Im Wahlkampf löste der wohl kommende Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) noch Irritationen aus, als er zwischenzeitlich den Einsatz von Wasserstoff etwa in der Stahlindustrie infrage zu stellen schien. Für BDEW-Chefin Kerstin Andreae ist dagegen klar: Deutschland braucht Wasserstoff. Sie wünscht sich von der neuen Bundesregierung noch mehr Engagement. Außerdem findet die Verbandschefin angesichts einer möglichen zusätzlichen Fernwärmepreisaufsicht deutliche Worte. Hier Teil zwei des ZFK-Interviews:
Frau Andreae, die Zweifel, dass sich Wasserstoff als verfügbare und bezahlbare Alternative zu Erdgas etablieren kann, bleiben groß. Sollte Deutschland weiter auf Wasserstoff setzen?
Das Leitbild ist relativ einfach: Die erneuerbaren Energien stehen im Zentrum der Stromversorgung. Aber sie brauchen einen Partner, und das sind die Moleküle. Perspektivisch wird dies Wasserstoff sein. Das heißt, der Wasserstoffhochlauf muss konsequent vorangebracht werden. Das ist nicht nur klimapolitisch, sondern auch industriepolitisch sinnvoll.
Industriepolitisch? Das müssen Sie erläutern.
Wir sind bei weitem nicht das einzige Land, das sich für Moleküle entschieden hat. Das heißt: Hochinnovative, wasserstofffähige Gaskraftwerke, Elektrolyseure oder CCS-Technologien für blauen Wasserstoff werden weltweit gebraucht. Das ist eine große Chance für die deutsche Industrie. Ich kann nur empfehlen, dass wir jetzt, wo wir schon so viele Schritte gegangen sind, den Hürdenlauf nicht mittendrin abbrechen, sondern weitergehen. Wenn wir unabhängiger, resilienter werden wollen und Stabilität anstreben, dann ist Wasserstoff die Antwort, für die sich dieses Land schon seit Langem entschieden hat. Daneben besteht natürlich die zentrale Rolle von Wasserstoff bei der Dekarbonisierung der Industrie, insbesondere bei Stahl.
Klar ist, dass Deutschland den Wasserstoffhochlauf nicht allein stemmen kann, sondern auf Partner innerhalb und außerhalb der Europäischen Union angewiesen ist. Was erwarten Sie sich hier von einer neuen Bundesregierung?
Deutschland sollte eine europäische Wasserstoffallianz anführen, ähnlich wie das Frankreich mit der Gründung einer europäischen Nuclear Alliance getan hat. Es gibt in Europa eine Reihe von Ländern, die künftig auf Wasserstoff setzen. Denken wir nur an Spanien, die Niederlande, Dänemark oder Österreich. Wenn Deutschland mit seiner Stärke diese Interessen bündeln und koordinieren würde, wäre das ein enormer Gewinn.
Aber sind wir mal ehrlich: Wie attraktiv ist Wasserstoff für Europas Industrie überhaupt, wenn beispielsweise die USA aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen und voll auf fossiles Erdgas setzen, Klimakrise hin oder her?
Die wirtschafts- und wettbewerbspolitische Perspektive muss unbedingt eingenommen werden. Die europäische Industrie darf nicht ins Hintertreffen geraten. Deshalb muss sehr genau geschaut und feinjustiert werden, wie sie auf dem Weg zu einer klimaneutralen Wirtschaft unterstützt werden kann.
Auf der anderen Seite wissen wir, dass in vielen Regionen der Welt das Thema Green Economy nach wie vor einen sehr hohen Stellenwert hat. Auch wenn uns der Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen große Sorgen bereitet, dürfen wir hier nicht nachlassen. Im Gegenteil: Europa sollte sich auf seine Stärken besinnen. Wenn wir geeint sind, haben wir großes Gewicht. Europa ist eine starke Wirtschaftsregion.
In Europa dürfte Wasserstoff auch deshalb wettbewerbsfähiger werden, weil Erdgas und Erdöl wegen steigender CO2-Preise teurer werden. Ab 2027 soll auf europäischer Ebene ein eigener CO2-Emissionshandel, der sogenannte ETS 2, für den Verkehrs- und Gebäudebereich eingeführt werden. Müssen wir uns dann auf ähnliche Debatten wie beim Heizungsgesetz gefasst machen?
Bezahlbarkeit ist ein ganz zentraler Punkt. Deshalb sind auch eine Senkung der Stromsteuer und ein Zuschuss zu den Übertragungsnetzentgelten so wichtig. In Deutschland gibt es zudem mit dem nationalen Brennstoffemissionshandel bereits seit 2021 einen Vorläufer des ETS 2.
Wie hoch die CO2-Preise im Wärme- oder Mobilitätssektor ausfallen werden, wird von der Nachfrage abhängen. Klar ist aber: Die Einführung des ETS 2 muss sozialpolitisch flankiert werden. Förderungen müssen so ausgestaltet werden, dass sie gezielt den Menschen helfen, die sie brauchen.
Haben Sie Sorge, dass Energieversorger wieder in die Rolle des Überbringers schlechter Botschaften kommen, wenn der CO2-Preis Gas- und Wärmepreise in die Höhe treibt?
Ja, die haben wir. Es ist ja auch verständlich, wenn Kunden ihre persönliche Betroffenheit im Kundencenter formulieren. Wir stellen uns hier aber schützend vor unsere Unternehmen. Die Politik sollte das auch tun.
Wärmepreise spielten auch in den Wahlprogrammen von SPD und Grünen eine Rolle. Beide forderten eine Fernwärmepreisaufsicht. Wäre das für Sie akzeptabel?
Es gibt bereits eine Reihe von Verbraucherschutzinstrumenten bei der Fernwärme. Wir brauchen kein zusätzliches Element, vielmehr sollten bestehende Instrumente überarbeitet werden. Daran arbeiten wir bereits. Grundsätzlich halten wir es für wichtig, dass Missbrauch benannt und entsprechend geahndet wird. Das ist aber bereits der Fall.
Wogegen wir uns vehement wehren, ist ein Preisdeckel. Das möchte ich an dieser Stelle auch ganz deutlich sagen: Wer einen Preisdeckel in der Fernwärme fordert, der hat die Fernwärme noch nicht verstanden.
Im ersten Teil des ZfK-Interviews mit BDEW-Chefin Kerstin Andreae ging es unter anderem um die Themen Klimaziele, Klimageld und Kraftwerksstrategie. Hier können Sie es nachlesen.





