Von Ariane Mohl
Nach Einschätzung der KWK-Branche setzt die Bundesregierung aufgrund diverser politischer und regulatorischer Versäumnisse die Versorgungssicherheit aufs Spiel. Mit der wachsenden Bedeutung der Erneuerbaren wachse die Nachfrage nach regelbarer Leistung. Trotz dieses Bedarfs bleibe der Ausbau von KWK-Anlagen aber weit hinter den Erwartungen zurück, waren sich Vertreter der Verbände Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft, AGFW – Der Energieeffizienzverband für Wärme, Kälte und KWK sowie der Bundesverband Kraft-Wärme-Kopplung (BKWK) bei einem Pressegespräch in Berlin einig. Im Gepäck hatten die Verbände eine von ihnen beauftragte Studie von Frontier Economics.
Die Autoren der Analyse mit dem Titel "KWK 2.0 – Potenziale für eine gesicherte, bezahlbare und klimaneutrale Energieversorgung" zeichnen ein düsteres Bild der Kraft-Wärme-Kopplung. Laut der Studie soll KWK eine entscheidende Rolle bei der Schließung der Kapazitätslücke von 17 bis 21 Gigawatt (GW) bis 2030 spielen. Aber die Unsicherheit sei so groß, dass niemand bereit sei, in den dringend benötigten Ausbau zu investieren, erläuterte John Werner, Leiter Strategie von Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft. Banken seien angesichts völlig unklarer Rahmenbedingungen nicht bereit, Kredite zu gewähren, ergänzte BKWK-Chef Claus-Heinrich Stahl.
Branche macht Druck
Hauptärgernis für die Branche ist die seit einem Jahr ausstehende Verlängerung des KWK-Gesetzes (KWKG). Dieses müsse noch vor der anstehenden Bundestagswahl verlängert werden, führte John Werner aus. Für den AGFW betonte Jens Kühne, dass eine "substanzielle Weiterentwicklung" des Gesetzes durch eine neue Bundesregierung unerlässlich sei.
Dass die Politik die Vorzüge der KWK nicht recht zu erkennen scheint, ist für die Branchenvertreter nur schwer nachvollziehbar. So zeige die Studie von Frontier Economics, dass das Potenzial für die kommunale Wärmeversorgung, aber auch die Industrie – Stichwort: Standort Deutschland – riesig sei. KWK-Anlagen seien schwerpunktmäßig verbrauchsnah und wichtig, um kostenintensive Netzausbaubedarfe im Übertragungsnetz zu reduzieren, heißt es in der Analyse. Zudem seien KWK-Anlagen zu einem Großteil im Verteilnetz angeschlossen und können so einen optimierten Stromnetzausbau ermöglichen.
KWK kann auch "grün"
Detailliert äußern sich die Studienautoren auch zum Beitrag der KWK zur CO2-Reduktion. KWK-Anlagen haben demnach ihre CO2-Intensität bereits signifikant senken können. Die durchschnittliche CO2-Intensität sei von 319 Gramm CO2 pro Kilowattstunde im Jahr 2003 auf 209 Gramm CO2 pro Kilowattstunde im Jahr 2022 gesunken – eine Reduktion von rund 35 Prozent. Insgesamt sei die KWK eine Technologie, die bei Verfügbarkeit CO2-arme und -freie Brennstoffe nutzen könne. Der Anteil von erneuerbaren Energien als KWK-Brennstoffeinsatz ist nach Einschätzung von Frontier Economics bereits jetzt stark steigend und seit 2003 von 7 Prozent der gesamten Inputmengen auf 29 Prozent im Jahr 2022 angestiegen.
Die Studie belegt allerdings auch eindrucksvoll, dass neben dem Ausbau der KWK auch deren Modernisierung längst überfällig ist. Rund 75 Prozent der bestehenden KWK-Anlagen in Deutschland sind älter als zehn Jahre. Eine Flexibilisierung der Anlagen sei unabdingbar, sagte John Werner. Die neuen Anlagen würden weniger Stunden laufen, hätten aber eine deutlich höhere Leistung. Eine stabile Förderkulisse sei wichtiger denn je, so die Verbände unisono.
Rückenwind durch Kapazitätsmarkt
Insgesamt müsse es darum gehen, den Anlagen eine nachhaltige Perspektive zu geben, so Werners Plädoyer. Er sprach sich zugleich für die Überführung in einen Kapazitätsmarkt aus, der etwa in Großbritannien gut funktioniere und die KWK vorangebracht habe. Der "hybride Ansatz" aus dem Haus von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) sei allerdings eine "Kopfgeburt" gewesen.
Deutschland müsse alles tun, um den Anschluss an andere Länder nicht zu verlieren. "Die KWK hat das Potenzial, die Energiewende entschieden voranzutreiben. Doch ohne klare Signale aus der Politik wird Deutschland dieses Potenzial nicht ausschöpfen können", resümierte Werner. "Die KWK ist ein zentraler Hebel für eine kosteneffiziente und resiliente Energiewende und steht für Standortstabilität. Andere Länder machen es vor – es ist Zeit, dass Deutschland aufholt", so Werner weiter. Es brauche klare Signale aus der Politik, um die Potenziale voll ausschöpfen zu können.
Verbände fordern Pragmatismus und mehr Selbstbewusstsein
Auf ZfK-Nachfrage erläuterte Werner, dass er sich von der Politik mehr Pragmatismus und Wirtschaftsnähe wünsche. Dem stimmte für den AGFW auch Jens Kühne zu. Deutschland neige dazu, alles bis ins kleinste Detail zu regulieren. Man wolle immer der "Musterschüler" sein, kritisierte John Werner. Von der Bundesregierung wünscht sich Kühne nicht zuletzt ein selbstbewussteres Auftreten in den Debatten mit der EU-Kommission. Diese hatte sehr zum Ärger der Branche in letzter Minute Revision gegen das im Januar 2024 gesprochene Urteil zur beihilferechtlichen Relevanz des KWKG eingelegt – und damit die Novellierung des für die Förderung der Anlagen zentralen KWKG ausgebremst.
Die drei Verbände haben dazu eine klare Haltung: Das Bundeswirtschaftsministerium sollte einfach loslegen und beim KWKG in die Verlängerung gehen, statt sich, wie Stahl sagte, "hinter der Revision zu verkriechen". Deutschland habe keine Zeit, den Aufbau dringend benötigter Back-Up-Kapazitäten zur Absicherung der Energiewende in Strom und Wärme weiter auf die lange Bank zu schieben.



