Die Genehmigungsverfahren für neue Erneuerbare-Energien-Anlagen haben sich beschleunigt. Darin waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Diskussion "100 % EE-Strom – einfach machen?" beim BDEW-Kongress 2024 des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft einig. So habe die Verabschiedung des Solarpakets I dazu beigtragen, dass sich der Ausbau der Photovoltaik in Deutschland auf bereits hohem Niveau nochmal steigerte.
Mit bisher 6,1 Gigawatt (GW) ist fast die Hälfte des Ausbauziels von 13 GW für das laufende Jahr erreicht. Beim Ausbau der Windenergie an Land liegt Deutschland hingegen weiter hinter dem Plan. Anfang 2024 gab es jedoch einen neuen Genehmigungsrekord. An den Finanzierungsbedingungen dürfte es nicht scheitern. "Auf der Finanzierungsseite mache ich mir keine großen Sorgen", sagte Matthias Taft, Vorstandsvorsitzender des Erneuerbaren-Unternehmens BayWa r.e. "Kapital ist ausreichend vorhanden."
Entscheidend dürfte der Abbau von Bürokratie sein. "Wir brauchen ganz viel Digitalisierung, um Prozesslaufzeiten zu verkürzen", sagte Michael Raschemann, Geschäftsführer des Projektierers Energiequelle. Dies würde die Kosten für alle Akteure senken. Im Vorfeld sei es auch wichtig, die Energieeffizienz zu erhöhen und den Stromverbrauch insgesamt herunterzufahren.
Auch die Akzeptanz der Bevölkerung müsste stärker berücksichtigt werden. "Die finanzielle Beteiligung bei neuen Windparks hat schon Bürgermeister motiviert, sich stärker für ein Projekt einzusetzen", so Raschemann weiter. Es brauche zudem mehr Partizipationsmöglichkeiten wie etwa Crowdfunding für die Gemeinden, damit Anwohnerinnen und Anwohner sich auch mit neuen Erneuerbaren-Projekten identifzierten.
Hohe Einkünfte für Pumpspeicher
Negative Strompreise und niedrige Erlöse für Solarstrom sind inzwischen keine Seltenheit mehr. Spanien ist davon genauso betroffen wie Deutschland. Daher forderte BayWa r.e.-Chef Taft nun eine stärkere Flexibilisierung des Stromsystems, sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite.
"Wenn Sie zu viele Anlagen einer Technologie bauen, sind negative Preise die Folge", so Taft. "Hier können wir aber mit Batteriespeichern gut dagegenarbeiten." Betreiber von Pumpspeicherkraftwerken in der Schweiz und in Österreich würden sich über hohe Einkünfte freuen. Speicher lohnten sich finanziell.
In Gesamtsystem integrieren
Eine zusätzliche staatliche Förderung für Batteriespeicher brauche es nicht, betonte der CEO von BayWa r.e. Dafür sei es wichtig, Planungssicherheit zu schaffen. Speicher müssten auch besser in das Gesamtsystem integriert werden.
Helene Bistrom, Senior Vice President, Head of Business Area Wind beim Energiekonzern Vattenfall, hob hervor, dass flexible Stromnachfrage künftig eine größere Rolle spielen werde. Ergänzt um Flexibilität auf Angebotsseite, etwa durch Speicher, aber auch Pumpspeicherkraftwerke und Wasserstoff. "Hundert Prozent Erneuerbare sind realistisch", sagte Bistrom. Bis 2045 müssten jedoch alle Marktteilnehmer noch lernen, flexibler mit Angebot und Nachfrage im Stromsystem umzugehen.
Mindestens 20 GW Leistung
Auch die Kraftwerksstrategie fand in diesem Zusammenhang Erwähnung. "Wir brauchen dringend mehr Informationen, wie die Kraftwerksstrategie ausgestaltet wird", sagte Manon van Beek, Vorstandsvorsitzende beim Übertragungsnetzbetreiber Tennet. Zusätzliche flexible Leistung von 20 bis 25 Gigawatt (GW) seien notwendig, schätzte die Managerin. "Das ist viel und wir brauchen die Leistung dringend."
Mit Blick auf Kosteneffizienz sprach sich van Beek erneut dafür aus, bei den noch in Planung befindlichen Übertragungsnetzleitungen auf Freileitungen statt auf Erdkabel zu setzen. "Das spart über 20 Mrd. Euro ein." Die Energiewende werde außerdem zu regionalen Unterschieden führen. So würden Regionen nahe der Nordsee durch den Ausbau der Offshore-Windenergie stark profitieren. Hier brauche es Ausgleichsmechanismen, um regionale Gerechtigkeit sicherzustellen, resümierte van Beek. (jk)



