niedrigpreisphasen, KWK-Anlagen in Hochpreiszeiten. "Die Rolle der KWK wandelt sich zum hochflexiblen Bereitsteller von Strom und Wärme auf lokaler Ebene", so Görtz.

Technisch sei das beherrschbar – ökonomisch sei es die größere Herausforderung. Starre Netzentgelte und Abgaben bremsen derzeit noch die Flexibilität, Förderinstrumente wie die Bundesförderung effiziente Wärmenetze (BEW) und das Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz (KWKG) sind finanziell nicht ausreichend ausgestattet oder laufen aus. "Ökonomische Potenziale zu finden, ist die große Aufgabe – weniger die technischen."

KWK: Vom Dauerläufer zum Spitzenakteur

Dass die KWK nicht verschwindet, sondern ihre Rolle verändert, zeigte das Beispiel Hannover. Manfred Schüle, Geschäftsführer von Enercity Contracting, berichtet von einem umfassenden Umbau des unternehmenseigenen Erzeugungsportfolios: 400 Megawatt Wärmeleistung sollen durch regenerative Quellen ersetzt werden. Statt auf eine dominante Technologie setzt das Unternehmen auf Diversifizierung – 13 bis 14 Erzeugungsquellen sind geplant oder bereits umgesetzt.

Dazu zählen drei KWK-Anlagen, zwei davon mit Biomethan betrieben, ein Biomassekraftwerk mit Absorptionswärmepumpe, Großwärmepumpen – darunter eine Flusswasserwärmepumpe –, Geothermie sowie Power-to-Heat-Kessel. "Mit Wärmepumpen und KWK haben wir zwei Gegenpole im Markt, die sich gut ergänzen", sagte Schüle.

Die KWK wird dabei zum Flexibilitätsanker im Hochpreisfenster. Ihre Einsatzzeiten sinken, ihre Wertigkeit steigt. "Das Gesamterzeugungsportfolio muss künftig auf Stundenbasis optimiert werden, die Menschen müssen ihre Kompetenz an die Maschine abgeben." Digitale Optimierung wird damit zur betriebswirtschaftlichen Notwendigkeit.

Gleichzeitig bleibt die Investitionsfrage zentral. "Solche hochinvestiven Entscheidungen können nur getroffen werden, wenn die Rahmenbedingungen auf eine solide Basis gestellt werden", mahnte Schüle. Alles, was gebaut werde, sei teuer und zeitintensiv. Planungssicherheit sei deshalb entscheidend.

Strommarkt als Erlösquelle

Jana Bosse, Seniorexpertin für erneuerbare Wärme bei der Deutschen Energie-Agentur (Dena), sah im Strommarkt zusätzliche Geschäftsmodelle für Fernwärmeversorger. So könnten Elektrokessel gezielt Strom abnehmen und Regelleistung bereitstellen. In Dänemark habe sich dies bereits etabliert.

"Das Prinzip lautet: Wir erzeugen Wärme und machen Geld damit – das ist ein Top-Business-Case und das funktioniert", so Bosse weiter. In Dänemark müsse man keine Bank mehr davon überzeugen, dass solche Modelle tragfähig seien.

Überhaupt lohnt der Blick nach Norden. Dänemark integriert seine Fernwärme deutlich stärker ins Stromsystem. Viele Versorger können mehr Wärme erzeugen, als sie unmittelbar benötigen, und wählen je nach Preissignal die günstigste Technologie aus. Speicher gehören dort selbstverständlich zum System – jedes Netz verfügt über eine Speicherlösung, wie Kathrin Lemke vom Königlich Dänischen Generalkonsulat Hamburg in einem Vortrag zuvor ausgeführt hatte.

Auch der Technologiemix ist beim nördlichen Nachbar breiter aufgestellt, als dies in Deutschland noch der Fall ist: Neben Biomasse kommen Großwärmepumpen, Abwärme, Elektroboiler und zunehmend Geothermie zum Einsatz. Ein wichtiger Unterschied: Die Fernwärme ist bei den Skandinaviern nicht gewinnorientiert organisiert, sondern folgt dem Selbstkostenprinzip – ein Strukturunterschied, der Investitionen erleichtert.

In Deutschland skizzierte Bosse von der Dena dagegen noch eine Lücke zwischen kommunaler Planung und bundespolitischen Zielen. In vielen Wärmeplänen seien weniger Wärmepumpen vorgesehen als in den Szenarien der Bundesregierung. Auch in dem von BET-Berater Görtz vorgestellten Szenario lag der Elektrifizierungsgrad höher – wenn auch unter den bundespolitischen Zielen. Teilweise werde in Wärmeplänen derzeit außerdem stark auf Wasserstoff gesetzt, obwohl weder Infrastruktur noch Verfügbarkeit gesichert seien, bemängelte Bosse weiter.

Elektrifizierung nicht das Ende der KWK

Die Diskussion auf dem Tag der Kommunen machte deutlich: Die Wärmewende ist weniger eine Frage einzelner Technologien als eine Systemfrage. Elektrifizierung bedeutet nicht das Ende der KWK, sondern ihre Transformation. Wärmepumpen liefern erneuerbare Grund- und Mittellast, KWK sichert flexible Spitzen und Stromerlöse.

Entscheidend wird sein, wie gut es gelingt, Erzeugung, Speicher und Strommarktintegration digital zu verzahnen – und ob Förder- und Regulierungsrahmen mit der technischen Entwicklung Schritt halten. Klar ist: Gar nichts zu tun, ist keine Option. Oder wie Schüle es formuliert: "Auch mal in kleinen Schritten vorwärtsgehen und das umsetzen, was machbar ist."

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper