Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) bei der Besichtigung des Power-to-Heat-Projekts in der Pankower Allee, Berlin.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) bei der Besichtigung des Power-to-Heat-Projekts in der Pankower Allee, Berlin.

Bild: © Bernd von Jutrczenka/dpa

Es ist ein Projekt, das Schule machen könnte. Denn es könnte dabei helfen, zwei Probleme der heutigen Energiewelt auf einmal zu lösen.

In einem denkmalgeschützten Wohnhaus aus den 1920er-Jahren im Norden Berlins wird immer dann Strom in Wärme umgewandelt, wenn Grünstrom das Übertragungsnetz zu überlasten droht und sonst abgeregelt werden müsste.

Start-up-Idee mit Heizstäben

Konkret wurden digital steuerbare und mit dem Stromnetz verbundene Heizstäbe in Warmwasserspeicher eingebaut. Kann überschüssiger Grünstrom genutzt werden, erwärmen die Heizstäbe das Wasser für die Heizungsanlage des Gebäudes.

Hinter dem Vorhaben stehen der Wohnkonzern Vonovia, die Netzbetreiber 50 Hertz und Stromnetz Berlin sowie das Start-up Decarbon1ze, das die Warmwasserspeicher des Wohnhauses umgerüstet hat.

Heizen statt abregeln

Das Verfahren hat zwei Vorteile: Statt Stromerzeuger abregeln zu müssen, würde überschüssiger Strom dort eingesetzt werden, wo noch immer fossile Energiequellen dominieren: im Wärmebereich. Im Berliner Wohnhaus wird nämlich nur dann Gas verbrannt, wenn kein überschüssiger Grünstrom genutzt werden kann.

Noch ist das Projekt im Anfangsstadium. Es gehe darum, die Kostenbasis genau zu definieren, um Preise und Investitionssicherheit zu schaffen, erklärte Decarbon1ze-Chef Knut Hechtfischer. Ziel müsse es sein, dass das Heizen mit überschüssigem Strom am Ende trotz aller anfallender Kosten günstiger sei als das Heizen mit Gas.

Habeck begeistert

Nach einer Besichtigung der Anlage zeigte sich Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) am Montag begeistert.

Wer eine eigene Solaranlage auf dem Dach habe, könne so selbst erzeugten überschüssigen Strom in Wärme umwandeln, sagte er.

"Windduscher"-Aufkleber

Wer keine eigene Solaranlage auf dem Dach habe, könne den Strom aus dem Netz nehmen, wann immer dort überschüssiger Strom vorhanden sei. Dieser Strom würde vom Übertragungsnetzbetreiber eingesammelt, ins Verteilnetz weitergeleitet und in der Folge in vielen kleinen Power-to-Heat-Anlagen in Wärme umgewandelt werden.

"Das ist vielleicht dann weniger Solarstrom, sondern Windstrom", sagte Habeck und zeigte einen Aufkleber, auf dem "Windduscher" stand. "Dann duscht man halt mit Windstrom. Wahrscheinlich hat man auch ein anderes Duscherlebnis, wenn man weiß, dass es erneuerbarer Strom ist, den man da hat", scherzte der Minister.

Viel Potenzial

Die Beteiligten sehen in der Technik viel Potenzial. Die Wärmebereitstellung über Power-to-Heat-Anlagen sei eine sehr effiziente Art, um überschüssigen Strom im Sinne der Sektorkopplung zu nutzen, sagte Stefan Kapferer, Chef des Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz. "Wir brauchen auch viele kleine Anlagen im Netz, denn irgendwann sind die Möglichkeiten, mit Stadtwerken große Anlagen zu errichten, ausgereizt."

Das Potenzial für kleine Power-to-Heat-Anlagen im Netzgebiet seines Unternehmens schätzte Kapferer auf rund 700 Megawatt (MW). "Das ist gut für die Stabilität des Netzes und die Akzeptanz der Energiewende."

Strikte Teilnahmebedingungen

Um die Menge des abgeregelten Stroms aus erneuerbaren Energien zu reduzieren, hat der Bund im Energiewirtschaftsgesetz (Paragraph 13k) die sogenannte Regel "Nutzen statt Abregeln" geschaffen. Ab dem 1. Oktober können die Übertragungsnetzbetreiber überschüssige Strommengen zu einem günstigeren Preis Abnehmern zuteilen.

Die Teilnahmebedingungen sind allerdings strikt. Generell werden nur Abnehmer in sogenannten Entlastungsgebieten gefördert. Das sind Gebiete, die vor Engpassstellen im Übertragungsnetz gelegen sind, damit der überschüssige Strom schnell dorthin geleitet werden kann.

Berlin gehört nicht dazu, dafür aber Hamburg. Deshalb will sich Vonovia nach eigener Aussage nun auch zunächst auf die Hansestadt fokussieren. Erklärtes Ziel ist es, bereits an den ersten Ausschreibungen im Oktober teilzunehmen. (aba/dpa)

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