Essen, Deutschlands elftgrößte Stadt nach Einwohnern, hat geliefert. Seit rund einem Monat hat die Reviermetropole eine kommunale Wärmeplanung – beschlossen vom Rat, wo Schwarz-Rot unter Führung von Oberbürgermeister Thomas Kufen, CDU, eine Mehrheit hat.
Das Ergebnis ist vergleichbar mit dem, was andere Großstädte vorgelegt haben. In Gebieten mit hoher Wohndichte bevorzugt die 590.000-Einwohner-Stadt Wärmenetze. In weniger dicht besiedelten Gebieten seien eher dezentrale Lösungen möglich, ist in einer Pressemeldung nachzulesen. Als Beispiele nennt Essen Wärmepumpen oder Pelletheizungen.
Essen bei Wasserstoff defensiv
Was in der Pressemeldung nicht auftaucht, sind Gasheizungen und Gasnetze, Wasserstoff und Biogas. Auf einer eigens eingerichteten Informationsseite warnt Essen sogar davor, sich dauerhaft auf Gasheizungen zu verlassen. Nach aktuellem Stand seien zwar Hybridlösungen zulässig, bei denen erneuerbare Wärme etwa mit einer Gasheizung kombiniert werde. "Diese restlichen Anteile sind jedoch keine dauerhafte Lösung."
Auch bei Wasserstoff bleibt Essen defensiv. Der Brennstoff könne künftig für einzelne Anwendungsfälle in der Wärmeversorgung eine Rolle spielen, "jedoch nicht flächendeckend".
Der Knackpunkt dabei: Während die Essener Informationsseite noch auf der sogenannten 65-Prozent-Erneuerbaren-Regel für neue Heizungen fußt, plant die schwarz-rote Koalition in Berlin, genau diese Regel abzuschaffen. An ihre Stelle sollen eine überarbeitete Biotreppe und eine neue Grüngasquote treten, mit deren Ausgestaltung sich das zuständige CDU-geführte Bundeswirtschaftsministerium mindestens bis zum Sommer Zeit lassen will.
Essen: "65-Prozent-Regel hat sich grundsätzlich bewährt"
Im CDU-geführten Essen hält sich die Begeisterung darüber in Grenzen. "Die 65-Prozent-Erneuerbaren-Regel hat sich grundsätzlich als Instrument zur Steigerung des Anteils erneuerbarer Energien im Wärmesektor bewährt", teilte das Rathaus auf ZFK-Anfrage mit. "Die Einführung von Grüngas- und Grünheizölquoten ist mit Risiken verbunden, da die Verfügbarkeit grüner Gase begrenzt und deren Preisentwicklung schwer kalkulierbar ist."
Als Schwarz-Rot im Bund das Aus der 65-Prozent-Regel verkündete, war der Unmut in Großstädten mit grüner Energiezuständigkeit besonders vernehmbar. "Mit diesem Entwurf will Schwarz-Rot den Klimaschutz im Gebäudesektor faktisch abschaffen – ein fataler und besorgniserregender Rückschritt", kommentierte Katharina Fegebank, Energiesenatorin in Hamburg. Doch auch in unionsgeführten Rathäusern gibt es Grummeln, wie eine ZFK-Umfrage in einer Reihe von Großstädten ergab.
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Sorge gibt es unter anderem darüber, dass das Aufrechterhalten der Option Gasheizung den Ausbau der Fernwärme unterminiert und Städte sowie ihre Stadtwerke auf millionenschweren Investitionskosten sitzen bleiben könnten. Keines der von der ZFK angeschriebenen Rathäuser begrüßte die Abschaffung der 65-Prozent-Regel. Bayerns zweitgrößte Stadt Nürnberg, wo CSU-Mann Marcus König frisch als Oberbürgermeister wiedergewählt wurde, befürwortet die Abschaffung ausdrücklich nicht.
Grüngas ist knapp und deutlich teurer.
"Grüngas ist knapp und deutlich teurer, was Hausbesitzer möglicherweise dazu verleiten wird, den Umstieg auf klimafreundliche Technologien zu verzögern", teilte das Rathaus mit. Die stärkere Technologieoffenheit ermögliche es zwar grundsätzlich, lokale Gegebenheiten besser zu berücksichtigen. "Es ist jedoch wichtig, dass die Nürnbergerinnen und Nürnberger eine klare Orientierung erhalten, welche Lösungen langfristig wirtschaftlich und stabil sind."
MVV-Technikchef: Abschaffung 65-Prozent-Regel "Katastrophe"
Die CDU-geführte Stadt Mannheim wollte sich zur geplanten Abschaffung der 65-Prozent-Erneuerbaren-Regel nicht äußern. Deutlich wurde dagegen Hansjörg Roll, Technikvorstand des Mannheimer Fernwärmeversorgers MVV Energie. In seiner ehrenamtlichen Rolle als Präsident des Fernwärmeverbands AGFW bezeichnete er bereits im Januar ein mögliches Aus der 65-Prozent-Regel als "Katastrophe".
Die Zahl neu installierter Gas- und Ölheizungen hat direkten Einfluss auf unsere Wärmeplanung.
Diplomatisch antwortete Martin Körner, Leiter des für Wohnen zuständigen Grundsatzreferats im CDU-regierten Stuttgart. "Die Zahl neu installierter Gas- und Ölheizungen hat direkten Einfluss auf unsere Wärmeplanung", schrieb er. "Wie sich diese entwickelt, hängt jedoch weniger von einzelnen Regelungen ab als von wirtschaftlichen Rahmenbedingungen – insbesondere von Energiepreisen und Förderkulissen."
Die Perspektiven für Gas- und Ölheizungen würden eher schwieriger, während klimafreundliche Alternativen wie Wärmepumpen oder Wärmenetze attraktiver würden. "Viele Eigentümerinnen und Eigentümer treffen ihre Entscheidungen bereits heute in diese Richtung – unabhängig von gesetzlichen Detailregelungen", kommentierte er. "Das stimmt mich zuversichtlich für die Transformation." Eine Anfrage im CDU-geleiteten Kölner Rathaus blieb zunächst unbeantwortet, wird aber gegebenenfalls hier nachgereicht.
Leipzig: "Große Unsicherheiten bei Bürgern"
Noch steckt die Reform des Gebäudeenergiegesetzes, in dem die 65-Prozent-Erneuerbaren-Regel verankert ist, in regierungsinternen Verhandlungen fest. Dem Vernehmen nach möchte die SPD an einigen Stellen nachbessern.
Druck gibt es dabei auch aus SPD-regierten Großstädten. Die Ankündigung der Bundesregierung zu den Eckpunkten des Gebäudemodernisierungsgesetzes "führt zu großen Unsicherheiten sowohl bei Bürgerinnen und Bürgern als auch bei der Wirtschaft", antwortete das Leipziger Rathaus, wo seit 2006 der Sozialdemokrat Burkhard Jung die Geschicke leitet.
Mit Blick auf Biotreppe und Grüngasquote schrieb Leipzig: "Die angekündigte Biogasbrücke wird mittel- bis langfristig die Kosten fossiler Wärmeerzeugung erhöhen. Die Verfügbarkeit und der Preis sind nicht gesichert."
Bochum hält an ursprünglichen Wärmeplanungen fest
Auch das SPD-geführte Bochum sieht noch nicht, wie ein Hochlauf grüner Gase in großem Umfang realisiert werden soll, ohne weitere Kostensteigerungen für Eigentümer und Mieter zu verursachen. "Das Preisrisiko – neben dem Anteil grüner Gase auch durch die CO₂-Bepreisung sowie die Marktvolatilität, zum Beispiel aufgrund geopolitischer Krisen verursacht, – trägt im Wesentlichen der Verbraucher."
Bochum selbst will an seinen ursprünglichen Wärmeplanungen festhalten. Heißt: heimische Fernwärmepotenziale etwa aus Gruben- und Flusswasser sowie Biomasse heben sowie für die dezentrale Wärmeversorgung Wärmepumpen. Und grüne Gase wie Wasserstoff? "Aufgrund des schlechten Wirkungsgrads bei der Herstellung von Wasserstoff, seiner stark begrenzten Verfügbarkeit und seiner hohen Kosten wird er nur als Baustein der zukünftigen Erzeugung der Fernwärme eine Rolle spielen", steht in der Potenzialanalyse, die die Stadt vor einem knappen Jahr veröffentlichte.







